Jan 2015 hastuUNI Nr. 58 1

Das Rätsel in Rosa

Polnische und deutsche Studierende entdecken auf einer Exkursion, wie Architektur die Identität einer Stadt bestimmt

Foto: Patrick Ulm

Foto: Patrick Ulm

Ein Schloss wird gebaut, hoch über der Stadt, mit Wehrtürmen und Zinnen, Schlosstor und Balustraden. Im 21. Jahrhundert. Die Farbe: Bonbonrosa. Wer macht denn so was? Und vor allem: Warum bloß? Zwanzig Studierende aus Halle begeben sich auf die Suche nach Antworten und reisen in die westpolnische Stadt Posen.

Karsten Holste steht auf dem Marktplatz von Posen und spricht gegen den Wind an, der durch die Stadt pfeift. Er zeigt auf die schmalen, hohen Häuser, die den Platz umschließen. Hübsch sind sie, mit ihren farbigen Fassaden, den Giebel­dächern und Holzfenstern. In den Erdgeschossen der Häuser befinden sich kleine Läden und Cafés, Piroggen-Bars und Kneipen, darüber Privatwohnungen und Büros. Auf den ersten Blick stehen hier renovierte Krämerhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert. »Aber«, sagt Holste und hält inne. Die Studierenden aus Halle halten die Luft an. Sie wissen: Jetzt kommt der Holste-Tricoire-Moment. Karsten Holste und Damien Tricoire sind die Begleiter der Exkursionsgruppe und Mitarbeiter am hallischen Institut für Geschichte. Das Seminar »Erinnerungsorte in Poznań/Posen« hat die beiden Historiker und die Studentengruppe nach Westpolen geführt, um zusammen mit polnischen Studierenden der Kunstgeschichte aus Wrocław/Breslau und deren Dozentin Agnieszka Zabłocka-Kos die Geschichte der Stadt und ihren Niederschlag in der Architektur zu erkunden. Ein Semester lang haben sich die Seminarteilnehmer mit der bewegten Posener Stadtgeschichte beschäftigt. Jetzt stehen sie hier – und warten. Sie kennen den Holste-Tricoire-Moment. Er macht aus Gewissheit Ungewissheit, aus der Wirklichkeit nur zu oft Illusion. »Die Häuser, die wir hier sehen«, fährt Holste fort, »wurden in den 1950er Jahren errichtet. Nur teilweise folgte die Bebauung historischen Vorbildern, viele Fassaden sind der Fantasie der Baumeister entsprungen.« Frau Zabłocka-Kos zeigt zum Beleg Fotos aus der Zeit vor 1945. Die Rekonstruktion des Marktplatzes im neuzeitlichen Stil nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg war eine politische Entscheidung. Eine Betonung des Polnischen in der Geschichte einer Stadt, die mal preußisch und mal polnisch regiert wurde, in einem Land, das drei Mal geteilt wurde, über hundert Jahre überhaupt nicht existierte und in der Mitte des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen verwüstet wurde.

Krämerhäuser auf dem Posener Marktplatz: Traditionspflege oder Identitätspolitik? Foto: Stefanie Lyhme

Krämerhäuser auf dem Posener Marktplatz: Traditionspflege oder Identitätspolitik?
Foto: Stefanie Lyhme

Während der gesamten Reise großzügig von der Philosophischen Fakultät I und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit unterstützt, werden die Studierenden diese Erfahrung machen: Stadtgestaltung ist Politik, Bau-Politik. Die klassizistische Fassade des Doms? Wurde in der Nachkriegszeit nicht wieder aufgebaut, sondern durch eine gotische ersetzt. Sie hatte die Stadtherren in der Nachkriegszeit zu sehr an den bevorzugten Baustil der Preußen erinnert. Die mittlerweile stillgelegte Schwimmhalle? Eine ehemalige Synagoge, missbraucht von den Nazis, als Badeanstalt weitergeführt von den Sozialisten. Und, zu guter Letzt, das rosa Schloss am höchsten Punkt der Stadt. Eines der wenigen Exkursionsziele, bei dem der Holste-Tricoire-Moment nicht wirkt, sind doch noch Betonmischer sowie ein Fassadengerüst und Schilder zu sehen, deren Aufschrift das Betreten der Baustelle untersagt. Das sogenannte Königsschloss in Posen ist ein Neubau, ganz ohne Königin und König, ohne Hofdamen und Zeremonienmeister. Das architektonische Vorbild wurde vor dreihundert Jahren zerstört. Als Vorlage für die neuen Baupläne diente ein Kupferstich, von dessen Urheber nicht bekannt ist, ob er jemals in Posen war. Das rosarote Königsschloss über den Dächern der Stadt, polnisches Gegenstück zum wilhelminischen deutschen Kaiserschloss in der Innenstadt, säkularer Kontrapunkt zum mächtigen barocken Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegiums? Holste spricht und spricht, er rudert mit den Armen, Tricoire lächelt selig, Zabłocka-Kos kommentiert – es ist alles wie immer, doch die Gedanken der Studierenden sind weit weg, sie kreisen nur um die eine Frage, zu erkennen an den abwesend blickenden Augen, den halb geöffneten Lippen, der gerunzelten Stirn – sie fragen sich: warum so rosa? Das Schloss, ja, gut, die Berliner bauen auch eines, dieser Turm, keine Frage, als Aussichtspunkt geeignet, aber diese Farbe, sie stellt die Teilnehmer auch hier, vor Ort, vor ein Rätsel.

Dr. Karsten Holste. Foto: Patrick Ulm

Dr. Karsten Holste.
Foto: Patrick Ulm

Das Seminar »Erinnerungsorte in Poznań/Posen« war durch eine Exkursion ergänzt worden, um dem Thema der politisch beeinflussten Architektur in seiner Alltäglichkeit näher zu kommen. Die Fragen, die uns dabei leiten sollten, waren: Wie drückt sich in Baupolitik ein Ringen um Identität aus? Was lässt wer warum stehen, was wird wieder aufgebaut und warum manches in einer Stadt sogar abgerissen? Die Stadt Posen eignet sich für diese Fragen als Studienobjekt mit seiner deutsch-polnischen, wechselvollen Geschichte besonders gut. Zwei Zugstunden östlich von Berlin kommt man in einer großen, modernen Stadt an, der Hauptstadt der Wojewodschaft Großpolen, in der Politik zu Architektur wird.

Das »neue Schloss« türmt sich also auf einer Erhebung über die Stadt, wie es womöglich nie ein Vorgängerbau tat. Es beherrscht viele Sichtachsen und sendet überall hin die Botschaft von der polnischen Vergangenheit, die mindestens auf Augenhöhe mit der deutschen stehen soll und den Anspruch der Stadt unterstreicht, ein ebenso wichtiges historisches Zentrum Polens zu sein wie Krakau oder Warschau. Dieses Gebäude ist ein sehr deutliches Beispiel, aber es gibt andere, wesentlich subtilere. Manchmal ist es das Nebeneinander von andersartigen Gebäuden, das nur dem Kundigen ins Auge fällt, wie auf der neuen Tourismusroute der Könige und Kaiser, wo die verwickelte Geschichte der Stadt abgelaufen werden kann. Hier stehen Klassizismus neben Neogotik und anderen Stilen des Historismus, und nur, wer die polnische Geschichte kennt, wird die einzelnen Stile und ihre Botschaft erkennen. Immerhin sieht man die meisten dieser Stile auch in vielen deutschen Städten, nur eben nicht in dieser Konstellation.

Manchmal aber ist es eine neogotische Kirche, die vormals eindeutig die deutsche evangelische Gemeinde repräsentieren sollte und die jetzt als katholische und natürlich typisch polnische Kirche genutzt wird. Lediglich ein polnischer Text im Glaskasten wies auf die bewegte Vergangenheit hin und deutete diese freilich in einer Weise, die die Umnutzung geradezu plausibel erscheinen lässt.

Wo deutsche und polnische Geschichte so nahe aneinander liegen, sich überlagern und gegenseitig abstoßen wie in Posen, wird aus Politik leicht ein Bauvorhaben und ein Bauvorhaben schnell politisch. Architektur, das sind Steine und Mörtel, aber Architektur ist eben auch das Ringen um Deutung, ein Spiel mit Erinnern und Nicht-Erinnern. Wenn die im Krieg beschädigte Fassade des Posener Doms nach 1945 nicht wieder im klassizistischen Stil aufgebaut wurde, weil sie an die preußische Herrschaft hätte erinnern können, obwohl sie noch vor der preußischen Herrschaft entstanden ist, zeigt sich das besonders deutlich.

Zusammen mit den polnischen Studierenden von der Breslauer Universität erkunden wir die Stadt. Die Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen war von einem herzlichen Umgang und gegenseitigem Interesse geprägt. Das gibt einen plastischen Eindruck davon, wie banal die Andersartigkeit des vormals Fremden sein kann und wie interessant die Gemeinsamkeiten. Es ging den Studierenden aus Breslau und Halle meist darum, eine ihnen fremde Stadt zu erkunden, sie sprachen aber auch über ähnliche Probleme von jungen Leuten im freien Europa und über Studienpläne und Lebensgewohnheiten. Diese Gespräche liefen zumeist auf deutsch ab, da die polnischen Kommilitonen zumeist schon in unteren Klassen deutsch lernen und heute exzellent deutsch sprechen.

Während Holstes Erzählungen vor dem »neuen« Königsschloss langsam versiegen und bald ganz verstummen, bricht die Dämmerung herein. Die Reißverschlüsse der Jacken werden hochgezogen, schweigend blickt die Gruppe hinunter in die Stadt, diesen alten, modernen, im Laternenlicht furchtbar romantischen Ort, und als das Rosa des Schlosses in das Grau des Abends übergeht, ist es Zeit, den geschwungenen Wegen hinunter zu folgen, direkt in eine der Bars, und Teigtaschen zu bestellen, einen Getreideschnaps zu trinken und zu akzeptieren, dass manche Rätsel nicht zu lösen sind. Nicht einmal von Holste und Tricoire und ihrer zwanzigköpfigen Exkursionsgruppe aus Halle.

Text: Urban Comploj, Patrick Ulm

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 21:08