Jun 2015 hastuUNI Heft Nr. 60 0

Die letzten ihrer Art

Zwei ehemalige Studenten der Ingenieurwissenschaften erzählen davon, wie es war auszusterben. Aktuell stehen unter anderem die Geowissenschaften auf der Roten Liste.

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Dr. Dipl.-Ing. Christian Sommer- Foto: Christian Riecken

Nach der Schließung der Ingenieurstudiengänge an der MLU wurde im September 2006 das Zentrum für Ingenieurwissenschaften gegründet, um eingeschriebenen Studierenden noch die Möglichkeit zu geben, fertig zu werden. 2012 hat Christian Sommer seinen Doktor in Bioingenieurwissenschaften gemacht und gehört damit zu einer fast ausgestorbenen Art von Studierenden.

Womit hast du dich in deinem Studiengang beschäftigt?

Ich habe mich mit der Transglutaminase beschäftigt, damit kann man Surimi oder Putenrollbraten herstellen. Das ist ein Hilfsstoff in der Lebensmittelindustrie um Fleisch oder fleischähnliche, proteinhaltige Lebensmittel fester zu machen.

Kennst du noch Kommilitonen die im Bioingenieurwesen immatrikuliert sind?

Ja, einige arbeiten zum Beispiel noch an ihrer Doktorarbeit. Es ist natürlich interessant, weil das Professor-Studierenden-Verhältnis ein ganz anderes ist, als in einem Studiengang, der gerade im vollen Betrieb ist und eine Menge Bewerber und Kommilitonen hat. Aber durch die Zusammenarbeit mit der Biochemie, den Physikern oder den anderen Naturwissenschaften am Weinbergcampus ist man weniger allein. Vor allen Dingen arbeitet man bei den Professoren und den Arbeitsgruppen mit.

Wie hast du erfahren, dass dein Studiengang gekürzt wird und wie empfandest du das?

Ich glaube, das hat mir ein Kommilitone erzählt. – Man muss auch mal aus der eigenen Perspektive schauen und abgesehen von der Solidarität mit der Kameradschaft seiner Kommilitonen gegenüber, ist es natürlich auch so, dass je weniger Konkurrenten um Arbeitsplätze man im Endeffekt hat, desto besser sind die eigenen Chancen und auch die entsprechende Verhandlungsbasis.

Sind die Bachelor-und Masterstudiengänge der Fächer Biologie, Chemie usw. besser?

Das Problem ist, dass man bei der Biologie zwar eine Menge über die Natur und eine Menge Organismen lernt, aber nie den technischen Hintergrund lernt, dass man in eine industrielle Produktion mit dem Wissen gehen könnte. Das Interesse für einen geschäftlichen Einsatz, wo man effizient was industriell produzieren möchte, ist weder in der Pharmazie noch in der Biochemie oder in irgendeinem anderen Bereich angesiedelt. Dem entsprechend ist der Bioingenieur an der Stelle schwierig zu ersetzen. Egal, in welche Richtung man studiert, man studiert immer nur die Hälfte.

Als man deinen Studiengang versucht hat auszuradieren, hatte das Folgen für die Umwelt?

Gerade am Weinbergcampus sind einige, auch inzwischen recht große Unternehmen, die sich mit auftragsbiotechnologischer Produktion beschäftigen. Die müssen sich dann, wenn sie diesen Bioingenieurzweig nicht mehr zur Verfügung haben, aus anderen Studienrichtungen Kollegen bzw. Mitarbeiter rekrutieren und die dann entsprechend schulen, auf ihre Instrumente, ihre Geräte und ihre Prozesse, die sie haben.  Da hätte natürlich am Weinbergcampus gerade eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Industrie und Universität stattfinden können. Findet auch tatsächlich immer noch statt: Zwischen der Biochemie und den entsprechenden Unternehmen dort, aber der Prozesshintergrund ist mit den Ingenieuren an der Stelle deutlich verloren gegangen.

Was können Studierende heute tun, um nicht auszusterben?

Ich würde davon ausgehen, dass ein höherer Druck auf die Professoren deutlich mehr Erfolge bringt, als mit Demonstrationen vor einem Regierungsgebäude. Zum Schluss entscheidet ja auch die Universität, in welche Richtung man mit welchen Mitteln geht, welche Studiengänge abgeschaltet werden und zu einem Kompromiss, oder einer Lösung zu kommen, die die Vielfalt der Universität erhält.

 

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Dipl.-Wirtsch.-Ing. Andreas Gaida, Foto: Christian Seidel

Andreas Gaida studierte von 1998 bis 2003 Wirtschaftsingenieurwesen. Sein Studium bestand aus BWL und Ingenieurwissenschaften.  Für sein Diplomstudium hat er sich auf die Bereiche Logistik und Verfahrenstechnik konzentriert.

Gibt es denn einen gravierenden Unterschied zwischen deinem Diplomstudium und dem Bachelor oder Master in BWL?

Erstmal haben die nicht mehr so viele Wahlmöglichkeiten, wie wir das damals hatten. Wir waren nach dem Grundstudium wirklich sehr flexibel und konnten uns in alle möglichen Richtungen spezialisieren. Wir hatten ja auch 10 Semester Zeit und die Bachelorstudenten nur 6 Semester und 4 Semester Master. Das ist schon alles komprimiert worden. Kann auch sein, dass die mehr Druck haben, als wir das früher hatten. Das Diplomstudium war relativ angenehm. Es ist jetzt mehr Stoff pro Zeit, als es bei uns der Fall war.

Warum wurde dein Studiengang weggekürzt?

Ich habe noch in Erinnerung, dass es damals Diskussionen gab, weil das Land Sachsen-Anhalt wohl meinte, dass es sparen muss. Dass man sozusagen nicht mehr zwei Volluniversitäten hat: Magdeburg und Halle. In dem Zug, dass Magdeburg eher in die naturwissenschaftlich-technische Richtung gehen sollte. Und Halle mehr in Richtung Geisteswissenschaften und in dem Zug wurde die ingenieurwissenschaftliche Fakultät geschlossen.

Habt ihr versucht, eure vom Aussterben bedrohte Art zu retten?

Ich weiß das von meinen Kommilitonen: Die haben sich da teilweise noch mit engagiert, weil die etwas länger gebraucht haben als ich. Aber ich war im letzten Semester, habe die Diplomarbeit geschrieben, war in Wien, nicht in Halle. Ich selber habe mich da nicht mehr so viel dran beteiligen können … Da gab es wohl schon einige Demos. Aber was die im Detail gemacht haben, weiß ich nicht mehr.

Wie hat sich das angefühlt auszusterben?

Ein bisschen traurig fand ich es schon. Ich hatte auch das Gefühl, dass Ingenieurwissenschaften nicht so eine große Wertschätzung hatten. Teilweise kann ich es auch nachvollziehen. Die Studentenzahlen waren schon relativ niedrig. Wir hatten teilweise eine Vorlesung da waren wir zu dritt drin. Aber es war einerseits schön, dass die Betreuung bei uns relativ eng war, aber man hat durchaus gemerkt, die Ingenieurwissenschaften hätten ein paar mehr Studenten vertragen können.

Hast du noch Tipps für aktuell bedrohte Studiengänge?

Ich denke man kann sich nur wehren, indem man laut schreit und zeigt, dass man mit so einer Entscheidung nicht einverstanden ist, und versucht es den Entscheidungsträgern in der Politik schwer zu machen. Es gibt ja einen Rechtsanspruch und man kann sein Studium beenden, das ist wenigstens ein Trostpflaster. Aber so ist es unerfreulich, wenn in der Fakultät die Stimmung in den Keller geht, weil man weiß, es endet hier alles.

 

Johannes Kreutzer, Foto: Katja Elena Karras

Johannes Kreutzer, Foto: Katja Elena Karras

Zu der Liste, der bedrohten Studiengänge gehört Johannes Kreutzer der seinen Bachelor mit 120 Leistungspunkten in Geographie und 60 Leistungspunkten in Wirtschaft macht.

Erinnerst du dich noch an eine Demo, wo du sagst: »Ja, die hat richtig was gebracht.«?

Es ist doch bei jeder Demo dasselbe. Es ist erstmal ein lauter Aufschrei und dann verläuft es sich im Sand. Ich meine, natürlich fühlst du dich in dem Moment stark verbunden, dass du vielleicht auch was bewirken kannst. Bist du dann wieder zu hause bist und denkst: ja, ja, ob das jetzt was wird? Es ist schade, dass dem Land die Bildung nicht so wichtig ist. Dass sie dafür die Mittel nicht freimachen, finde ich erbärmlich, aber wir sind nur die Elite der Zukunft.

Wer will deinen Studiengang wegkürzen das Rektorat oder das Land?

Das Land möchte nicht genau diese Studiengänge kürzen, sondern das Land möchte einfach nur weniger Geld bezahlen. Das Rektorat sagt dann: »Naja, nehmen wir die Studiengänge weg, wo die wenigsten eingeschrieben sind.« Wobei Geographie immer gut besucht ist oder war. Also ich würde sagen, es sind bei daran schuld, aber primär das Land.

Du könntest dich auch freuen, wenn dein Studiengang gestrichen wird, gibt es später weniger Konkurrenz.

Das ist Quatsch. Es wird immer genug Konkurrenz geben, da brauchen wir uns nichts vorlügen. Natürlich gehe ich zu den Demonstrationen. Das werde ich auch das nächste Mal machen, wenn da was läuft, ist doch klar. Es ist auch irgendwo meine Uni, egal welcher Studiengang.

 Wie sieht es momentan in deinem Studiengang aus?

Wir hatten mal glaube ich sechs Professoren, jetzt haben wir noch drei. Du hast teilweise Kurse in Räumen wo 50 Leute reinpassen, da sitzen 90 Leute drin. Wir haben einen Dozenten, der muss sich um die Übungen, ein Tutorium, die Vorlesung, die Klausur und dann um die Exkursion kümmern. Dann hast du auch ständig, ich sage jetzt mal, Professorenersatz aus dem Westen, die für ein Jahr hier herkommen. Wenn du zum Beispiel eine Klausur verschissen hast, musstest dazu eine Ausarbeitung machen, hast die aber bestanden, aber die Klausur nicht und dann ist der das nächste Jahr weg. Es kommt ein neuer und der sagt: »Nö, die Ausarbeitung gilt nicht, darfst du nochmal machen.« Das ist natürlich bombig. Ist mir zum Glück nicht passiert, aber einigen meiner Kommilitonen ist es passiert.

Wie könnte es denn noch schlimmer werden?

Wenn gar keine Professoren mehr da sind, und dann wird der Studiengang nicht mehr angeboten. Das ist natürlich Worst Case und sollte nicht passieren, aber wir haben gelernt, uns daran anzupassen.

Wenn es deinen Studiengang nicht mehr gibt hat das Auswirkungen?

Es gibt viele internationale Projekte in Russland, Osteuropa, und auch in Bayern und hier in der Region. Die forschen zum Beispiel in Südrussland, Richtung Kaukasus, an einer neuen Getreideart. Das Institut und das Bioinstitut testen, wie sich das so auf die Umgebung auswirkt. Die betreiben nicht nur Monitoring, zeichnen nicht nur auf, die forschen ja auch. Das wäre schade, wenn so was wegfällt: Die Zusammenarbeit und die Forschung.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

Erstellt: 08.06. 2015 | Bearbeitet: 09.06. 2015 11:06