Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

Der hallische Zufall

»Der Hallische Zufall« ist die neue Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Im zweiten Teil erlebt der Hallische Zufall die Hassliebe einer Studentin zur Saalestadt.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

»Halle ist wirklich die perfekte Stadt zum Hasslieben.«

Diesen Gedanken hat der Hallische Zufall kürzlich bei einer jungen Frau aufgeschnappt.

Der Hallische Zufall wird gerne einmal übersehen oder verpasst, wenn Menschen völlig in Gedanken versunken sind. Dann beachten sie ihn gar nicht und er taucht gern in die Gedanken dieser Menschen ein, um ihnen eine Weile zu folgen.

So auch kürzlich, da saß er mit der Studentin und deren Hassliebe in der Tram vom Bahnhof Richtung Innenstadt. Die perfekte Stadt zum Hasslieben? Der Hallische Zufall beschloss den Gedanken noch eine Weile zu folgen:

Wenn man nach Halle kommt, sieht man als erstes dieses verkommene Gebäude, dachte sie und schaute nach draußen. Das wirkte abschreckend. Die Gegend rund um den Bahnhof war wirklich hässlich. Grau, leer-stehend und voller Plattentektonik. Und dann erst diese gigantische Straße nach Neustadt… Halle hatte einige dieser Ecken, wenn man ehrlich war. Trotzdem hatte sie sich gefreut als im Zug die Ansage erklungen war: »Meine Damen und Herren, wir erreichen jetzt Halle/Saale, sie erreichen noch den Zug nach…« und so weiter. Der Zug passiert bei dieser Ansage meistens das Peißen-Center. Hier hatte sie ihre ersten eigenen Möbel gekauft. Gerade war sie anderthalb Wochen bei ihren Eltern gewesen. Osterfeiertage. Die Zeit zu Hause war wieder einmal viel zu kurz gewesen. Jetzt erschreckten sie die hässlichen Ecken am Bahnhof erneut. Wie jedes Mal zurück in Halle. Das war schon beim ersten Besuch vor fast fünf Jahren so gewesen. Dazu der furchtbare obere Teil der Leipziger Straße, wo Leerstand und 1-Euro-Läden regierten. Wenn man hier ankam, wurde man erst einmal daran erinnert, dass hier vieles mit Argen lag. Alles kein Vergleich zur florierenden Einkaufsstraße ihrer Heimatstadt. Den Kontrast fand sie dieses Mal wirklich heftig. Andererseits hatte sie letzten Sommer zufällig einen wunderschönen See in Neustadt zum Baden entdeckt.

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Illustration: Anne Walther

Und die Leipziger Straße und überhaupt die ganze Stadt besaßen unfassbar viele der wunderschönen Gründerzeithauser, die sie so liebte. Auch das hatte sie gleich am Anfang vor fünf Jahren bemerkt und es hatte ihr gefallen. Es war ein Jammer, dass nicht mehr Leute von diesen schönen Seiten Halles wussten. Man konnte hier locker zwei ganze Tage touristisch herumlaufen und würde jede Menge schöne Ecken kennenlernen. Selbst wenn man sich vom Zufall treiben ließ. Der Stadtgottesacker, die Saalebiegung auf Höhe des Giebichensteins und natürlich die Peißnitz. Sie freute sich schon auf die Open-Airs, die legal und frei organisiert im Sommer wieder zahlreiche Abende versüßen würden. Dazu der Geruch von Bratwurst am Wasser und die kommenden Partys. Sowas gab es wirklich nicht überall. Diese spontane Feier- und Ausgehkultur war wirklich lässig, ganz anders als zu Hause, wo ohne Auftakeln, Verkrampfen und Türsteher gar nichts ging. Sie liebte es, hier zu studieren. Es würde ein toller Sommer werden, wirklich erstaunlich, wie sehr man sich in eine Stadt verlieben konnte. Sie schaute kurz hoch und blickte einem Thor-Steinar-Schriftzug ins Gesicht. Sofort trübten sich ihre euphorischen Gedanken ein. Ja, auch das war Halle. Kaum eine Stadt, wo die Rechten so offen und sichtbar ihre Mode und Ansichten spazieren trugen. Man begegnete ihnen praktisch überall. Das war zum Kotzen. Überhaupt Sachsen-Anhalt und Halle hatten viele Probleme. Halle war ein bisschen selber schuld, dass es nicht mehr oder schneller voran ging, fand sie. Darüber konnte man sich aufregen, wenn man wollte. Was in dieser Stadt für Potenzial steckte und nicht genutzt wurde. Sie hasste sowas. Andererseits konnte man auch sagen, dass Halle eine grundehrliche Stadt war. Schandflecken waren nicht zu übersehen. Leerstand, Rechte, Probleme, all das gab es auch anderswo, aber man dort versteckte man es. In Halle sah man all das, arbeitete sich daran ab. Trotzdem lebte daneben dieses lebendige, besondere, unterschätzte Halle. Wahrscheinlich war es das, was Halle für sie so besonders machte: Die Echtheit. Halle war echt. Vielleicht erforderte echte Liebe, dass man einige Seiten auch hassen konnte. Vielleicht auch nicht. Diese Hassliebe zur Saalestadt war jedenfalls echt. Sie hasste Halle, weil sie die Stadt liebte und sie liebte Halle, weil sie die Stadt hasste. Vielleicht…

Abrupt endeten die Gedanken und auch der Hallische Zufall schreckte hoch. Er sah, dass das Mädchen ihn nun doch erkannt hatte. Sie hatte ein anderes Mädchen getroffen, vielleicht eine Kommilitonin und war mit ihr aus der Tram gestiehen und Richtung Mensa verschwunden.

Auf Wiedersehen.

Wer der Hallische Zufall ist, was er tut und was ihm sonst noch so begegnet, kannst du in der ersten Kolumne erfahren. Generell kannst du dem Hallischen Zufall in früheren und zukünftigen Heften unter diesem Link begegnen.

 

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 21:12