Okt 2015 hastuUNI Heft Nr. 62 Rubrik 0

Ende der Nachhaltigkeit

hastuzeit hat mit der studentischen Förderinitiative der Naturwissenschaften e. V. und dem Fachschaftsrat der Wirtschaftswissenschaften (WiWi) gesprochen. Thema war die für März 2016 geplante Schließung des Lehrstuhls Betriebliches Umweltmanagement. Momentan hat diesen noch Professor Hans-Ulrich Zabel inne, aber nächstes Jahr wird er emeritieren, und dann wird die Stelle nicht wiederbesetzt werden.

Frederik Bub hat hat gerade seinen Master in Physik mit Schwerpunkt Photovoltaik gemacht. Momentan setzt er sich für die Wiederbesetzung des besagten Lehrstuhls der WiWis im Jahr 2016 ein. Aber warum sollte sich ein Physikstudent für Wirtschaftswissenschaften einsetzen, wo es ihn selbst doch nicht direkt zu betreffen scheint?

Neben seinem Engagement für Greenpeace Halle hat Frederik unter anderem die ASQ Nachhaltigkeit und dazu noch eine Ringvorlesung organisiert. Weiterhin engagiert er sich in der studentischen Förderinitiative der Naturwissenschaften e. V., welche die ASQ mit initiiert und geholfen haben. »Als ich die ASQ mit einem Kollegen zusammen ins Leben gerufen habe, haben wir einen Modulverantwortlichen dafür gesucht. Wir sind auf Herrn Zabel aufmerksam geworden, der, was Nachhaltigkeit angeht, eine Koryphäe ist. Wir sind mit unserer Idee an ihn herangetreten und er war hellauf begeistert«, erzählt Frederik. Ein anderer Grund war, dass das Thema Nachhaltigkeit in seinem Studium kaum vorgekommen war. »Die fachliche Ausbildung in der Physik war großartig. Aber die Fragestellungen, die man behandelt, sind oft sehr begrenzt, und da fehlt es mir dann oft, das Ganze in einen Kontext zu setzen und es gesamtgesellschaftlich zu sehen.«

Frederik Bub Foto: Herr Bohn

Frederik Bub
Foto: Herr Bohn

Frederik ist überzeugt, dass »ein Problem mehrere Ebenen hat, die technisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und psychologisch« relevant sind. Das bedeutet, dass ein Wissenschaftler seiner Meinung nach verschiedene Qualifikationen braucht. Da die Uni das nicht angeboten hat, hat Professor Zabel sich für die ASQ eingesetzt. »Alle fanden das gut, und es gab sogar Auszeichnungen.« Theoretisch könnte zwar jemand anderes die ASQ leiten, doch der Fachschaftsrat WiWi sieht das problematisch, da man zurzeit nicht wisse, »wer da genug Know-how besitzt, um diese Stelle zu übernehmen.«

Wenn die Lehrstelle gestrichen wird, gibt es noch mehr Schwierigkeiten. »Dieser Lehrstuhl bildet ja nicht nur Wirtschaftswissenschaftler aus, es profitieren auch andere Studiengänge davon, die damit in Berührung kommen. International Area Studies, Management natürlicher Ressourcen und auch der Masterstudiengang Erneuerbare Energien. Nachhaltigkeit ist seit 2011 ein Leitbild der Universität. Es heißt, die Hochschule solle sich in Lehre, Forschung und Betrieb am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren, aber da tut sich nicht viel.« meint Frederik.

Auch der Fachschaftsrat sieht den möglichen Wegfall des Lehrstuhls kritisch: »Das würde momentan alle Masterstudenten betreffen, die darin eingeschrieben sind. Wie sollen die zu Ende studieren, wenn ab März 2016 die Stelle nicht mehr besetzt wird? Wir sind ja auch damals demonstrieren gegangen, als die Medizin geschlossen werden sollte, und nun sind wir direkt betroffen. Es ging alles so wahnsinnig schnell. Es fand kein Dialog statt, selbst Professor Zabel war überrascht, als er erfuhr, dass die Stelle nicht mehr besetzt wird. Wieso fehlt eigentlich ein fünfstelliger Betrag für diese Stelle, wenn doch das Land nicht mehr die BAföG-Kosten übernimmt und jetzt genug Geld hat? Selbst wenn man sich an die Politiker vom Land wendet, zum Beispiel an Herrn Tullner (Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft, Anm. d. Red.), bekommt man nur als Antwort, es wurde darüber nachgedacht, aber es bestehe keine Notwendigkeit.«

Wieso gehören denn Wirtschaft und Nachhaltigkeit nicht zusammen? Und warum besteht bei dem Lehrstuhl keine Notwendigkeit? Frederik entgegnet: »Es gibt auf der Welt gerade vielfältige ökologische, ökonomische und soziale Krisen. In vielen Gebieten stehen wir kurz vorm Kollaps. Gerade die Wirtschaft muss sich umstellen, nachhaltiger und zukunftsfähiger werden. Da braucht«s kompetentes Personal, das weiß, wie man eine Wirtschaft gestalten kann, um eben diese Schäden nicht zu verursachen.«

Theoretisch sei das auch in der Politik und an den Hochschulen angekommen: »Die UNESCO sagt, alle Bildungseinrichtungen müssen zukunftsfähig werden und change agents ausbilden, also Leute, die den Wandel vorantreiben. Sei es die Nachhaltigkeitsstrategie des Landes oder eben das Leitbild der Universität. Gerade akut und brennend ist dieser Lehrstuhl, und deswegen haben wir gesagt: ›Wir beschränken uns jetzt auf diese Forderung, den Lehrstuhl zu erhalten.‹ Und wenn das in der Form einer Juniorprofessur ist, dann sind wir damit erst mal glücklich.«

Mit »wir« meint er die studentische Förderinitiative und das Team nachHALLtig, die einen offenen Brief an den Rektor und die Dekanin der WiWis geschrieben haben. »Wir sind an die betroffenen Fachschaften, an die betroffenen Studiengangsverantwortlichen, an den Stura, an sämtliche Hochschulgruppen und an einige der studentischen Vereine – CCH, sneep, Neue plurale Ökonomik – herangetreten und haben Unterschriften gesammelt.« Allein sind sie mit ihrer Forderung nicht, wie Frederik berichtet: »Auch im Studiengang International Areas Studies gibt es Studierende, die Unterschriften für den Erhalt sammeln und sich dafür einsetzen. Es gibt auch einige ehemalige Studierende von Herrn Zabel, die jetzt Professoren an anderen Universitäten sind, zum Beispiel an der Leuphana-Universität in Lüneburg. Das ist eine Uni, die sich explizit für Nachhaltigkeit einsetzt, und da ist einer der Professoren auch mit offenen Briefen an das Dekanat, das Rektorat, herangetreten.«

Aber reicht das aus? Statt einer Vollprofessur um eine Junior­professur zu bitten und hier und da ein offener Brief und ein paar Unterschriften? Wäre es nicht an der Zeit, endlich lautstark protestieren zu gehen? Was tut die studentische Förderinitiative, wenn der Lehrstuhl im März 2016 wegfällt?

»Ich glaube, dann muss man noch mehr in die konstruktive Schiene gehen und sagen: ›Okay, dann versuchen wir, Stellen zu schaffen, Gelder zu akquirieren und gucken, wie wir das selber verbessern können.‹ So haben wir es im Prinzip im Kleinen für unsere ASQ als unsere Lehrveranstaltung gemacht. Wir haben selbst Förderanträge geschrieben und  dafür einen Haufen Geld bekommen und konnten so die Veranstaltung finanzieren«, antwortet Frederik.

Würde der Fachschaftsrat WiWi einen Schritt weitergehen? »Wenn die Stelle wegfällt, kann man auch demonstrieren gehen, wir erreichen auch viele Leute über Facebook.«

Demonstrieren gehen, Gelder selber besorgen oder noch besser argumentieren. Welcher dieser Wege im nächsten Jahr Früchte tragen wird, wird sich zeigen.

Hier gelangt ihr zum offenen Brief:
https://nachhalltig.de/zukunftmlu/

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 14.10. 2015 | Bearbeitet: 10.10. 2015 23:26