Jun 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 60 0

Binaurale Beats – Viel Lärm um nichts?

Was haben weinende Kinder, die es in der roten Edition von Pokémon bis in die Stadt Lavandia geschafft haben, und Jugendliche im I-Dosing- Zustand gemeinsam? Sie haben binauralen Beats gelauscht.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Ein heiß diskutiertes Thema im Internet ist das so genannte Lavandia-Syndrom. Dabei steht »Lavandia«  in diesem Kontext für eine pokémonianische Geisterstadt und deren Themenmelodie.  Nach Angaben von angeblich betroffenen Eltern sollen Kinder, die im Spiel bis in oben benannte Stadt vorgedrungen sind, an starken Depressionen und Trauer- sowie Angstzuständen gelitten haben. Schuld daran war anscheinend die Melodie, bestehend aus so genannten binauralen Tonfolgen. Diese führte Berichten zufolge sogar zu 200 Suizidfällen. Ans Tageslicht kamen diese Angaben nach Aussage von Verschwörungstheoretikern nicht, da Nintendo den Mantel des Schweigens um sich und die Familien der Opfer gelegt habe. Mythos, der in den Weiten des Internets herumspukt oder Wahrheit? Fakt ist, dass die Melodie von den Programmierern still und heimlich geändert wurde und der Pokémontrainer seitdem zu einem anderen musikalischen Backround durch die Geisterstadt pixelt.

Das Phänomen der binauralen Beats wurde erstmals vor 176 Jahren von dem Physiker H.W. Dove entdeckt und erforscht. Es handelt sich um eine akustische Irreführung, welche durch die simultane Zufuhr von Schall auf beide Ohren mit jeweils unterschiedlicher Frequenz wahrgenommen wird. Kurz gesagt, wenn zwei verschiedene Töne gleichzeitig in das linke und rechte Ohr gelangen. Anders als andere akustische Signale entstehen binaurale Beats nicht im Ohr, sondern im Gehirn. Das Spektakel im Stammhirn tritt aber ausschließlich ein, wenn die Unterschiede der Frequenzen für das linke und rechte Ohr nicht über 30 Hertz sind.

Für Risiken und Nebenwirkungen Fragen sie ihren Arzt oder Pokémontrainer!

Diese Klänge können aber noch mehr als besorgte Eltern und Pokemonfans in Angst und Schrecken versetzen. Einerseits sind sie eine wichtige Arbeitsgrundlage in der Neurophysiologie, beispielsweise zum Erkenntnisgewinn in der Hörsinnforschung, und andererseits werden sie in bestimmten Bereichen eingesetzt, um die Hirnwellen zu stimulieren. Dadurch werden im besten Fall Zustände wie Entspanntheit, Konzentration und Meditation gefördert. Klingt ja erstmal ganz nützlich. Trotzdem sollte man sich den »Beipackzettel« genau durchlesen. Es wird Menschen, die unter Herzinfarktrisiko, Epilepsie und Hirnerkrankungen leiden, dringend davon abgeraten, sich binauralen Klängen auszusetzen. Diese damit im Hirn erzeugten »Schläge« nehmen gezielt Einfluss auf Hirnströme und können so, im schlimmsten Fall, synthetische Schlaganfälle oder epileptische Anfälle hervorrufen – und high machen.

Binaurale Beats werden zurzeit als neue, günstige Droge genutzt. Diese Wundermittel kann man sich sogar ganz legal anschaffen – ein Klick genügt. Im Libanon will ein Wissenschaftler in diesem Zusammenhang binaurale Beats sogar verbieten, da sie den Geisteszustand verändern. Ganze MP3-Dosis-Pakete für mehrere Hundert Euro kann man sich beispielsweise auf der Internetseite I-Doser runterladen und entspannt in den eigenen zwei Ear Pads zu sich nehmen. Neben laienhaften Selbstversuchsvideos mit, im wahrsten Sinne des Wortes,  »berauschenden« Höhepunkten, kursieren auch Expertenmeinungen dazu. Die meisten Stimmen aus den Reihen der Musikwissenschaftler beschreiben die Wirkung des Cyberhypes als Placeboeffekt.

Unumstritten ist jedoch, dass die Tonspuren Aufmerksamkeits- und Konzentrationszustände fördern.

Viel Lärm um nichts? So ist es dann doch nicht, denn immerhin gibt es zu den vielen binauralen Rätseln einige Lösungen, die man als gegeben und erforscht annehmen kann. Dabei sei für Interessierte auf das Werk »Auditory beats in the brain« von G. Oster verwiesen. Aber wie langweilig wäre das Leben, wenn nicht ein wenig Magie und Ungewissheit hinter solch einer Erscheinung stecken würde.

Über Charlotte Albrecht

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 20:42