Okt 2015 hastuUNI Heft Nr. 62 Rubrik 0

Großer Kindergarten

Ein Jahr lang war Norman Köhne Vorsitzender des Studierendenrates der MLU. Das hat dem Lehramtsstudenten gereicht, um allerlei Erkenntnisse zum Thema Hochschulpolitik zu gewinnen. Eine Begegnung in der Kinderinsel des Stura-Gebäudes.

Norman Köhne Foto: Julia Plagentz

Norman Köhne
Foto: Julia Plagentz

Passenderweise sitzt Norman inmitten allerhand Spielzeug, hinter ihm ein hölzernes Laufgitter und ein metallic-grauer Gymnastikball, am Boden ein Teppich mit buntem Knopfmuster. Eigentlich sei auch der Stura wie ein »großer Kindergarten«, sagt Norman.

Gewagte Wortwahl, aber so ist oft der Eindruck Außenstehender. Deinen Stura-Vorsitz hast du im Oktober 2014 begonnen. Ursprünglich warst du Gründungsmitglied der Interessenvertretung Lehramt. Warum der Wechsel?

Die IV lag mir wirklich am Herzen, es war notwendig, sie ins Leben zu rufen. Es hat zwei Jahre sehr viel Spaß gemacht, aber ich wollte einen Schritt weiter gehen und nicht »nur« Mitglied in einem Arbeitskreis des Stura sein, sondern mitspielen im Konzert der vermeintlich Großen des Stura. Okay, »vermeintlich« streichen wir wieder. (lacht)

Gesagt ist gesagt.

Na gut. Meine Kandidatur für meinen Fachbereich Biologie hat dann jedenfalls tatsächlich dazu geführt, dass ich ein Jahr lang Vorsitzender sein konnte. Das war wirklich sehr schön.

Was interessiert dich besonders an Hochschulpolitik, was fasziniert dich daran?

Dass die Hochschulpolitik auch nur ein Querschnitt der Gesellschaft ist. Du hast die gleichen Leute, die du auf der Straße triffst, auch in der Hochschule, aber mit der gleichen Intention, etwas zu verbessern. Jeder hat seine ganz
eigenen Vorstellungen, was verbessert werden soll, aber diese sind so unterschiedlich, dass es dadurch dann doch Reibereien gibt, obwohl alle eigentlich das Beste wollen. Die Diskussionen sind immer wieder interessant, zu sehen, wie die Hochschulgruppen konkurrieren, da entstehen dann schon kleine Machtkämpfe, obwohl ja alle für eine Sache arbeiten. Ich habe mir da vorgenommen, als Nichtparteiangehöriger ein Bindeglied zu sein und die Kommunikation zu verbessern, um Streitigkeiten zu vermeiden.

Obwohl du nicht parteizugehörig bist: könntest du dich selbst irgendwo im politischen Spektrum einordnen?

Nein, gar nicht.

Tatsächlich?

Also wirklich, ich weiß es nicht. Ich setze mich bei den jeweiligen Wahlen damit auseinander, aber ich kann mich absolut nicht dafür begeistern. Auf der Hochschulebene ist das komplett anders, denn das hat mit der Parteienlandschaft auf Landes- und Bundesebene gar nichts zu tun, das ist noch mal ganz anders.

In den 60ern und 70ern war die Studentenschaft stark linkspolitisch eingestellt, in den 90ern dann zunehmend grün. Heute gibt es auch kleine und erfolgreiche hochschulpolitische Ableger der CDU, der FDP. Man gewinnt den Eindruck, dass Studenten heute diesen linken Idealismus von damals verloren haben.

Ich weiß, was du meinst. Und bei den Hochschulwahlen ist es trotzdem immer noch so, dass es viele Grünwähler gibt, es gibt trotzdem noch starke Jusos, eine starke Offene Linke Liste, aber Leute entscheiden sich offensichtlich auch aus ihrer bundeslandbedingten Parteiideologie heraus für den RCDS. Das ist so auch okay. Sie gehen dann wohl weniger vom RCDS-Programm aus, sondern davon, dass sie auch schon immer CDU gewählt haben. Wenn sich da zehn Leute zusammenfinden, die dafür die passende Hochschulgruppe hochziehen, gern.

Du meinst, die Bundes- und Landesebene der Parteien seien etwas völlig anderes als die jeweiligen Hochschulgruppen. Wenn man sich nun die Programme von den Jusos, dem RCDS, der Offenen Linken Liste der vergangenen Hochschulwahl im Mai anschaut, hat man eher den Eindruck, dass diese da tief in die Klischeekiste greifen.

Man kann das schon klischeehaft bedienen. Aber bei Leuten, die sich ohnehin nicht für Hochschulpolitik interessieren, muss man froh sein, dass sie überhaupt wählen gehen und sich damit auseinandersetzen, was die Hochschulgruppen wollen. Auf Hochschulebene wird schon versucht, Sachen zu machen, die auf Landesebene nicht funktionieren, und klein anzusetzen. Aber es interessiert eben leider einen Großteil der Studierenden nicht, und wahrscheinlich müsste man gar nicht an den Programmen feilen, sondern den Leuten verklickern: »Hey, wir sind hier, um für euch was zu verbessern.«

Die allgemeine Politikverdrossenheit scheint in der Hochschulpolitik angekommen zu sein …

Absolut, obwohl unser Sprachrohr heute über das Internet noch viel größer sein müsste. Jeder kann bei Facebook und Co. jederzeit lesen, was es gerade Neues gibt an Veranstaltungen, an Informationen. Aber es heißt dann immer, man hätte ja von nichts gewusst. Die Lust der Leute, selbst aktiv Hochschulpolitik mitzugestalten, ist einfach zu gering.

Welche Dinge haben sich seit Beginn deines Vorsitzes im Herbst 2014 konkret verbessert, was habt ihr für die Studierenden bewirken können?

Hmm, gute Frage. Valerie (Groß, Anm. d. Red.) und ich als Vorsitzende haben versucht, die Zusammenarbeit des Sprecherkollegiums zu verbessern, da gab«s in den letzten Jahren immer ein paar Probleme, auch weil das damals noch parteipolitischer geprägt war und einige Streitigkeiten aufkamen. Wir haben jetzt jedenfalls harmonisch zusammengearbeitet und auch versucht, das in den Stura zu bringen, also die hausinterne Kommunikation mit dem Stura und den Hochschulgruppen und Arbeitskreisen zu verbessern. Damit es dann nicht wieder heißt, dass der Stura nur Machtkämpfe führt.

norman4_webDas sind jetzt aber alles zunächst nur Verbesserungen auf rein kommunikativer, nicht auf aktioneller Ebene.

Ja, also inhaltlich war das für uns dann schwieriger, es gab nämlich seit dem letzten Wintersemester keine derartigen Kürzungsdebatten wie zuvor, also konnten wir auch nicht sagen, dass wir uns gegen Kürzungen eingesetzt haben. Klar gab«s Gespräche mit dem Rektorat, wir waren auch im Landtag, aber wir mussten keine Proteste organisieren. Es ging nun
tatsächlich vor allem darum, die Kommunikation insgesamt zu verbessern und kleinere Ideen einzubringen. Und dann gab«s natürlich noch Sachen wie die Ersti-Party, das Stura-Open-Air und unsere Beratungsangebote.

Würdest du dir wünschen, dass Hochschulpolitik populistischer wäre, polemischer vielleicht, idealistischer, leidenschaftlicher?

Das wäre absolut klasse. Wir hatten auch schon Vorsitzende, die genau so waren, denen ich auch sehr dankbar dafür bin, dass sie so sind und ihre Arbeit genau so machen. Aber dafür bedarf es eben auch dem Interesse der Studierenden und Themen, die sie auf diese Art vertreten sehen wollen.

Wer war das zum Beispiel … Clemens Wagner?

Ja, Clemens Wagner, nennen wir ihn einfach mal beim Namen. Das ist eben auch genau seine Vorsitzendenart gewesen, und das hat er super gemacht. Die von ihm mitgetragenen Demos und die Arbeit im Aktionsbündnis haben vielen Studierenden geholfen. Ich hatte dahingehend ein ruhigeres Jahr und bin auch recht froh darüber. Unser Schwerpunkt lag auf kommunikativer Ebene für ein besseres Miteinander.

Da kommt der Lehramtsstudent zum Vorschein …

Auf jeden Fall. Schrecklich, oder? Das Pädagogische habe ich immer im Hinterkopf und versuche, Dinge zu klären und lieber zu reden.

Also keine Stura-Rampensau?

Absolut nicht. (lacht) Es macht mir Spaß, das zu machen, was ich mache, und ich glaube, ich mach«s auch so weit ganz gut. Aber ich werde tatsächlich nicht zu einem, der sich ganz nach vorn stellt. Ich habe meine Meinung, aber ich werde sie nicht so extrem herausstellen.

Was sind Hauptforderungen der Studierendenschaft an euch, was wollen die Studierenden an der Uni verbessert sehen?

Wenn man Leute fragt, oder wenn ich selbst meine Freunde frage, ist das immer relativ schwierig, und alle fangen erst mal bei sich an. »Wir sind viel zu viele Leute in einem viel zu kleinen Raum.« Die meisten Studierenden haben gar keine riesigen Forderungen nach großen Protesten oder mehr Veranstaltungen und Angeboten. Es geht um die kleinen Sachen, Alltagsprobleme von Studis eben.

Das passt zu unserem Punkt von vorhin; jeder denkt in erster Linie an seine eigenen kleinen Alltagsprobleme. Der Spiegel hat uns kürzlich erst »Generation Egoismus« genannt.

Das habe ich auch gelesen, und das ist auch das grundsätzliche Problem, jetzt, wo wir in Deutschland so viele Flüchtlinge haben. Jeder guckt nur auf sich, obwohl man weiß, dass das Problem am Kochen ist und das man viel helfen müsste, aber man macht es dann doch nicht. Viele schauen nur weg.

Wahrscheinlich haben die meisten das Gefühl, zu viel mit banalen Alltagsaufgaben zu tun zu haben … Keine Zeit mehr für Größeres …

Genau, ich weiß nicht, ob die Uni in den letzten 20 Jahren schwieriger geworden ist und man einfach keine Zeit mehr hat. Es ist wohl einfach ein Wandel in der Gesellschaft, und wir müssen damit so umgehen, dass wir jedem Einzelnen helfen und trotzdem als Uni vorankommen und nicht stagnieren.

Plant denn der Stura, sich an der Flüchtlingshilfe zu beteiligen?

Ja. Aber dazu möchte ich jetzt offiziell noch nichts sagen. Bis dahin sind noch einige Hürden zu überwinden.

Foto: Julia Plagentz

Foto: Julia Plagentz

Okay, dann: Was ist nervig an der Hochschulpolitik?

»5 Hochschulengagierte, 10 Meinungen«, sage ich da gern. Es ist verdammt schwierig, einen Konsens zu finden. Man dreht sich da sehr oft im Kreis. Das nervt mich schon extrem. Aber meist ist es dennoch ein konstruktives Miteinander. Wäre schon schön, wenn das in den kommenden Jahren so weiterlaufen könnte. Dann haben wir was geschafft.

Wie geht«s weiter im Oktober?

Bei den Hochschulwahlen im Mai habe ich mich nicht mehr zur Wahl gestellt, weil ich einfach mein Studium fertigkriegen möchte. Mein momentanes Amt nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch, und man schafft ein Vollzeitstudium nebenher kaum. Mir hat«s Spaß gemacht, ich bin klüger geworden und jetzt gespannt, wer da ab Oktober neuen Wind reinbringt.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 14.10. 2015 | Bearbeitet: 10.10. 2015 23:28