Apr 2015 hastuPAUSE Nr. 59 0

Der Hallische Zufall

»Der Hallische Zufall« ist die neue Kolumne der hastuzeit. Darin schildert unser Redakteur Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Im ersten Teil lernen wir den Hallischen Zufall kennen.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Der Hallische Zufall ist ein Lokalpatriot. Nur in der Saalestadt fühlt er sich wohl. Es mag noch hier und da den ein oder anderen Verwandten geben, aber für die interessiert sich der Hallische Zufall nicht sonderlich. Er ist ganz heimisch in der Stadt des Salzes und der Halloren mit ihren Bars und Kneipen, mit ihren Hörsälen und Clubs und ihren Trams und Radwegen. Von Zeit zu Zeit besucht er Partys, Poetry Slams und auch mal Softskill-Veranstaltungen. Besonders aber liebt er Kreuzungen und Ampeln. Er liebt es auf dem Fahrrad vorbei zufliegen und nur kurz zu winken. Solche Momente sind es, in denen er uns am häufigsten begegnet. Unerwartet, überraschend und oft genug zu kurz und viel zu unvorbereitet.

Der Hallische Zufall beschreibt die Gewissheit, dass jede und jeder, jeden und jede in Halle irgendwann wiedersehen und wiedertreffen wird. Die einzige Variabel ist das Wann. Morgen oder erst in ein paar Monaten, zu früh oder zu spät, alles ist möglich. Sicher ist nur eines: Es wird passieren.

Das kann ein großes Glück sein. Wenn man die charmant-interessante Bekanntschaft, nach deren Nummer man natürlich nicht gefragt hat, am Montag danach in der Tram zur Bibliothek wieder trifft. In solchen Fällen ist der Hallische Zufall gerade zusammen mit seiner besten Freundin, dem Momentum, unterwegs. Sind die beiden gerade zusammen, darf weder Hallenserin noch Hallenser zögern oder zaudern. Jetzt muss gehandelt werden.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Aber der Hallische Zufall ist unstetig, manchmal kommt er zur falschen Zeit oder an den falschen Ort. Wenn er garstig ist, kommt beides zusammen. Dann ist etwa die unglückliche Beziehung noch nicht beendet, wenn neue Lieblingsmenschen wiedererkannt werden. Der Hallische Zufall ist dann meistens mit seinem Kneipenkumpel »Schlechtes Timing« unterwegs. Beide zusammen können ganz schön fies sein.

Meistens aber huscht der Hallische Zufall alleine durch seine Stadt, wird verpasst oder auch nicht, taucht kurz auf und wieder ab, betrachtet die Bürger der Stadt, die er auf seine eigene typisch hallische Weise liebt. Wir treffen dann Dozenten, alte Freunde, die Tanzlehrerin, den Typ aus der Kneipenschlägerei von gestern Nacht.

Leben kann der Hallische Zufall nur in dieser, seiner Saalestadt. Nur in einer Stadt, die groß genug ist, um sich ab und an zu verstecken, aber klein genug ist, als dass er sich den Menschen hier und da zeigen kann. In der Anonymität verschwinden mag er nicht, ein bisschen bekannt sein will er schon. Der Hallische Zufall ist nämlich auch ein bisschen eitel. Die Stadt bietet ihm perfekte Lebensbedingungen: Viele verschiedene Plätze und Ecken zum Verweilen, Monotonie ist ihm ein Graus. Dabei aber kurze Wege, alles schön dicht beieinander, verteilt nur auf wenige Stadtviertel. So fühlt er sich wohl.

Der Hallische Zufall ist ein flatterhafter Geselle, unzuverlässig, verspätet, überpünktlich, mal zur falschen Zeit am rechten, mal zur rechten Zeit am falschen Ort und auch mal ganz genau richtig. Man kann sich bei ihm nur auf eines verlassen: dass er irgendwann kommt. Wer Geduld hat und wartet, wird jeden irgendwann, irgendwo in dieser Stadt wiedertreffen. Man muss dann nur die Chance nutzen. Sonst huscht er vorbei.

Zum Beispiel wie kürzlich an der Ampel an der Kreuzung 200 Meter vor der Haustür. Da hat man ihn gesehen und die Chance genutzt. Es hat sich gelohnt.

Auf Wiedersehen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 30.04. 2015 | Bearbeitet: 27.01. 2016 23:06