Jun 2015 hastuUNI Heft Nr. 60 0

Bildung ist nicht das Ziel der Universität

Die Geschichte von Manuel Kord ist eine besondere. Er besucht die Uni um des Studierens Willen, einen Abschluss wird er nicht machen.

Illustration: Robert May

Illustration: Robert May

Ein recht warmer Tag irgendwann im Mai, irgendwo in Halle. Ich treffe Manuel, wie so oft kenne ich ihn flüchtig vom Sehen, der Hallische Zufall hat mal wieder seinen Zweck erfüllt. Welche Fächer er studiert, in welchem Semester er nun ist, seinen eigentlichen Namen, all das werde ich dem geneigten Leser verschweigen. Das hat nichts mit Geheimnistuerei zu tun, vielmehr bringt Manuel es selbst auf den Punkt:
 

»Ich mache jetzt, was ich will, aber natürlich hat das Konsequenzen. Der Zugang zu meinem eigentlichen Berufswunsch wird mir versperrt sein.« Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen nämlich studiert er nur, wie es seinen Interessen entspricht.

Er besucht also verschiedene Veranstaltungen, ganz ohne auf Modulbeschreibungen oder Prüfungsordnungen zu achten, und legt seit seinen frühen Semestern keine Prüfungen mehr ab. Keine bestandenen Prüfungen, kein Abschluss, unsichere Zukunftsperspektiven. Das nimmt Manuel in Kauf, aus reinem Idealismus. Sein Studium hatte er aus wirklichem Interesse an den Fächern selbst aufgenommen, dieses hat sich auch bis heute erhalten. Der Glaube daran, dass die Uni ein Ort sei, an dem man sich innerhalb eines vorgegebenen Studienprogramms ganzheitlich und intensiv bilden könne, dagegen nicht.

»Ich hatte einfach falsche Erwartungen an das Studium. Ich dachte, die Uni diene dem Erkenntnisgewinn, dem
Klären lebensrelevanter Fragen, dem Verstehen. Das war ein Irrtum. Wirkliche Bildung ist heute nicht das Ziel einer Universität.«

Bereits nach kurzer Zeit fiel Manuel auf, dass bis auf zwei bis drei Seminare pro Semester, die wirklich sein Interesse wecken konnten, die restlichen im Grunde nur Zwangsveranstaltungen sind, die einfach durchlaufen werden mussten, ohne nennenswerten Lerneffekt oder Möglichkeiten der freien Entfaltung. Heute ist kein »Studium Generale« mehr möglich. Außerhalb des Studienplans andere Veranstaltungen besuchen zu können ist zu einem Luxus geworden, da der Zeitplan dies gar nicht mehr zulässt.

»Seit der Bologna-Reform ist das System insgesamt noch härter geworden. Die Uni ist heute ein Ausbildungsbetrieb, der einige Leute selektiert und andere durchschleust, damit sie möglichst schnell in der Wirtschaft funktionieren.«

Für Manuel hat das mit Bildung nichts zu tun, er empfindet es sogar als kontraproduktiv. Die Entscheidung, da nicht mehr mitzumachen, war dann eine pragmatische. Studenten hätten das Paradigma, »etwas werden zu müssen«. Es werde nur noch für den Abschluss studiert, ohne hätte man keine guten Chancen in einer Gesellschaft, die Geld über vieles andere stellt. Dadurch sei unser Lebensweg weitgehend vorgezeichnet.

»Wenn du an der Uni wirklich machen willst, was dich interessiert, werden dir ständig Steine in den Weg gelegt. Es ergeben sich unauflösliche Widersprüche. Ich lebe in einer Gesellschaft, die mir absolut nicht passt. Verbessern wird sich daran nichts, es wird nur noch schlimmer.«

Einen Vorwurf könne er aber den Studenten selbst nicht machen, es sei das System, welches so beschaffen sei, durch das ein Ausreißen unweigerlich zu großen Nachteilen führt. Manuel hat Verständnis dafür, dass kaum jemand dieses Risiko freiwillig auf sich nehmen würde. Manchmal habe auch er Zukunftsängste. Ein Jahr, vielleicht zwei Jahre wird er wohl noch so weiterleben können, was danach kommt, weiß er nicht.

»Das jetzt ist der Weg, der mir selbst am ehesten entspricht. Klar ist es schwierig, aber ich bin momentan wirklich zufrieden damit.«

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

Erstellt: 08.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 20:55