Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

„Haut feste drauf»

»Herzlich willkommen. In diesem Semester werdet ihr verschiedenste Kampf-und Schlagtechniken im La Familia Fightclub kennenlernen.« So oder so ähnlich lautete die sehr freundliche Begrüßung zum Unisportkurs »Kickboxen«.

Kickboxen 1_Katja Elena Karras

Foto: Katja Karras

Punkt 17 Uhr, wie jeden Montag, standen wir in einer Reihe dem Trainer gegenüber, um uns gegenseitig zu verneigen und mit einer lockeren Laufschule zu beginnen. Für fünf Minuten im Kreis laufend erst Kniehebelauf, Anversen, Arme kreiseln, Arme federn, Nachstellschritte, lockeres Schattenboxen und Hockstrecksprünge. Bei allen lief bereits jetzt der Schweiß. »Ich werde euch topfit machen«, rief uns der Trainer zu und forderte uns auf, Boxhandschuhe und Pratzen (diese schützen unsere Hände vor Schlägen) zu holen.

Das erste Mal boxen, mit null Erfahrung. »Ihr lasst die Arme die ganze Zeit oben und haltet die Hände vor eurem Gesicht und führt dann zuerst mit der linken Hand einen geraden Schlag auf die rechte Hand eures Partners aus, und mit der anderen Hand schlagt ihr auf die Linke eures Partners.«

Los ging es. Keine Zeit zum Nachdenken, einfach reagieren und handeln. Genau das ist das Prinzip des 60-minütigen Kickboxkurses. Schneller, härter und besser schlagen. Keine Zeit für Pausen. Das fasste unser Trainer immer wie folgt zusammen: »Wir sind hier nicht in der Uni!« Zum Abschluss gab es noch Liegestütze. Gezählt von eins bis 30 und rückwärts. Gut, diese Übung haben wir nur einmal gemacht, aber dafür ordentlich oder es zumindest versucht und erhielten auch da einen Kommentar vom Trainer: »Das waren keine richtigen Liegestütze, mach sie nochmal.« Wir durften uns auch mal zum Abschluss der Stunde mit Situps oder Hockstrecksprünge gekoppelt mit Liegestützen quälen. Dem Trainer fiel am Ende immer noch was ein, was wir Schönes vollführen durften, damit wir zu den bereits gefühlten drei Litern ausgeschwitzten Wasser noch einen Liter oben draufsetzen konnten.

Nach zwei bis drei Wochen waren wir alle so weit, dass keiner mehr nach der Erwärmung röchelnd und nach Luft schnappend da stand. Wir bissen uns jedes Mal durch, so lange, bis wir gehen durften. Ein sehr lustiges Erwärmungsspiel ist, wenn sich zwei Partner gegenüberstehen: Man muss den anderen treffen; wenn man aber selbst getroffen wird, macht man fünf Liegestütze und fünf Hockstrecksprünge.

Da ist ja meine Oma fitter

Dann durften wir endlich an den Boxsack gehen. Wir sollten laut Trainer »so schnell und so hart, wie ihr nur könnt, zehn Sekunden lang auf den Sack schlagen! Dann zehn Sekunden Pause, und wir arbeiten uns in Fünf-Sekunden-Schritten bis 30 Sekunden hoch«. Zehn Sekunden nonstop Schlagen, kein Problem, 15 Sekunden Schlagen auch kein Thema. Bei 20 Sekunden fielen mir fast die Arme ab, aber wehe, ich habe sie abgesenkt, um mich zu erholen. Der Trainer hat seine Augen überall: »Arme oben lassen und härter schlagen«. So ging das weiter, bis der Andere an den Boxsack dran kam.

Gefühlt waren wir alle am Ende, aber wir hatten gerade mal 1:58 Minuten hinter uns und noch 53 Minuten Unterricht vor uns. Ich konnte mich auch nicht entspannen, als ich für den anderen den Boxsack gehalten habe, da musste ich mich auch anstrengen, damit der Sack nicht hin und her schwankt. Der Trainer hat mit seinen Sprüchen seine ganz eigene Art uns zu motivieren: »Ihr braucht mich gar nicht so traurig anzuschauen. Wir ziehen das hier durch, da ist es egal, wie ihr guckt, also lacht einfach.« Keine Zeit zum Selbstmitleid, keine Zeit zum Schmerzen fühlen oder Hinsetzen. Boxen, boxen, boxen.

Ab Woche vier durften wir kicken, was das Zeug hält. Oh, ist das ein feines Gefühl, mit aller Kraft, die ich habe, den Boxsack ordentlich zu verprügeln, mit den Fäusten, mit dem Knie oder mit vollem Schwung durch einen Sidekick. Das unterstützte unser Trainer immer mit folgenden Worten: »Macht den Sandsack kaputt, ich will endlich neue kaufen!«

Einmal ist zwar ein Sandsack zu Boden gestürzt, aber da saß die Halterung nicht richtig. Kein Ruhm für den Kicker. Aber ein Grund mehr für den Trainer, uns anzubrüllen: »Nun tretet mal ordentlich zu. Ich bin 40 Jahre alt und komme bei der Übung nicht mal ins Schwitzen, ihr seht aus, als ob ihr gleich umfallt. Einfach ganz locker zwanzig Mal kicken und dann mit dem anderen Bein.«

Natürlich klingt das alles erst einmal nicht verlockend. Generell sind nur wenig Mädchen am Start. Die Boxhandschuhe haben auch schon viele vorher benutzt und riechen dementsprechend. Sich selber welche zu kaufen ist teuer. Einen knallroten Kopf haben und schwitzen, na, wer will das schon?

Aber dadurch, dass ich einen Trainer habe, der mich professionell ausbildet, die ganze Zeit seine Augen auf mich hat, mich korrigiert und mir immer neue Aufgaben erteilt, bin ich in einem Modus drin, wo ich kontinuierlich den Boxsack bearbeiten kann, und zwar über meine Schmerzgrenze hinaus. Ich verschwende keine Gedanken, ich konzentriere mich voll auf den Trainer und meinen Sport.

Foto: Johanna Sommer

Foto: Johanna Sommer

Es gibt in den 60 Minuten also keine Möglichkeit für meinen inneren Schweinehund, mich zu demotivieren oder mich zum Aufgeben zu überreden. Ich sehe einfach, wie jeder andere Teilnehmer sein Bestes gibt, und mache mit. Wenn es nicht gerade der Zusammenhalt ist, der alle fördert, dann doch ab und zu die Möglichkeit, seine ganze Frustration und Wut, die man innerhalb einer anstrengenden Uniwoche angesammelt hat, in dem Sinne rauszulassen, dass man alles gibt, um diesen Sandsack kaputt zu hauen.

Nach dem Semester habe ich am ganzen Körper Muskeln aufgebaut, besonders an den Armen. Die überflüssigen Kilos sind auch weg. Das sehe ich nicht nur an den zu engen Ärmeln, an der Waage, auch das Umfeld reagiert positiv auf meine Veränderung. Außerdem fühle ich mich sicherer in Halle, weil ich weiß, wie ich mich zu verteidigen habe, wenn etwas passieren sollte.

Wer jetzt auch Bock auf den Sport hat, kann darauf hoffen, dass es im nächsten Semester wieder angeboten wird.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 05.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 10:18