Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

In den Straßen von Hiroshima

Eine Rezension zu einem erschreckend anderen Comic

Band 1: Carlsen Verlag, 304 Seiten, 12.00 EUR

Band 1: Carlsen Verlag, 304 Seiten, 12.00 EUR

Sie mögen aussehen wie gewöhnliche Zeichnungen, sind es aber nicht. Sie schreien. Ein lautloser Schrei, einer, der einem nichtsdestotrotz durch Mark und Bein geht. Ein kollektiver Ausdruck des Entsetzens und der Qual. Menschen, die Minuten zuvor noch voller Leben und Hoffnung waren – aus ihren Gesichtern spricht nichts mehr davon.

Sie haben keine mehr. Wortwörtlich.

Das ist »Barfuß durch Hiroshima«.

Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um einen Comic von vielen. Das 1975 erstmals erschienene Werk ist ein japanischer Comic, ein Manga, des 2012 verstorbenen Zeichners Keji Nakazawa. Doch in den insgesamt zehn Bänden, von denen die ersten vier auf Deutsch erschienen sind, behandelt er nicht irgendeine Geschichte. »Barfuß durch Hiroshima« und insbesondere der erste Band »Kinder des Krieges« behandelt die Tage und Wochen vor dem 6. August 1945 – den Tag des Atombombenabwurfs über der japanischen Großstadt Hiroshima. Die Hauptfigur des Comics ist der sechsjährige Gen, der im militaristischen Japan des Zweiten Weltkrieges ums Überleben kämpfen muss, bedroht von Hunger und Mitbürgern, die seine Familie wegen ihrer pazifistischen Haltung als Verräter beschimpfen und schikanieren. Bei »Barfuß« handelt es sich um einen japanischen Manga, der scheinbar nur einer von
vielen ist.

Die Personen in »Barfuß durch Hiroshima« sind keine bloße Erfindung. Ihre Geschichte ist die des Autors selbst. Keiji Nakazawa erlebte an jenem 6. August 1945 die Explosion der Atombombe in Hiroshima mit – im Alter von sechs Jahren. Während seine halbe Familie im Feuerinferno umkam, überlebten er selbst und seine hochschwangere Mutter wie durch ein Wunder. Als sie 1966 an Leukämie starb, hervorgerufen durch die radioaktive Strahlung der Explosion, beschloss der Mangazeichner Nakazawa eine besondere Bildergeschichte zu zeichnen. Sie ist bis heute stilprägend für den pasonaru komikku, den autobiographischen Comic. Und so ist Gen, die schwarz-weiße Zeichenfigur, nichts anderes als der Autor selbst, gefangen in der atomaren Hölle eines mit Leichen und Trümmern übersäten Hiroshimas.

Der grundlegende Stil von »Barfuß« ist für einen Manga sehr realistisch gehalten. Filmisch anmutende Blickwinkel und reichlich Lautmalereien dominieren die schwarz-weiße Bilderlandschaft. Der Inhalt der Zeichnungen ist alles andere als gewöhnlich. Schonungslos werden die drastischen Folgen der Atomexplosion dargestellt, verbrannte und entstellte Opfer, zerfetzte Leichen genau dokumentiert. Doch gerade diese erschreckenden Darstellungen ermöglichen einen unverstellten Blick auf das Grauen der Katastrophe. Es sind Details, die nur ein Augenzeuge, ein Hibakusha (Atombombenopfer) wie Nakazawa wiedergeben kann.

So ist »Barfuß durch Hiroshima« bei allem Schrecken vor allem eins: eine Streitschrift für eine friedliche Welt ohne Krieg und ohne Atomwaffen. Schon wer nur den ersten Band liest, wird nukleare Waffen kaum noch befürworten. Die stummen Schreie der Figuren bewirken mehr als jede Schulstunde. Allein deshalb ist »Barfuß« auch für Nicht-Mangaleser sehr zu empfehlen – ein erschreckend wichtiges Werk.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 23:33