Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

In einer Tram vor unserer Zeit

Wir haben in den verstaubten Kisten unseres Redaktionsbüros einen kleinen Schatz gefunden: Vor 10 Jahren erschien in unserer Vorgängerzeitschrift, dem READiculum, der Artikel »Der Nahverkehr und die Studenten«. Damals sah die Situation um das Vollticket noch anders aus. Ein kurzes Märchen bringt uns zurück in die Zeit lange vor dem Semesterticket.

In einer Tram_Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Es war einmal ein Städtchen in den südlichen Gefilden eines Königreichs namens Sachsen-Anhalt. Dort lebten und studierten viele, viele kluge junge Menschen, die jeden Tag den beschwerlichen Weg zu ihren Hörsälen zurücklegen mussten. Zu dieser Zeit, man schrieb das Jahr zweitausendundfünf, war noch nicht die Rede von einem vollsolidarischen Semesterticket, und man musste für ein einfaches Ticket in der Straßenbahn läppische anderthalb Taler löhnen. Der arme Studierende musste sich entweder mit dem Drahtesel, seinen eigenen Füßen oder aber einem zusätzlichen Ticket behelfen.

Zweiundsiebzig Taler und fünfzig Groschen kostete damals die Semesterabgabe insgesamt, fünfzehn gingen an das sogenannte »Freizeitticket«. So konnten die Glücklichen in den »betriebsamsten« Stunden
des Tages, nämlich von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens, kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt nutzen. Schon damals widersprachen die Studierenden der Burg Giebichenstein diesem sogenannten »Freizeitticket«, da ihnen dünkte, die Fahrzeiten seien viel zu unattraktiv. Wie recht sie doch haben sollten! Die Mitarbeiter vom Mitteldeutschen Verkehrsbund boten schon damals ein vollsolidarisches Semesterticket feil, wie an so vielen anderen Universitäten des Landes.

Dieses jedoch könne niemals weniger als fünfundsiebzig Taler kosten, der Rat der Studierenden hingegen wollte sich nicht auf mehr als vierzig Taler festlegen. Unmöglich also, hier einen Kompromiss zu finden und das Ticket in die Tat umzusetzen. Es gingen also viele Jahre ins Land, da wurde ein jeder aufgefordert, seine Stimme abzugeben. Und von diesem Tag an gab es das vollsolidarische Semesterticket für alle. Zwei Drittel der Studierenden hatten dafür gestimmt, die restlichen ärgerten sich nun Löcher in den Bauch.

Man kann nun gar ferne Ziele wie den Leipziger Zoo, die Zuckerflockenfabrik Zeitz oder den Schlachthof in Weißenfels erkunden, ohne in Armut zu geraten. Für einige Studierende sind die (nach Währungsreform von Taler auf Euro) 99 Euro nur für das Ticket ein nicht geringer finanzieller Mehraufwand, für andere lohnt es sich schlicht nicht, da das Saalestädtchen überschaubaren Ausmaßes und halbwegs fahrradaffin ist. Alsbald wird der Rat der Studierenden jedoch erneut verhandeln müssen, denn der aktuelle Ticketpreis wird mitnichten zu halten sein, schon zum nächsten Wintersemester kostet allein das Ticket 105 Euro. Und so fahren die Studierenden mehr oder weniger glücklich bis ans Ende ihrer Studienzeit Tram.

In Anlehnung an »Der Nahverkehr und die Studenten« von Uwe Hartwig (READiculum, Januar 2005).

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 06.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 10:13