Aug 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Im dritten Teil geht’s zum Anstoßkreis.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Auf dem Kunst­rasenplatz im Stadt­park trifft man auf die verschiedensten Leute. Einige sind immer da, andere nur selten. Viele Studenten kommen hierher. Schüler der benachbarten Schulen, noch Kinder, die dir aber Knoten in die Beine dribbeln. Wahrscheinlich sind sie jeden Tag und bei jedem Wetter hier draußen, um sich die Zeit zu vertreiben.

Der Hallische Zufall ist ebenfalls häufig hier zu finden. Oft erholt er sich auf den zahlreichen Bänken vom Großstadtstress oder liegt einfach bräsig auf der Wiese und wartet auf die nächste Gelegenheit, ganz unverhofft und zufällig Menschen zusammenzubringen.

Unklar, ob im Stadtpark schon immer gekickt wurde, zum Beispiel als dieser noch Leninpark hieß. Wenn der Park davor schon existierte, hatte er wohl noch einen anderen Namen, aber das ist nicht mehr zu ermitteln. Unbedingt wissen möchte man das aber ohnehin nicht. Sicher ist, als Lenin noch Namenspatron war, hieß der lokal erfolgreichste Verein bestem sozialistischem Vokabular entsprechend Chemie Halle und kickte in Arbeiter- und Bauernstaats erster Liga. Heute nennt man sich Hallescher FC und spielt drittklassig.

Der HFC steht sinnbildlich für die merkwürdige Beziehung der Saalestadt zu des Deutschen liebstem Ballsport. In der Stadt der Schwimmweltmeister steht man merkwürdig distanziert zu den Rot-Weißen. Steht anderswo die ganze Stadt hinter den lokalen Farben, wendet man sich in Halle eher Salz, Händel und Peißnitz zu. So ist das kleine, schmucke Stadion selten prall gefüllt. Ob das nun daran liegt, dass sich der Hallenser nur zu WM-Zeiten von weltmeisterlich-betrunkener Fußball-Begeisterung
anstecken lässt oder am zweischneidigen Image aus choreographischer Genialität und xenophober Geschmacklosig­keit, das sich die Fans des HFC zwischenzeitlich zugelegt hatten, ist nicht völlig geklärt. Doch tut man der Stadt Unrecht, wenn mittwochabends Flüche ob des Mangels an Championsleague übertragenden Kneipen durch die Straßen schallen. So sehr dies ein untragbarer Zustand ist, so falsch wäre es, der Saale­stadt gänzlich die Leidenschaft für das runde Leder abzusprechen. Verfolgt man nämlich den Amateurbereich, tut sich Erstaun­liches auf: Zwar sind im sachsen-anhaltischen Verband so wenige Menschen Mitglied der spielenden Zunft wie nirgendwo sonst in der Republik, aber wenn man sich ein bisschen in der Stadt bewegt, stößt man unweigerlich ganz zufällig auf Freunde des runden Leders. So findet man die traditionellen alten Betriebsmannschaften mit Polizei, Post und Eisen­bahn im Namen ebenso wie die Clubs aus den hallischen Pe­ri­pherie­gebieten. Gewürzt wird die Vielseitigkeit von dem spie­lerisch sehr erfolgreichen VfL 96, den Felsenkickern von Turbine, den Ascheplatz-gestählten Linken vom Roten Stern und den zahlreichen Frauenteams. Und unter all diesen sind auch jene, die samstags im Stadion in Rot und Weiß dem HFC die Treue halten, wenn sie nicht gerade selbst gegen den Ball treten.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Für den Hallischen Zufall ergeben sich auf den Sportplätzen jedenfalls häufig beste Gelegenheiten, Menschen der unterschiedlichsten Sorte zusammenzubringen. So auch hier am Stadtpark, wo Schüler auf Studierende, Junge auf Alte und Hobby- auf Vereinsspieler treffen. Oft muss hier zwar zunächst einmal ein Rückstand egalisiert werden, bevor es zur Unterhaltung kommt, sodass sich der Zufall zunächst gedulden muss. Trotzdem: Fußball bringt auch in Halle Menschen zusammen. Der Hallische Zufall muss da nur noch anpfeifen.

 

Auf  Wiedersehen.

Wer der Hallische Zufall ist, was er tut und was ihm sonst noch so begegnet, kannst du in der ersten Kolumne erfahren. Generell kannst du dem Hallischen Zufall in früheren und zukünftigen Heften unter diesem Link begegnen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 07.08. 2015 | Bearbeitet: 03.08. 2015 13:45