Apr 2015 hastuUNI Nr. 59 0

Drei Mal durch die Hölle gehen

Eine weitere tote Sprache lernen. Das große Latinum hatte ich zum Glück in der Schule erworben, sonst hätte ich mir das für mein Theologiestudium auch noch aneignen müssen. Nun musste ich Althebräisch lernen, was ich für das »Basismodul Altes Testament« brauchte, und für Musikwissenschaften musste ich Musiktheorie 1 endlich bestehen.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Mit diesen Gedanken habe ich mich im Wintersemester 2012 von Montag bis Donnerstag jeden Tag von 10 bis 12 Uhr zur Vorlesung Althebräisch begeben. Ich habe natürlich noch andere Module belegt und ein ASQ absolviert. Wer lernt schon ein Semester lang nur eine Sprache? Es muss doch wohl möglich sein, diese Sprache zu erlernen und nebenbei noch weiter zu studieren. Für Althebräisch erhalte ich schließlich keine Leistungspunkte.

Letzten Endes habe ich jeden Tag neben dem Studium stundenlang, nächtelang für diese tote Sprache gelernt, einschließlich der Hausaufgaben und des zu besuchenden Tutoriums. Ich war mir also sicher, dass ich die Prüfung im März 2013 bestehen würde, ich hatte schließlich bis jetzt jede Prüfung bestanden. Falsch gedacht. Von circa 60 teilnehmenden Prüflingen haben nicht mal 10 bestanden. Es blieb aber nicht nur bei dieser einen Prüfung, bei der ich durchfiel. In meinem zweiten Fach scheiterte ich in Musiktheorie 1, obwohl ich doch dachte, dass ich alles könne. Auch hier war ich immer fleißig bei der Vorlesung und im Tutorium, gebracht hat es mir und dem Großteil der Studierenden nichts.

Der zweite Versuch

Bei Musiktheorie 1 habe ich mir einfach eingebildet, ich hätte einen schlechten Tag gehabt. Merkwürdigerweise war es auch so, dass ich mit den weiteren Modulen in Musikwissenschaften keine Probleme hatte. Ich bestand alles. Jeden Tag habe ich mir also Akkorde aufgeschrieben und diese analysiert. Ich habe unglaublich viele Bücher ausgeliehen, um über genügend Wissen und Übungsmaterial zu verfügen. Am Tag des zweiten Versuches, im Januar 2014, saßen in dem kleinen Vorlesungsraum circa 40 Leute. Die meisten erkannte ich vom ersten Versuch wieder. Es reichten nicht mal die Tische aus, wir mussten noch welche reintragen, so voll war es. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht endlich bestehen würde, zur Strafe mit Haut und Haaren verschlungen zu werden. In meiner Phantasie verwandelte ich mich immer mehr in eine schüchterne Antilope, während der Professor mit prüfenden Löwenaugen über die Studierenden blickt. So langsam ging die Phantasie mit mir durch. Von allen Teilnehmern bestanden vielleicht zehn Prüflinge, und ich war wieder nicht dabei.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Studierende hatten mir erzählt, dass es auch einen Sommerkurs für Althebräisch gab und der wohl besser sei, weil der in den Ferien stattfindet und man sich in Ruhe auf die Sprache konzentrieren kann. In den Kurs wurde ich jedoch nicht aufgenommen. Wie ich von anderen Studierenden hörte, werden nur maximal 20 Leute zugelassen, die entweder zur Prüfung noch nicht angetreten oder bereits zwei Mal nicht bestanden haben. Ich gehörte leider zu denen, die erst einmal durchgefallen sind. Also bat ich den Dozenten doch wenigstens den anderen, die er auch nicht genommen hatte, eine Mail zu schreiben, dass ich eine Lerngruppe eröffnen würde, in der jeder mitmachen könne. Letzten Endes waren wir dann gerade mal drei Leute. Wir quälten uns also irgendwie durch das 380-seitige Althebräisch-Lehrbuch durch.

Ich hatte das Glück, dass meine Mitstreiter im Konvikt wohnten und jemanden kannten, der die tote Sprache sehr gut beherrschte. So waren wir einmal in der Woche dort. Jeder übersetzte einen Vers aus dem Alten Testament, und das so lange, bis alles richtig war. Ab und zu bekamen wir auch grammatikalische Fragen gestellt. Wir drei trafen uns dennoch einmal in der Woche im Institut, um dort ebenfalls zu üben.

Irgendwann fiel unserer Sekretärin der theologischen Fakultät auf, wie sehr wir uns jede Woche mit der Sprache abmühten, und beschloss einen Dozenten aufzutreiben, damit wir noch mehr Hilfe bekamen. Sie fand auch einen. Das war der, der uns anfangs nicht in den Kurs ließ. Dieser bat uns drei zuerst in sein Büro. Dort prüfte er, wie weit wir alle waren: Vorlesen, Vokabelwissen, Übersetzung und Grammatik. Dadurch, dass wir immer als Gruppe gelernt hatten, konnten wir als Team ordentlich punkten. Wenn ich etwas nicht wusste, wusste es mein Kommilitone und andersrum. Doch der Dozent meinte, dass wir zwar als Team sehr gut funktionieren würden, die Prüfung aber alleine schaffen müssten. Einer von uns sagte: »Wieso nehmen wir auch nicht einen anderen Text? Zum Beispiel Genesis.« Wir schlugen die entsprechende Seite auf und fingen dann selbstständig mit der Arbeit an. Ich meinte dann: »Ah, hier haben wir auch eine hohle Wurzel.« Was sehr lustig war, da der Dozent erwiderte: »Oh, das kann ich noch gar nicht. Also … im Kurs sind wir noch nicht so weit.« Wir kamen dann auch einzeln mit dem Text besser klar. Abschließend ließ er uns dann alle in den Sommerkurs, wofür wir sehr dankbar waren.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Der Sommerkurs von 2014 hat mir persönlich sehr geholfen. Es war ein gutes Gefühl jeden Tag jemanden vor sich zu haben, der einem den Stoff beibrachte, einen berichtigte, Fragen stellte und da wir so eine kleine Runde im Kurs waren, mit maximal 20 Leuten, erhielt jeder die optimale Förderung. Natürlich bekamen wir auch massig Hausaufgaben auf, und ich traf mich immer noch im Konvikt zur Lerngruppe.
Das ging so weiter bis zum zweiten Versuch am 10. Oktober 2014. Die schriftliche Prüfung bestand ich auch, also dachte ich mir, die mündliche Prüfung am 17. Oktober würde bestimmt ebenfalls positiv ausfallen. Deshalb lernte ich wieder jeden Tag und jede Nacht. Dann war es so weit. Nach einer halben Stunde Vorbereitung ging ich dann in den Raum rein, wo bereits drei Prüfer saßen. Ich las also den Text vor, übersetzte ihn und musste mich schließlich allen Fragen stellen, die mir alle drei Prüfer innerhalb von 20 Minuten gestellt haben. Ich fühlte mich dieses Mal mehr wie eine schreckhafte, weinerliche, schüchterne Antilope vor drei thronenden Löwen, da ich immer mehr das Gefühl hatte, nichts zu können. Letzten Endes habe ich nicht bestanden. In der Theologie ist es leider so, dass wenn man in der schriftlichen Prüfung besteht und in der mündlichen Prüfung durchfällt, beide Prüfungen nochmal machen muss.

Aller guten Dinge sind drei Versuche

Ich war stinksauer und stand wochenlang unter Dauerspannung. So etwas wie Urlaub kam seit Jahren nicht mehr in Frage. Ich beschloss, mir erstens für Musiktheorie eine Nachhilfe zu besorgen und zweitens alle meine Sachen von Althebräisch zu nehmen, in den Ofen meiner Eltern zu schmeißen, und beim Verbrennen Popcorn zu futtern.

Auf Nummer Zwei verzichtete ich, stattdessen erhielt ich einmal in der Woche Nachhilfe in Musiktheorie 1 von einer sehr guten Freundin, die neben mir auch noch anderen half diese verfluchte Prüfung zu bestehen. Natürlich gab auch sie mir jede Woche eine ganze Menge an Hausaufgaben auf, zum Beispiel Lieder analysieren und Satzfehler bestimmen.

Auch hatte ich mir geschworen, mindestens einmal in der Woche in den Kraftraum am Von-Seckendorff-Platz zu gehen. So konnte ich die ganze Wut im Sport wieder rauslassen. Und viel entspannter lernen. Außerdem hatte ich mir vorgenommen einmal die Woche Kontakt zur Außenwelt zu suchen. Nämlich Freunde treffen oder sie anrufen.

Illustration: Ragnvald (CC BY-SA 2.5)

Illustration: Ragnvald (CC BY-SA 2.5)
Bildnachweis siehe unten

Der nächste Schritt der Veränderung war, mir ein Ziel zu suchen. Wofür kann ich Althebräisch überhaupt gebrauchen? Latein kam wenigstens ab und zu noch in verschiedenen Fernsehserien als getarnte, gruselige Hexensprache hervor. Althebräisch braucht man nur, wenn man Neuhebräisch lernen möchte, um dann ein Semester in Israel zu studieren.

Der letzte Punkt war natürlich, den Professoren von der mündlichen Prüfung zu zeigen, was ich drauf habe. Ich habe schließlich auch meinen Stolz. Den einen Professor hatte ich schließlich von Montag bis Donnerstag in der Vorlesung in Althebräisch. Da hieß es also jede verdammte Frage zu beantworten. Ich wollte im Unterricht zeigen, dass mir das alles leicht von der Hand fällt.

Das allerschwerste war, mich hinzusetzen, mir einen Zettel zu nehmen und mir aufzuschreiben, was ich alles noch nicht kann, sowohl für Althebräisch als auch für Musiktheorie 1. Die eigenen Schwächen einzugestehen, wer tut das schon gerne? Bei Musiktheorie 1 habe ich dann meiner lieben Nachhilfelehrerin einfach direkt gesagt, was ich überhaupt nicht kann und konnte nach und nach die Punkte auf meiner Liste durchstreichen.

Althebräisch war nur noch eine Lernsache, Verständnisfragen hatte ich keine mehr. Also schrieb ich mir eine sehr lange Liste von dem, was ich noch lernen musste und bis wann.

Es hilft sich selber oft zu sagen, dass man gut vorbereitet ist und sich somit ein Selbstbewusstsein aufbaut. Niemals aufgeben! Nicht darüber nachdenken, was alles schief laufen könnte, sondern immer das Positive vor Augen haben.

Die Tage der Wahrheit

Am 30. Januar 2015 saß ich drei Stunden mit 40 weiteren Studierenden da, um den schriftlichen Teil in Althebräisch zu bestehen. Auch wer die Bibel auswendig kann, kommt hier nicht wirklich weiter. Dummerweise ändern die Professoren immer ein paar Wörtchen im Text. Also starten alle mit denselben Chancen, nur wer fleißig gelernt hat, kommt bei der Übersetzung weiter. Ein paar Tage später wurde dann per Aushang in der theologischen Fakultät bekannt gegeben, dass neun Kandidaten am 4. Februar in die mündliche Prüfung kommen sollten. Mein Name stand unter dem 5. Februar mit acht weiteren Kandidaten am Aushang.

Das Problem war nur, dass ich am 2. Februar meinen 3. Versuch für Musiktheorie 1 hatte. Deshalb hatte ich ehrlich gesagt nur Musik gepaukt. In der Musikfakultät waren gefühlt 20 Studierende für die Prüfung angetreten, einige erkannte ich wieder, die nun auch zum dritten Mal schrieben. Meine Hände waren noch schwitziger als in Althebräisch, der Herzschlag denke ich noch höher, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Aber Stress ist nur positiv, es hilft mit voller Leistungskraft jede Aufgabe zu bewältigen. Der Professor teilte die Bögen aus, und sofort legte ich los. Nach einer Weile bemerkte auch ich, wie einige Studenten immer lauter miteinander tuschelten. Die waren dann so nervig, dass der Professor sagte: »Würden Sie bitte die Unterhaltungen einstellen, Sie schaffen das auch so.« Richtig, wir schaffen das schon.
Als die Zeit um war, sammelte er alles ein. Und meinte noch: »Morgen oder übermorgen liegen die Ergebnisse vor.« Mit diesen Worten verabschiedete er uns.

Nach der Prüfung war mir grottenschlecht, es ging hier schließlich um meinen Studiengang. Ich bin dann jeden Tag zur Sekretärin gegangen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob ich mein Studium in der Musikwissenschaft nun schmeißen konnte oder nicht. Am Dienstag, den 4. Februar erfuhr ich es dann. Ich ging zur Sekretärin, die, glaube ich, schon völlig genervt war. Sie sagte, sie habe gerade die Ergebnisse per Mail erhalten. Ich hatte jedoch das Gefühl die E-Mail in leinwandgroßen Lettern vor mir zu haben. »Was hab ich denn nun?«, fragte ich. Sie meinte: »Also, Frau Sommer, Sie haben bestanden.«

»Juchu, oh, danke schön!« Ich sprang ein wenig und war fast den Tränen nahe. Sie fügte hinzu: »Der Professor schreibt aber noch, dass es eine sehr knappe Sache war und Sie fleißig weiterlernen sollen.« Ich bejahte natürlich, dass ich das machen werde.

Jetzt fehlte nur noch eine Prüfung: mündlich Althebräisch am 5. Februar. Ich war zwar völlig im Eimer, aber das war mir egal. Ich lernte also bis zum 5. Februar so viel, wie ich nur konnte. Pausen habe ich nur gemacht, um zu essen oder abends zu schlafen. Übersetzen, vorlesen, Grammatik und wieder von vorne, bei einem anderen Text.

Dann war es so weit. Nach der dreißigminütigen Vorbereitungszeit kam ich wieder zu denselben drei Professoren. Aber ich hatte einen Plan.

  1. Es gibt nur einen Hauptprüfer, der sitzt dir gegenüber, seine Fragen musst du beantworten. Die anderen kannst du ausblenden, die lenken nur ab, auch wenn es Hilfestellungen sein sollen.
  2. Den Augenkontakt vermeiden, die Lösung steht niemals in deren Gesichtern.
  3. Konzentration und Ruhe ist alles.
  4. Vertrau auf dich selbst und dein Glück.
  5. Stell dir permanent vor, es wäre eine weitere Person vorhanden, die dich pausenlos in den langen 20 Minuten anfeuert.
  6. Wenn der Professor sich eine Frage überlegt, nutz die Zeit und präsentiere dein Wissen einfach ungefragt.
  7. Auch du weißt nicht alles, das ist einfach menschlich.

Dann mussten sich die Professoren beraten. Beim letzten Mal hatte ich sie noch belauscht. Dieses Mal aber nicht. Ich hatte mich auf den Tisch im anderen Raum gestützt und mir gesagt: Okay, das war es jetzt.
Dein letzter Versuch. Da ging die Tür wieder auf. »Frau Sommer kommen Sie wieder rein?« Meine Tränen hatte ich schon beim letzten Mal vergossen, und da ich einfach nur todmüde war, hatte ich auch keine Kraft mehr, irgendwelche Emotionen zu zeigen.

»Ja, also, Sie haben bestanden.«

Daraufhin streckte ich meine Arme in die Luft und rief ein lang gezogenes »Wuhuuuuu«, als wäre ich auf einem Festival, richtig schön laut. Während der Professor mir noch erzählte, wie meine schriftliche und mündliche Prüfung gelaufen ist, hüpfte ich fröhlich vor mich hin.

Dann gab ich jedem noch die Hand und habe das Haus verlassen.

Aber ohne die Lerngruppen, die Tutorien, die Vorlesungen, die Dozenten und Professoren und alle meine lieben Menschen, die mich unterstützt haben, hätte ich das bestimmt nicht geschafft.

Na dann, Neuhebräisch, ich komme.

Bildnachweis: Ragnvald (CC BY-SA 2.5)
commons.wikimedia.org/wiki/File:Higher_learning.png

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

, , , ,

Erstellt: 30.04. 2015 | Bearbeitet: 11.10. 2015 14:28