Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Hin und wieder zurück

Am Dienstag, den 9.12.2014, veranstaltete das Cinemaxx Charlottencenter einen besonderen Filmabend – darin enthalten: drei Hobbit-Filme in 3D, Popcorn und Espresso.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Es ist eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung, halb sechs, und der Kinosaal ist verhältnismäßig leer. Nur zwei Handvoll Leute haben es sich bereits in den obersten Reihen bequem gemacht, es raschelt und lacht dort oben. Wir sind zu zweit, ich für meinen Teil stolz wie Bolle. In unseren Händen das unvermeidliche, quasi-traditionelle Hobbit-Menü: Popcorn in der Hobbit-Box, Cola im Hobbit-Becher, Hobbit-T-Shirt-Gutschein und Smaug-Figur. Wir suchen uns unseren Platz und sinken in die weichen Kino-Sessel, welche sich im Laufe der nächsten Stunden tatsächlich in etwas Unbequemes verwandeln werden.

Von der rechten Flanke aus beobachten wir den Zustrom. Die meisten Besucher sind in unserem Alter, irgendwas zwischen zwanzig und dreißig. Hinter uns nimmt eine Familie Platz – Mutter, Vater, erwachsene Tochter, erwachsener Sohn. Rasch baut sich Erwartung auf, der Saal füllt sich immer schneller, unter uns sitzen bekannte Gesichter. All diese Menschen sind Fans – von Tolkien, Peter Jackson, dem Herrn der Ringe, dem Hobbit. Oder vielleicht auch einfach nur vom Kino.

Ein Ansager im Anzug – der so gar nicht wie ein Bewohner Mittelerdes aussieht – begrüßt uns und erklärt den Ablauf. Eine unerwartete Reise, bis 20.45 Uhr. Smaugs Einöde bis 23.45 Uhr. Dann angeblich noch mal Eine unerwartete Reise, pünktlich um 00.01 Uhr vom Server. Gemeint ist natürlich Die Schlacht der fünf Heere. Passiert.

Innerhalb der Filme gibt es keine Pausen.

Die Lichter gehen aus. Der Werbeblock ist unerwartet kurz. Allgemeine Begeisterung für den Star-Wars-Trailer kommt auf und verebbt wieder. Wir setzen die Brillen auf, lehnen uns zurück und genießen. Nach zehn Minuten sind auch die Typen neben uns endlich still. So wie der Rest des Saals. Für etwa zweieinhalb Stunden, ab und an unterbrochen von Gelächter.

Foto: Trey Ratcliff (CC BY-NC-SA 2.0) flickr.com/photos/stuckincustoms/14043646396/

Foto: Trey Ratcliff (CC BY-NC-SA 2.0)
flickr.com/photos/stuckincustoms/14043646396/

Als der Abspann beginnt, werden die Lichter im Saal hochgedimmt. Die meisten Leute stehen jetzt auf, suchen die Toilette, stocken den Vorrat an Popcorn auf und vertreten sich die Beine. Einige kaufen sich Kaffee oder Espresso, um wach bleiben zu können. Dann geht das Licht wieder aus, nach und nach wird es erneut still. Die Anstrengung der Augen beginnt sich bemerkbar zu machen, während Bilbo und die Zwerge Smaugs Einöde betreten. Im Saal wird ehrfürchtiges Raunen laut, als der Ehrwürdige sich aus seinem Goldberg erhebt. Auch beim zweiten Mal – vielleicht gerade bei diesem – ist das flammenspeiende Untier Urheber einer Gänsehaut, mit seiner imposanten Erscheinung und seiner (ja, auch im Deutschen) gewaltigen Stimme.

Und wieder ärgere ich mich stumm vor mich hin, weil kaum jemand dem Abspann Aufmerksamkeit zu schenken bereit ist. Es wird laut, als wolle man die besondere, erhabene Atmosphäre unbedingt zerreißen. Von der Atemlosigkeit während des Films ist in der Pause kaum noch etwas zu spüren. Bei einigen macht sich aber auch sichtbar die Müdigkeit breit. Ein Mädchen in unserer Nähe lehnt sich zurück und schließt eine Viertelstunde lang die Augen, der Familienvater hinter uns beschwert sich leise bei seiner Frau über seinen schmerzenden Rücken.

Und dann geht das Licht ein drittes Mal aus. Wieder dauert es einige Minuten, bis auch die Typen neben uns still sind. Was dann folgt, ist noch einmal gebannte Stille, unterbrochen nur von impulsivem Lachen und dem einen oder anderen erschöpften Stöhnen. Die Schlacht der fünf Heere entpuppt sich als bildgewaltig, zuweilen überraschend, humorvoll und tragisch, mal nahe am Buch und mal davon losgelöst.

Peter Jackson hat einen Abschluss gefunden, der mir eines Hobbits würdig zu sein scheint, auch wenn Bilbos Geschichte neben dem Glanz des »Herrn der Ringe« klein und unbedeutend erscheinen mag. Der Film kommt zu einem runden Ende, auf recht unspektakuläre Weise, wie es Bilbo wahrscheinlich am liebsten wäre.

Der erste Eindruck ist schlussendlich überwältigend – das Publikum lässt sich während des Abspanns zu einem Applaus hinreißen. Die Ernüchterung folgt jedoch recht schnell, denn noch, während die Namen der Hauptdarsteller auf der Leinwand erscheinen, verlassen die meisten den Saal. Zurück bleiben wieder zwei Handvoll Leute, die in respektvollem Schweigen abwarten.

Dann geht das Licht an. Wir stehen auf, schütteln den Kopf über zurückgelassene Popcorntüten und halb volle Cola-Becher, nicken dem netten Mann vom Kino zu, treten als Letzte in das grelle Licht des Eingangsbereichs, wo der Zauber gewissermaßen zerfällt. Und dann gehen wir zurück nach Hause, mit unserer eigenen kleinen Truhe voll von Eindrücken, kleine Pünktchen in einer sehr großen Welt.

Über Friederike Eydam

Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 22:14