Okt 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 62 Rubrik 0

Hakuna Matata

Von Märchen und Disney-Filmen geleitet und inspiriert glaubte man als Kind an das Gute in der Welt, an die große Liebe, und lebte glücklich in den Tag hinein. Unser Weltbild änderte sich im Laufe der Jahre, doch unsere Lieblingsserien und -filme und andere schöne Rituale aus unserer Kindheit bleiben uns bis heute im Gedächtnis.

Semesterferien sind nicht gleich Ferien. Eigentlich werden sie lediglich »vorlesungsfreie Zeit« genannt. Viele Studierende haben, auch wenn sie nicht zur Uni müssen, mehr als genug zu tun. Hausarbeiten und Prüfungen lassen sich nun mal nicht vermeiden. Wie so oft, wenn man sich mit seinen Freunden trifft, schwelgt man dann in Erinnerungen an früher. Früher, als man sich noch nicht abhetzen musste, um Abgabefristen einzuhalten, und sich nicht Tag und Nacht hinsetzen brauchte, um für eine Prüfung zu lernen. Die Mama übernahm das Einkaufen und erinnerte uns an alles. Hakuna Matata – keine Sorgen haben. War diese Unbeschwertheit nicht schön?

Doch leider muss man der Realität ins Auge sehen. Der Realität, in der Helene Fischer den Titelsong von Biene Maja singt und nicht mehr Karel Gott. Der Realität, in der man beim Blick ins Kühlregal feststellt, dass die Produktion des geliebten »Frufoo« (»Fruchtquark« + »UFO« mit kleinem Kinderspielzeug) von früher einfach eingestellt wurde. Der Realität, in der man für sich selbst verantwortlich ist und an seine Zukunft denken sollte.

Wenn man als Kind mit der Welt unzufrieden war, baute man sich eine Bude oder ein Versteck und kam dann für zwei Stunden nicht mehr heraus, bis einen der Hunger oder einfach nur Langeweile wieder aus dem Geheimversteck lockten. Der geregelte Tagesablauf strahlte Sicherheit und Beständigkeit aus, und man war mit sich und der Welt im Reinen.

Hakuna Matata_Anne_web

Illustration: Anne Walter

Beim Sandmann sind sich wohl alle einig, ohne ihn ist einfach niemand aufgewachsen. Er war der Held unserer Kindheit und hat uns tagtäglich beim Einschlafen begleitet. Noch heute wird er von vielen Kindern gemocht und hat sich glücklicherweise auch nicht besonders verändert. Während die einen früher eher Super RTL mochten und Serien wie »Die Dinos« (»Bin das Baby, musst mich lieb haben!«), »Die Gummibärenbande« und »Chip und Chap – Die Ritter des Rechts« schauten, haben manche andere Erfahrungen. Man erinnert sich sehr gern an diverse Kika-Sendungen, unter anderem an »Heidi«, »Nils Holgersson« und den »Pumuckl«.

Natürlich haben viele Kinder unserer Generation oft gelesen. Die beliebtesten Kinderbuch-Autoren unserer Zeit waren unter anderem Sven Nordqvist (»Pettersson und Findus«), Enid Blyton (»Hanni und Nanni«, »Fünf Freunde«) und Astrid Lindgren, deren »Pippi Langstrumpf« sich wohl unsere Eltern schon zu Gemüte geführt haben. Vielen von uns werden auch immer die Tage in Erinnerung bleiben, an denen man heimlich unter der Schulbank einen Harry-Potter-Band nach dem nächsten verschlungen hat. Auch heute hat man seine liebsten Filme und Bücher nicht vergessen. Doch warum ist das eigentlich so, dass uns viele Sachen, die unsere Kindheit ausmachten, gleichzeitig glücklich und melancholisch stimmen?

Aus heutiger Sicht war die Kindheit die wohl unbeschwerteste Zeitspanne in unserem Leben. Im Erwachsenenalter, oder bereits schon in der Jugend, begegnen einem immer öfter Enttäuschungen, Trauer und Schicksalsschläge, die man als Kind in dieser Form meist noch nicht verarbeiten musste und teilweise nicht einmal richtig verstand. Dass der Opa jetzt plötzlich im Himmel sein soll, ist nur eines von vielen Themen, die man als Kind noch nicht realisieren konnte.

Erinnerungen sind ganz besonders mit emotionalen Eindrücken verknüpft. So wird einem beispielsweise immer der erste richtige Sturz vom Fahrrad ohne Stützräder oder der allererste Kuss im Gedächtnis bleiben, weil man damit bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrung hatte und in jenem Moment so viele Emotionen auf einmal auf einen einströmten, deren Intensität man bis heute nicht vergessen hat. Ähnlich ist es auch mit Filmen und Büchern, die uns durch unsere gesamte Kindheit begleiteten. In jungen Jahren hofften wir darauf, dass eines Abends Peter Pan durch unser Fenster geflogen kommt und uns mit nach Nimmerland nimmt. Auch auf den lange ersehnten Brief aus Hogwarts warteten wohl viele von uns.

Der Grund dafür, dem zu glauben, was man liest oder in Filmen sieht, ist relativ simpel: Kinder begegnen vielen Dingen, wie zum Beispiel der Liebe, zuerst im Fernsehen, bevor sie ihnen im wahren Leben widerfahren. Sie erhalten ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit, weil sie sich mit Märchenfiguren und Filmcharakteren verbunden fühlen und so werden wollen wie sie. Im Normalfall lernt man mit der Zeit, erfundene und reale Welten zu unterscheiden, dieser Zeitpunkt setzt meist im Grundschulalter ein.

Vor allem Märchen tragen dazu bei, dass Kinder zwischen Gut und Böse zu unterscheiden lernen. Da in fast allen Märchen das Gute siegt, lernen Kinder schon im jungen Alter, dass man zum Ziel gelangen kann, indem man auf seine eigenen Fähigkeiten vertraut und zuversichtlich ist. Des Weiteren wurde uns durch die Filme, die sich durch unsere Kindheit zogen, ein ganz wichtiger Aspekt vermittelt: Man ist niemals allein. Sei es Aschenputtel, der die Tauben beim Sortieren der Linsen helfen, oder die kleine Meerjungfrau Arielle, die immer durch ihren besten Freund Fabius unterstützt wird. Schon als Kind wurde uns mit diesen Geschichten und Filmen verdeutlicht, dass es oftmals gut ist, Hilfe von anderen anzunehmen und teamfähig zu sein.

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum wir uns auch heute noch so gern Dinge ansehen, die damals unser Leben begleiteten. Egal ob Filme, Serien, Gameboyspiele oder Bücher: Sie alle vermitteln uns ein Gefühl von Sicherheit, Wärme und Zuversicht. Auch wenn man weiß, dass das reale Leben so ist, wie es ist, und man es manchmal nicht ändern kann, ist es doch immer wieder schön, sich in die heile Welt von früher zurückzuträumen.

Schade ist es, wohl eher aus unserer Sicht, dass die Kinder von heute gar nicht mehr in den Genuss der »alten« Schätze aus unserer Kindheit kommen. Aus der wohlbekannten Zeichentrick-Serie mit Biene Maja wurde heute ein computeranimiertes 3D-Spektakel gemacht und Karel Gott einfach ausgetauscht. Selbst die kleine Maja an sich ist kaum wiederzuerkennen. Aus der sympathisch pummeligen Kultbiene wurde nun eine Art Magermodel, und auch ihr bester Freund Willi ist deutlich erschlankt. In der heutigen Zeit, in der alles so schnelllebig und fortschrittlich ist, tut es doch deshalb einfach gut, sich vor den Fernseher zu setzen, den liebsten Disneyfilm von früher anzuschauen und so viele Center Shocks zu essen, bis einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Über Ramona Wendt

Erstellt: 15.10. 2015 | Bearbeitet: 10.10. 2015 23:22