Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

Interview mit einer Hummel

Eine Hummel ist immer in Bewegung und genießt den Nektar von einer Blume nach der anderen. Ein schönes Leben. Sie fliegt schwerelos durch die Luft und wirkt ganz sorglos. Doch der Schein trügt! Tagtäglich hat sie mit Fressfeinden, Artgenossen und ihrem größten Feind, der Landwirtschaft, zu kämpfen.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Erzählen Sie uns doch erst einmal ein wenig über sich, Frau Hummelkönigin.

Mein Name ist Heike von Erdhummel, und ich bin acht Monate alt. Ende Februar bin ich aus meinem Überwinterungserdloch gekrochen und habe nach langer und mühseliger Wohnungssuche einen alten Mäusebau in der Nähe eines Menschenhauses besiedelt. Dort lebe ich nun mit meinen 325 Töchtern, die fleißig für mich und meinen kommenden Nachwuchs arbeiten.

Unsere Leibspeisen sind selbstverständlich Nektar und Pollen, im Gegensatz zu anderen Hummelarten sind wir nicht ganz so wählerisch, von welcher Pflanze unser Futter kommt. Hauptsache, meine Arbeiterinnen bringen reichlich und kommen mit ihren Rüsseln an den Nektar im Blütenkelch.

Sie sagten eben, dass Sie aus Ihrem Überwinterungserdloch kamen, wo hielten Sie sich denn vor dem Winter auf?

Sie müssen wissen, wir Hummelköniginnen werden im Vergleich zu euch Menschen nicht sonderlich alt, wir leben etwa ein Jahr. Ende Sommer legte meine Mutter mich und meine Königinnenschwestern als Ei ab. Nachdem wir von unseren Arbeiter-Schwestern aufgezogen wurden, verließen wir das Nest. Auch Brüder gebar meine Mutter, doch die sah ich, wie alle anderen Familienmitglieder, nicht wieder. Sie überlebten den Winter nicht.

Bevor ich mir dann ein Loch für den Winter suchte, wurde ich noch von zahlreichen Drohnen, den männlichen Hummeln, umworben. Da eine Königin wie ich natürlich Klasse hat, suchte ich mir den Stärksten und Schönsten aus, ließ mich von ihm begatten und ging dann in meinen wohlverdienten
Winterschlaf. Den Samen der Männchen tragen wir Königinnen in unserem Körper, und im Frühjahr, wenn wir die ersten Arbeiterinnen gebären, verwenden wir ihn, um die Eier zu befruchten.

Wie können Sie denn kontrollieren, ob Sie eine Arbeiterin, Drohne oder Königin gebären?

Ach, das ist ganz einfach! Nachdem ich die Eier gelegt und befruchtet habe, schütte ich ein Pheromon aus, das ist eine Art Botenstoff, der auf die Eier wirkt. Solange ich das mache, schlüpfen nur Arbeiterinnen, die für die Pflege und Aufzucht von meinen Babys und mir zuständig sind, denn ich habe keine Zeit dafür und muss ständig neue Eier legen. Sie bebrüten sie, füttern sie und passen auf sie auf. Falls sich jedoch mal ein Eindringling ins Nest verirrt, helfe ich ihnen, ihn zu vertreiben. Schließlich bin ich die größte und stärkste Hummel im Staat!

Gebe ich dieses Pheromon nicht ab, werden daraus neue, große Königinnen, die ebenfalls von meinen Töchtern aufgezogen werden. Das werde ich jedoch erst ziemlich am Ende meines Lebens machen.

Kurz danach werde ich zudem noch Eier ablegen, die ich nicht mit dem Samen des Männchens befruchte. Daraus entstehen dann neue Drohnen.

Ab da wird es auch ungemütlich im Nest, da es meinen Töchtern nicht passt, dass nur ich Männchen gebären darf. Sie können zwar keine Weibchen produzieren, aber Männchen schon, denn dafür müssen sie nicht befruchtet werden. Sie werden anfangen, meine Eier zu fressen und ich ihre. Manchmal muss eine Königin dann sogar einige ihrer Töchter vertreiben oder
töten. Bis dahin werden wir aber auf jeden Fall noch ein gemeinschaftliches Leben führen.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Was für Eindringlinge kommen denn in Ihr Nest? Haben Sie auch Feinde außerhalb Ihres Staats?

Es gibt sogenannte Kuckucks-Hummeln, die wie ich aussehen, aber nicht meiner Art angehören. Diese kommen etwas später aus ihrem Winterschlaf, wenn ich schon die ersten Arbeiterinnen aufgezogen habe und versuchen, mich zu töten und meinen Staat zu übernehmen. Aber auch andere Insekten glauben, sie könnten sich an unserer mühsam gesammelten Nahrung verzehren, zudem gibt es auch jede Menge Parasiten wie Motten und Milben.

Ebenso schlimm sind aber auch Vögel und Dachse. Die Vögel jagen meine Töchter und Söhne außerhalb des Nestes, auch wenn wir durch unser Stachelgift nicht sonderlich gut schmecken. Dachse sind sogar eine Gefahr für das ganze Nest, da sie unseren Bau ausgraben, zerstören und fressen. Sie sehen also, wir haben ständig mit Feinden zu kämpfen!

Will der Mensch, bei dem Sie in der Nähe Ihr Nest gebaut haben, Sie nicht aus Angst vor Stichen und Angriffen vertreiben?

Keine Sorge! Das ist ein unglaublich netter Mensch, man könnte sogar schon sagen, dass er unser Freund ist! Als ich auf der Suche nach einem geeigneten Erdloch für mein Nest war, stand ich kurz vor dem Verhungern und konnte nicht mehr fliegen. Denn das Problem bei uns Hummeln ist, dass wir uns mit Hilfe von der Vibration unserer Flügelmuskeln wärmen. Haben wir keine Energie mehr, können wir diese nicht mehr bewegen und erfrieren. Der Mensch fand mich, ließ mich auf seine Hand krabbeln und gab mir etwas Zuckerwasser mit einem Löffel. Nach kurzer Zeit war mir wieder warm, und ich konnte davonfliegen. So rettete er nicht nur mich, sondern auch meine ganzen zukünftigen Kinder.

Angst braucht er auch nicht vor uns haben, denn wir stechen nur zu, wenn wir angegriffen oder eingequetscht werden. Vorher drohen wir auch, indem wir unser mittleres Bein wegstrecken oder uns auf den Rücken werfen und den Hinterleib Richtung Feind halten. Wenn man diese Zeichen sieht, sollte man sich lieber nicht weiter nähern. Außerdem können die Drohnen nicht stechen, da der Stachel das weibliche Eierlege-Organ ist, und stellen somit keine Gefahr dar.

Beeinflusst die Nähe zu einem Menschen Euer Leben noch anderweitig?

Ja, der Mensch hat mich nämlich nicht nur gerettet, sondern er sorgt auch für uns Hummeln! Er hat in seinem Garten jede Menge wundervoll leckere Pflanzen angelegt. Die meisten Hummeln lieben die Blüten von pollenreichen Pflanzen wie Lippenblütengewächsen (zum Beispiel Salbei, Lavendel und Nesseln), Schmetterlingsgewächsen (zum Beispiel Bohnen, Lupine und Klee), Rosengewächsen (zum Beispiel Apfel, Kirsche, Birne) und Flieder. Er achtet auch darauf, dass er auch im Sommer jede Menge Blumen anbietet, da Hummeln zu dieser Zeit oft verhungern. Im Frühjahr finden wir genug Nahrung, da es in allen Gärten, Parks und auf den Feldern nur so von schmackhaften Blumen strotzt, aber im Sommer ist fast alles verblüht, die Felder sind gelb, und durch die Landwirtschaft gibt es kaum noch wilde Blumenwiesen.

Außerdem pflanzt der Hummelfreund gleich mehrere von einer Pflanzensorte nahe beieinander. Meine Arbeiterinnen spezialisieren sich nämlich auf bestimmte Blumenarten; wenn von der Pflanze nur ein Exemplar vorhanden ist, lohnt sich der Aufwand nicht, zu lernen, wie sie an den Nektar gelangen können.

Hilft er auch anderen Hummelarten außer euch Erd-
hummeln?

Der Mensch bietet eine wirklich große Vielfalt an, damit auch andere Hummelarten, die auf nur wenige Blumensorten spezialisiert sind, ebenfalls Nahrung finden. Zum Beispiel ernährt sich die Distelhummel hauptsächlich von der pollenreichen Glockenblume und ist kurz vor dem Aussterben, da diese Pflanzen selten geworden sind.

Außerdem bietet er viele verschiedene Nistplätze an, wir Erdhummeln leben zwar in Erdlöchern, aber andere bevorzugen Löcher in Steinmauern oder hohlen Bäumen. Er hat auch ein paar selbstgebaute Nistplätze in seinem Garten! Durch die Felder werden nämlich praktische Nistplätze einfach zerstört, und die Königinnen sterben, bevor sie ein schönes Heim gefunden haben.

Da die Hummeln allgemein am Aussterben sind und wir unerlässlich für die Bestäubung der Blumen, Obst- und Gemüsepflanzen sind, ist es wichtig, dass wir geschützt werden. Wenn wir nicht mehr wären, gäbe es auch kaum noch Obst und Gemüse für den Menschen, und er müsste auf weniger ertragreiche Methoden in der Landwirtschaft zurückgreifen.

Möchten Sie noch ein paar letzte Worte an die Leser richten?

Ich hoffe sehr, dass noch mehr Menschen mit so Kleinigkeiten wie schmackhaften Pflanzen im Garten und auf dem Balkon und geeigneten Nistplätzen uns Hummeln helfen, am Leben zu bleiben. Vor allem wünsche ich mir, dass verstärkt auf die bedrohten Arten geachtet wird, damit diese nicht wie andere meiner Hummelverwandten gänzlich aus den Blumenwiesen verschwinden.

Vielen lieben Dank, Frau von Erdhummel, für dieses informative Gespräch. Jetzt verstehe ich euch besser und hoffe, dass noch mehr Menschen anfangen, euch zu schützen.

 

Lesetipp: Dave Goulson »Und sie fliegt doch – Eine kurze Geschichte der Hummel«, Hanser Verlag (19,90 Euro) – Witzig, informativ und lesenswert!
Comic: Katja Karras

Comic: Katja Karras

Über Lucie Baltz

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Erstellt: 07.08. 2015 | Bearbeitet: 03.08. 2015 13:15