Aug 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

Insekten essen!

Eklig? Unhygienisch? Hierzulande ist es für viele unvorstellbar, kleine Krabbler und Kriecher zu verspeisen, in anderen Ländern gelten die Tiere als proteinreiche Delikatesse. Vielleicht werden sie auch in Europa zur Nahrung der Zukunft.

Auf der Erde sind 60 Prozent aller Tiere Insekten. Zugleich bilden sie mit beinahe einer Million Arten die vielfältigste Klasse überhaupt, mehr als 1400 dienen als Nahrungsquelle, sie besiedeln fast alle Lebensräume unseres Planeten. Die ideale Nahrungsquelle also, immer und überall verfügbar. Dass sich jemand als Snack eine Wanze von der Pflanze pflückt, sieht man hier jedoch eher selten.

In Teilen Afrikas, Asiens und Amerikas hat der Verzehr von Insekten durch den Menschen lange Tradition, der Fachbegriff hierfür ist Entomophagie. Erste historische Anhaltspunkte finden sich in assyrischen Darstellungen von 700 v. Chr., bei denen ein Festmahl mit Heuschrecken als Delikatessen abgebildet ist. Auch der Koran und die Bibel enthalten Hinweise auf den Verzehr der Tiere. Essbar sind vor allem Käfer, Hautflügler (zu ihnen gehören Bienen und Ameisen), Heuschrecken, Schmetterlinge, Schnabelkerfe (beispielsweise Wanzen) und Termiten.

Grafik: SPEISEPLAN.

Grafik: SPEISEPLAN.

Bereits 2010 veröffentlichte die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) den Bericht »Humans bite back«, in dem sie den Verzehr von essbaren Insekten empfiehlt. Bei knapp 100 Insektenspezies wurden die Nährstoffe analysiert – mit erstaunlichem Ergebnis: Je nach Entwicklungsstadium und Art betrug der Proteinanteil der Tiere bis zu 70 Prozent und ist somit viel höher als bei den meisten pflanzlichen Produkten. Bei manchen Arten schlägt die Proteinmenge sogar die von Fleisch, Geflügel und Eiern. 100 Gramm Heuschrecken beispielsweise haben deutlich weniger Fett und Cholesterin, aber ebenso viel Eiweiß wie die gleiche Menge Rinderhack. Des Weiteren enthalten Insekten wichtige Vitamine, Mineralstoffe und wertvolle Omega-3-Fettsäuren – die Anteile sind vergleichbar mit denen in Fleisch und Fisch (alle Anteile in Prozent der Trockenmasse).

Für Entomophagie gibt es aber auch ökologische Gründe. Als wechselwarme Tiere verwerten Insekten pflanzliche Nahrung sehr effektiv. Grillen beispielsweise setzen zwei Kilogramm Futter in ein Kilogramm Gewicht um, ein Rind benötigt dazu etwa die fünf fache Futtermenge. Weitere Nachteile der intensiven Viehzucht wie die enorme Gülle- und Ammoniakproduktion oder die Diskussion der artgerechten Haltung fallen ganz weg. Viele Insekten sind es gewohnt, auf engem Raum zusammenzuleben, und manche von ihnen sind lichtscheu – ideale Voraussetzungen für die Massenproduktion. Auch das Klima wird geschont: Studien der niederländischen Universität Wageningen belegen, dass Schweine im Vergleich mit Mehlwürmern pro Kilogramm Massezunahme bis zu 100-mal mehr Treibhausgase ausstoßen. Weiterhin ist die Insektenzucht platz- und wassersparender als die konventionelle Aufzucht von Säugetieren, was zusätzlich zur Nachhaltigkeit beiträgt.

Wieso aber betrifft das uns in Europa? Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden schon 2050 etwa neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Der Fleisch- und Fischkonsum wächst rasant, besonders in wirtschaftlich aufstrebenden Nationen wie China oder Indien. Ressourcen wie Weideland und Futtermittel werden knapper und eine weltweite ausreichende Eiweißversorgung schwieriger. Insekten werden zur wichtigen Proteinquelle für alle, die nicht auf Fleisch oder andere tierische Produkte zurückgreifen können.

In Thailand werden die kleinen Tiere im Privaten bereits gezüchtet, dort ist es eine lohnende Nebeneinkunft für ländlich wohnende Menschen. In Deutschland hat sich bisher noch kein großer Lebensmittelkonzern an eine große
Insektenzucht herangewagt. Die Haltung von tausenden Tieren auf engstem Raum macht einen obligatorischen Einsatz von Medikamenten sehr wahrscheinlich, vor allem weil niemand abschätzen kann, welche Hygieneprobleme bei einer Massenproduktion auftauchen können und welche Krankheiten die Tiere eventuell befallen. Außerdem fürchten die Unternehmen wohl auch die Reaktionen der Verbraucher.

Deswegen wird in den letzten Jahren auf diesem Gebiet in den Niederlanden verstärkt geforscht. Am Institut für Insektenkunde der Universität Wageningen gibt es die Abteilung »Essbare Insekten«, die sich mit der Thematik befasst und auf diesem Gebiet auch eng mit der FAO in Kontakt steht. Außerdem arbeiten die Forscher mit der »Vereinigung niederländischer Insektenzüchter« zusammen, eine Organisation aus sechs Betrieben. Gemeinsam erproben sie, wie man die Tiere den Verbrauchern schmackhaft machen kann, um sie auf dem Lebensmittelmarkt anzubieten. Das hochwertige Eiweiß aus den Tieren muss auf eine Weise zubereitet sein, die der Kunde nicht auf Insekten zurückführt. Seit Anfang 2015 sind nun schon an die 400 Filialen der niederländischen Supermarktkette Jumbo mit gut gewürzten Fleischlaibchen, Burgern und Chips aus Insekten bestückt.

Ungeachtet dessen werden Insekten in naher Zukunft hier in Europa wohl nicht zur Hauptnahrungsquelle werden. Auch weil die Auswahl in den Supermärkten umfangreich genug ist und Deutschland als wohlernährte Industrienation keinen drohenden Eiweißmangel zu befürchten hat; und um von jetzt auf gleich globale Ernährungsprobleme zu lösen, ist die Entomophagie auch nicht geeignet. Aber wenn man Vorurteile und Misstrauen überwindet, können Insekten einen preiswerten Beitrag zu einer hochwertigen und abwechslungsreichen Ernährung bieten.

Also wieso nicht einfach ausprobieren? Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war auch hier in Deutschland beispielsweise Maikäfersuppe ein beliebtes Gericht (der Geschmack sollte an Krebssuppe erinnern), außerdem wurden sie überzuckert in Konditoreien als Nascherei angeboten. Über diverse Insekten-Kochkurse kann man sich im Internet informieren und in ausgesuchten landestypischen Restaurants findet man die Spezialität auf der Speisekarte. Wer gerne Shrimps und andere Krebstiere isst, hat auch schon mal Verwandte der Insekten verspeist – die Wasserbewohner gehören genau wie Insekten zum Stamm der Gliederfüßer. Und übrigens: Mehlwürmer, gebraten im Wok mit Reis, Gemüse und Pfeffersoße sollen richtig lecker sein.

Weitere Infos:
Bericht »Humans bite back«: http://www.fao.org/docrep/012/i1380e/i1380e00.pdf
www.speiseplan.wien
Foto: Doreen Blume

Foto: Doreen Blume

Über Katharina Mussner

Erstellt: 07.08. 2015 | Bearbeitet: 27.01. 2016 23:06