Okt 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 62 Rubrik 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Diesmal geht es um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse – oder einfach um die HAVAG.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Es gibt diese Momente, in denen der Hallische Zufall die gelegentlich durchbrechenden Hassgefühle der Saalestädter auf ihren Nahverkehr sehr gut nachvollziehen kann. An sich mag der Hallische Zufall Tramfahren. Bleibt das Smartphone in der Tasche, kann man Gespräche belauschen, Leute beobachten oder einfach mal durchschnaufen. Wobei es da ja schon anfängt mit der zweifelhaften Beziehung: Die Sommerhitze im Innenraum lässt sich eigentlich nur mit dem weit schlimmeren Gedanken an die schrecklich trockene, grippeviren-geschwängerte Heizungsluft im Winter ertragen.

Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu den Hassgefühlen, die aufkommen, wenn an der Endhaltestelle Kröllwitz zwischen der Linie 4 und 7 gewechselt werden muss. Dem Fahrplan sei Dank fährt die 7 dort nämlich eine halbe Drehung. Dies ist insofern von Bedeutung, als dass während dieser Drehung die Linie 4 abfahrbereit in den Blick des Fahrgastes kommt. Auf der Abfahrtsanzeige leuchtet das ebenso drohende wie gefürchtete »Sofort«. Entgegen besseren Wissens keimt ein Gedanke auf: Vielleicht wartet sie ja diesmal. Doch kurz bevor die 7 gänzlich zum Stehen kommt, wird die naive Hoffnung zerschlagen. Die 4 setzt sich in Bewegung. Der Hallenser wartet nun 15 Minuten auf die nächste Bahn. Schon immer hat sich der Hallische Zufall gefragt, ob Tram-Fahrer in solchen Momenten Schadenfreude, Gleichgültigkeit oder Mitgefühl empfinden. Fragt man die Händelstädter solcherart Fragen, erklingen mehrheitlich Klagen über diese Fahrer aus der Hölle ohne Empathie und Freundlichkeit. Doch der Hallische Zufall kennt auch die Anderen, die Aufrechten, fast Engelhaften: Besonders gut zu beobachten sind diese an solchen Straßenecken, wo gleich hinter der Haltestelle eine Ampel auf Rot zeigt. Die Tram muss dann direkt wieder halten, und wenn dann noch ein hoffnungslos verspäteter Studierender angerannt kommt, passiert zuweilen das Unglaubliche: Der Fahrer öffnet, ohne dazu verpflichtet zu sein, die Türen erneut, und der Gehetzte darf mitfahren. Es gibt sie also, die freundlichen Fahrer.

Wahrhaft teuflisch sind dagegen die Durchsagen der HAVAG. Das gilt für die computergenerierten Stimmen in der Tram genauso wie für die manuellen aus den Lautsprechern der Haltestellen. Die kleinen Mephistos innerhalb der Bahn sind noch recht harmlos und eher lächerlich bis amüsant. Denn, liebe HAVAG, Berlin oder London mögen zentrale Umsteigeplätze haben, aber doch bitte nicht Halle! Und vor allem ist nicht jede zweite Haltestelle ein solcher »zentraler Umsteigeplatz«.

Wer dazu noch das Pech hat, Haltestellen wie »Franckeplatz« oder »Moritzburgring« zu passieren, hört dazu noch die Durchsage, wo man sich den gerade befinde und was für tolle Dinge darum herum liegen. Das Ganze dauert gefühlt bis zur übernächsten Haltestelle an. Jedes Mal aufs Neue.

Doch auch all das ist harmlos verglichen mit den Ansagen aus den Lautsprechern der Haltestellen. Gemeint sind jene Ansagen, die allen, die das Pech haben, oberhalb einer Haltestelle zu wohnen, regelmäßig den Wecker ersetzen oder diesen auch mal an die Wand werfen lassen. Im schönsten Hallenser-Slang wird dann nämlich gerne bereits morgens um sieben lautstark
darauf aufmerksam gemacht, welche Bahn nun wie umgeleitet wird und warum Linie X von nun an anders fährt. Ist das Elend vollendet, erfolgt mit Sicherheit der Anschlusssatz »Ich wiederhole …« Das Fenster zu schließen ist da keine Hilfe, denn die Änderung soll ja wirklich jeder mitbekommen. Es sind diese Momente, in denen nur noch ein Wunsch Hallenser und HAVAG eint: Möglichst rasch die Endhaltestelle »Frohe Zukunft« der Linie 1 zu erreichen. Auf dem Weg dahin liegen nämlich passenderweise ruhige Friedhöfe, wo garantiert der Höllenzugang dieser teuflischen Ansagen zu finden ist.

Hallischer Zufall_Straßenbahnhochzeit_Anne_web

Illustration: Anne Walther

All das ist zwar schrecklich gut geeignet, um sich zu echauffieren, aber die HAVAG hat auch romantische Seiten. Nie zu vergessen ist, dass auch das Böse zur Liebe fähig ist. Und so wurde das nächtliche Zusammentreffen zu jeder vollen Stunde aller Linien am Markt in des Zufalls Nähe kürzlich poetisch Straßenbahnhochzeit genannt. Und wirklich, nachts, vor allem im Winter, nicht draußen warten zu müssen, sondern ganz einfach die Bahn zu wechseln: ein Traum. Vielleicht dem geliebten Menschen, der mit anderer Linie heimfährt, noch zwischen den Türen unter Händels Blicken einen Kuss auf die Wange zu geben, das ist doch wahre (Straßenbahn-) Romantik, die nur die HAVAG bescheren kann.

So endet auch die Beziehung der Hallenser zu ihren Verkehrsbetrieben am Ende versöhnlich. Zumal auch der verärgerte Pendler in Kröllwitz zugeben muss, dass das erwähnte Entschwinden der Bahn nur zu Umstellungszeiten von Tag- auf Nachtfahrplan geschieht. Denn sonst »fährt die einfahrende Linie 7 weiter als Linie 5.«

 

Auf Wiedersehen.

 

Wer der Hallische Zufall ist, was er tut und was ihm sonst noch so begegnet, kannst du in der ersten Kolumne erfahren. Generell kannst du dem Hallischen Zufall in früheren und zukünftigen Heften unter diesem Link begegnen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 16.10. 2015 | Bearbeitet: 09.01. 2016 21:33