Apr 2015 hastuPAUSE Nr. 59 0

Ein Leben beschreiben

Namensfindung damals und heute

Ein Leben beschreiben Robert_web Genervte Rufe nach »Justin«, »Elias« und »Jacqueline« … Das hört man in Halles großen Supermärkten und überall, wo sich Eltern und kleine Kinder finden lassen. Namen sind heutzutage eng mit Trendsetting verbunden, und wer als Studierende/r selber an Kinder denkt oder vielleicht schon welche hat, der wird sich mit dem großen Thema auch näher auseinandergesetzt haben. Gebannt durchforsten werdende Eltern das Internet nach den beliebtesten Namen des aktuellen Jahres, orientieren sich an Ideen von Stars und Berühmtheiten, die ihre Kinder »Petal Blossom Rainbow« oder »Moroccan« nennen.

Ob über Vornamensseiten, bunte Ratgeber, Fernsehserien, Romane, den eigenen Stammbaum, historische Werke oder auch religiöse Texte: Die Möglichkeiten einen passenden Namen zu finden, sind heutzutage vielfältiger denn je. Auch kreativen Namensfindungen steht, außer den gesetzlichen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches, nichts im Wege. So sind Einfach-, Doppel- und Mehrfachnamen in Deutschland erlaubt, die auf ein Geschlecht hinweisen und weder beleidigend, noch lächerlich wirken und somit nicht das Persönlichkeitsrecht des Kindes verletzen. Doch ob man sich Gedanken über Herkunft und Bedeutung der infrage kommenden Namen gemacht hat, bleibt offen.

Mehr Fragen stellen

»Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.«, schreibt William Shakespeare in »Romeo und Julia«. Doch wie soll man so einen kleinen Racker nennen, dessen gesamte persönliche Entwicklung noch vor ihm liegt? Ein Name, mit dem das Kind auch später noch leben kann, sollte es sein; ein Name für den man eine Erklärung hat, wenn es fragt: »Warum heiße ich so?« Eine schwierige Entscheidung, bei der man ruhig in die Tiefe blicken sollte. Kann mein Kind später mit einem christlichen Namen, wie »Noah«, »Christopher« oder »Christine« leben? Dieselbe Frage sollten die Eltern sich mit jedem religiös bezogenen Namen stellen, ganz unabhängig von ihrer Konfession oder Ethnie. Eine Konversion zum Islam oder auch eine Änderung der persönlichen Identifikation sind heutzutage nicht mehr so ungewöhnlich. Auch unabhängig von Glaubensgrundsätzen kann sich die sexuelle Identifikation im Laufe des Lebens ändern oder einfach der Generationenkonflikt zuschlagen.

In jedem Fall wäre eine Namensänderung nur in gut begründeten Ausnahmefällen möglich. So zählen offiziell als »wichtige Gründe« per Gesetz, wenn der Name zu Verwechslungen oder Anstößigkeiten einlädt. Das ist in aller Regel nicht der Fall und damit der Geburtsname bindend. Alles Weitere ist und bleibt eine Entscheidung der zuständigen Behörde und Gerichtsbarkeit. Ein Zündpunkt der Generationen, der schon von Anfang an Beachtung finden könnte.

Im Hinblick zum Profanen sollte man sich aber auch fragen, ob das eigene Kind wie ein Superstar einer Zeit heißen will, der schon lange nicht mehr »in« ist, wenn es selbst in das dafür relevante Alter kommt. Passen Vorname(n) und Nachname(n) klanglich und inhaltlich zusammen? Erzeugt die Kombination ein unschönes Wortspiel oder eine negative Assoziation? Die Beliebtheit und damit Häufigkeit eines Namens spielt ebenfalls eine Rolle, damit vielleicht ein Stückchen vertretbarer Individualität für Kind und Eltern gewahrt bleibt. Da könnten die erstplatzierten Namen der Beliebtheitslisten in ein paar Jahren vielleicht zu einer ungewollt großen Reaktion führen, wenn zum Beispiel auf dem Spielplatz nach »Ben« oder »Mia« gerufen wird.

Sich selbst Fragen zu stellen und auch kritische Stimmen in der Phase der Namensfindung zuzulassen, lohnt sich in jedem Fall. Denn selbst bei einem mehr als missglückten Namen muss man sich als Eltern oder Kind bis zu 255 Euro allein für die Änderung sowie jede Menge Nerven leisten können.

Ursprünge der Namen

Nicht immer waren Namen eine Frage des Trends. Im Mittelalter, das eine Vielzahl, nur in unser Vorstellung »deutschen Namen«, hervorbrachte, spielte der religiöse Bezug zu biblischen Erzählungen, Aposteln, Evangelisten sowie im katholischen Glauben auch zu Heiligen und Märtyrern, eine wichtige Rolle. Entlehnt sind sie vor allem dem alten Hebräischen, Griechischen und Lateinischen. Es ging bei der Benennung, neben der Verbreitung des Christentums, um damals erstrebenswerte, fromme Lebensziele, Glaubenserfahrungen und Zugehörigkeiten, die heutzutage kaum noch eine Rolle spielen.

Schon bei den Römern war es eine übliche Sitte, zwei, ab dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert drei Namen zu tragen. Der erste Hauptbestandteil war der Vorname, der das Geschlecht und oft eine gewisse wünschenswerte, Ruhm verheißende Eigenschaft, Abstammung und Status, aber auch Nummerierung, bei mehreren Kindern, beschrieb. Hinzu trat ein vererbter Nachname, wie er auch heute noch üblich ist und vom Vater kam, sowie ein Rufname oder Verdienstname. Zu diesen drei Funktionen kam noch eine Allgemeine als Statusanzeiger innerhalb des Reiches. Denn nur römische Bürger durften sich dieser Namensform bedienen.

Germanen dagegen benutzten, wie man beispielsweise Runeninschriften entnehmen kann, nur einen Namen, der zugleich eine wörtliche Bedeutung, wie Burkhard, »kühner Beschützer«, Frank, »der Freie«, oder Kunheide, »die Strahlende der Sippe« hatte. Damit gaben die Eltern ihrem Kind eine Lebensbestimmung, einen Glück verheißenden Wunsch oder den Schutz der Götter mit. In der Nennung, die sich jedoch erst im Mittelalter in Form von Nachnamen niederschlug, spielte der Name des Vaters und der Beruf eine Rolle.

Folgt man den Spuren an die Ursprünge unserer Namen, ob ins alte Ägypten oder Babylonien, dann wird eines immer offensichtlicher: Namen haben einen wörtlichen Sinn, der sehr relevant bei der Namensfindung war, jedoch heute oft in Vergessenheit geraten ist. Sie waren nicht nur leere Bezeichnungen, sondern wurden ganz magisch als Mittel zur Übertragung von positiven Eigenschaften, Erb- und Standesrechten, Schutzverhältnissen oder sogar als Prophezeiung verwendet. Es wurde versucht, Gutes an die Kinder zu geben, Werte und Ordnungen zu bewahren und Besseres zu wünschen.

Im namenlosen Land

Schaut man sich unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung moderne Namenskombinationen an, so findet man sich in einem unüberschaubaren Chaos voller Widersprüchlichkeiten wieder, die unser aller Alltag bestimmen. Der Wurzeln beraubt, treiben wir auf einem Datenmeer, ohne Sinn und Verstand. Da bleibt nur noch das ehrliche Selbstgeständnis: Unsere noch so moderne und technisierte Kultur hat keine eigenen Namen. Dort, wo der Sinn im Mittelalter bereits durch einen Bruch vom Paganismus zum Christentum verblasst war, stehen wir heute vor leeren Seiten. Was hat der einst so beliebte deutsche Name »Sabine« als Wort zu bedeuten? Die Tiefe vieler Namen lässt sich nur noch behelfsmäßig rekonstruieren, gerade wenn diese bereits antik von Vorgängerkulturen entlehnt worden sind.

Doch was hilft das Jammern den Kindern von morgen? Es gilt sich selbst Gedanken über Inhalte zu machen, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen. Nur so kann den folgenden Generationen, schon mit der Benennung und Erziehung, Identität, Ziel und Sinn mitgegeben werden. Die Rückbesinnung auf alte Namen und deren Bedeutungen, der in den letzten Jahren in die frisch gebackenen Elternhäusern Einzug erhalten hat, ist ein erster Schritt. Nun gilt es, nach dem Blick in die Vergangenheit, auch wieder in eine Zukunft mit neuen schönen Namen zu blicken. Alle Väter und Mütter von morgen haben es in der Hand ein großes Geschenk zu machen. Denn ein Kind zu benennen, heißt sein Leben zu prägen.

Über Robert May

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Erstellt: 30.04. 2015 | Bearbeitet: 10.05. 2015 02:02