Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

Hilfe, Kulturschock!

Wie wir ausziehen, die Welt zu entdecken, und geschockt zurückkehren.

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Illustration: Katja Elena Karras

»Das hatte ich also!«, sagte Laura, ohne zu wissen, dass sie es laut ausgesprochen hat. Jeder im Raum starrte sie erwartungsvoll an. Inmitten der Gruppe von Studenten im Seminar »Interkulturelle Kommunikation« sprach die gebürtige Ukrainerin über den Umzug nach Deutschland und seine Folgen.  »Als ich nach Deutschland kam, da saß ich eine Zeit lang jeden Tag weinend auf gepackten Koffern und konnte mir nicht vorstellen, für immer hier zu leben oder überhaupt mein Studium zu beenden. Ich fühlte mich einfach fehl am Platz!« So wie Laura ergeht es vielen, die ihr Heimatland verlassen und aufbrechen, um eine neue Kultur zu entdecken. Doch was ist das eigentlich und wieso passiert es nahezu jedem?

Anthropologen, allen voran Kalervo Oberg, entdeckten, dass unser Auslandsaufenthalt an bestimmte Perioden gebunden ist. Deshalb führte Oberg eine auf vier Phasen basierende Theorie ein, welche später durch das U-Modell von Lysgaard beschrieben wurde.  Zuerst durchlebt man die Honeymoon-Phase, in der man die rosarote Brille aufhat und alles wunderbar neu, aufregend und exotisch findet. Auch Laura freute sich über den Umzug nach Deutschland, sie war gespannt auf die Menschen, die Atmosphäre und auf ihr neues Leben.

An die erste Phase grenzt nahezu übergreifend die Krise, der Kulturschock, welcher nicht punktuell auftritt, sondern sich über einen gewissen Zeitabschnitt hinweg zieht. Ganz allgemein umfasst der Begriff Kulturschock die Reaktionen auf die ungewohnten Erfahrungen in einer fremden Kultur. In dieser Situation werden die Unterschiede der aufeinanderprallenden Welten nicht mehr romantisiert, denn selbst ein einfacher Einkauf kann unter solchen Umständen zu einer Tortur werden. »Zu Hause wird das aber anders gemacht«, ist dabei oft ein Gedanke und es treten sowohl sprachliche Barrieren als auch Hürden im sozialen Verhalten auf.

Laura waren vor allem die Umgangsformen in den Familien suspekt, denn in der Ukraine ist es üblich, seine Eltern als Form von Respekt zu siezen. Die bekannten Verhaltensmuster gelten gar nicht oder nur noch teilweise, man fühlt sich verloren, einsam und am falschen Platz. Als Auslöser gelten dabei nicht einzelne schwierige Erlebnisse, sondern die Summe nicht verarbeiteter Situationen. An welchem Funken sich die Mischung aus Frustration, Angst und Orientierungslosigkeit letztlich entzündet, ist eine persönliche Frage und im Nachhinein nur schwer nachzuvollziehen. Dies kann übrigens auch bei der Rückkehr in das eigene Land passieren und wird als Eigenkulturschock bezeichnet. Dennoch lebt man sich in diesem Fall schneller wieder ein, da die Kultur bereits bekannt ist.

Was kann ich dagegen machen?

Insgeheim sind sich natürlich alle Reisenden einig: Mir kann das nicht passieren, ich bin ja schließlich weltoffen und gelassen. Dabei sollte man vor allem auf seine Gedanken achten: »Das würde so viel besser gehen.«, »Man müsste einfach…«, »Bei uns läuft das alles besser!«. Diese und ähnliche Gedanken sind erste Anzeichen eines Kulturschocks.

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Illustration: Katja Elena Karras

Für diejenigen, die sich gerade in einer solchen Phase befinden oder kurz vor einer Auslandsreise stehen, gibt es eine frohe Botschaft: Es geht vorbei! Denn mittlerweile fühlt sich Laura in Deutschland sehr wohl. Zwar besucht sie gerne ihr Heimatland, aber durch die Menschen, die neuen Erfahrungen und die Summe der positiven und negativen Erinnerungen, ist die Fremde für sie ein Zuhause geworden. Sobald man lernt, sich in das Gemüt anderer zu versetzen, lernt man die andere Kultur zu verstehen und zu schätzen. Automatisch erreicht man Phase drei: die Erholung. Man freundet sich mit dem Gedanken an, dass zu Hause zwar alles anders geht, aber es im Hier und Jetzt nun mal nicht so ist und man lernt damit zu leben.

Gehen alle Gepflogenheiten der fremden Kultur in die Handlungsweise über, so ist die letzte Phase der Anpassung erreicht. Man spricht hier von einer vollkommenen Integration, in der man die andere Kultur versteht und schätzt. Wichtig dabei ist es, sich nicht als Fremder zu sehen, sondern bewusst Kontakte zu suchen. Aber auch ein Rückzug für einige Stunden in die Wohnung, um durchzuatmen und alles Revue passieren zu lassen, sollte nicht vergessen werden. Langfristig hat man nur eine Wahl -nämlich ankommen. Das heißt in diesem Moment, sowohl sprachlich als auch geistig. Wer täglich zu oft an zu Hause denkt, jeden Tag seine E-Mails auf Post aus der Heimat checkt oder täglich bei Mama anruft, der wird nie richtig ankommen. Heimweh ist völlig okay, aber auch nach draußen gehen und es bekämpfen, denn schließlich sind wir doch alle wirklich weltoffen und am Ende eines jeden Tages wollen im Prinzip alle das Gleiche: Sich zu Hause fühlen.

 

 

Über Anna Teigky

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 21:12