Feb 2014 hastuPAUSE Nr. 52 0

Zwischen Liebe und Verblendung

Molières »Tartuffe« ist so modern wie nie

Foto: Falk Wenzel

Foto: Falk Wenzel

Die Tochter in pinken Glitzer-Shorts, die sich in den Lebemann Valère verliebt. Der Schwager, der im ganzen Haus ungefragt raucht. Eine Dienerin, die so dreist ihre Meinung preisgibt, dass man meint, sie stünde unter Kündigungsschutz. Der Sohn, der zwar viel Liebe in seinem Herzen trägt, dafür umso weniger Verstand in seinem Kopf, und eine Ehefrau, die am helllichten Tag im Negligé herumläuft: Willkommen in der Welt von Orgon. Das Familienoberhaupt hat es nicht leicht sich durchzusetzen.

Respekt wird diesem Mann nicht gezollt. Nur eine Person achtet und schätzt ihn, steht für ihn ein und leistet Gesellschaft: Tartuffe. Wo und wie Orgon und er sich kennenlernten, wird im Stück und auch in der Dramenvorlage von Molière nicht erklärt. Tartuffe ist einfach da, lebt seit einiger Zeit im Pariser Stadthaus und genießt alle Annehmlichkeiten des gutbürgerlichen Lebens. Außer Orgon sind aber keine weiteren Mitbewohner damit einverstanden. Er isst und trinkt für vier Personen, schleimt sich ein, wähnt den heiligen Geist und die Frömmigkeit auf seiner Seite und hat ein Auge auf Elmire, die Frau von Orgon geworfen. Keiner versteht, warum Orgon das nicht sehen mag. Nicht einmal, als der Sohn Tartuffe bei sehr eindeutigen Annährungsversuchen an Elmire ertappt und diesen sodann an seinen Vater verrät. Orgon ist vernarrt in den Prediger aus der Gosse. Er kann sich nicht vorstellen, dass sein geliebter Freund nur ein Lügner und Betrüger ist, und wirft den eigenen Sohn aus dem Haus, verlobt Tartuffe mit seiner Tochter, die er doch eigentlich dem sie liebenden Valère versprach, und überschreibt ihm sein gesamtes Hab und Gut.

Was klingt wie der Untergang einer Familie, ist eine heitere Komödie über mentale Manipulation und die Verführbarkeit des Menschen. Über wahre Freundschaft und Heuchelei, die den Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht zurücklässt. »Die Hallenser lieben Molière«, sagt die Dramaturgin Claudie Remus. Fast alle Aufführungen waren bisher ausgebucht. An-scheinend wisse man in dieser Stadt, was gute Literatur sei. Die Inszenierung im Neuen Theater ist sehr nah am Originaltext gehalten. Regisseur Matthias Brenner und Dramaturgin Remus wählten die aktuellste Übersetzung aus den 80er-Jah-ren. Die Dialoge sind so scharfzügig und strotzen so vor Ironie und Sarkasmus, dass man am liebsten einige Wortwitze in der nächsten Diskussion selbst anwenden möchte. Vor allem das Dienstmädchen Dorine, gespielt von Hannelore Schubert, hat in ihrer Art, mit dem Hausherrn umzugehen, einige Lacher auf ihrer Seite.

Foto: Falk Wenzel

Foto: Falk Wenzel

Jeder in diesem Haus scheint zu tun, was er will. Sie leben frei und genießen, können nicht verstehen, wie Orgon auf den Betrüger hereinfallen kann, und versuchen alles, ihn von dessen Scheinheiligkeit überzeugen. Dabei trägt Orgons Liebe zu Tartuffe fast homoerotische Züge. Wie konnte ein einfacher Bettler den reichen Hausherrn so manipulieren? Warum er-kennt dieser wiederum nicht, was ein wahrer Freund ist? Wie dumm ist der Mensch?
Als Zuschauer sieht man dem Treiben auf der Bühne zu und lacht, doch könnte jeder von uns selbst einmal getäuscht werden. Jeder von uns kann sich verlieben, um am Ende zu merken, der andere hat mich nur benutzt, fühlt nicht im Geringsten dasselbe. Jeder von uns kann von einem Freund enttäuscht werden. Aber Freundschaften können auch dann zerbrechen, wenn man sich gegenseitig etwas nicht vergibt oder der eine den anderen fallen lässt. Auch Orgon hätte ein böses Ende verdient. Doch steht seine Familie zu ihm, selbst im Moment, als alles verloren scheint. Es gelingt Elmire durch eine List, ihren Mann von der Falschheit Tartuffes zu überzeugen, der Sohn kehrt zurück, und selbst Valère versucht der Familie zu helfen, obwohl er nicht mehr mit der Tochter verlobt ist. Doch alles scheint zu spät.

Natürlich gibt es ein Happy End. Molière verfasste schließlich eine Komödie. Bis diese wohlgemerkt 1664 überhaupt aufgeführt werden durfte, bedurfte es drei Neufassungen. Schließlich war es Ludwig XIV., der sich für Molière einsetze. »Daher tritt in unserer Inszenierung auch der Sonnenkönig als konfliktauflösendes Element auf«, erklärt Remus. Im Originaltext ist es ein Polizist des Königs. Unser Louis nimmt sogar Bezug zur aktuellen Spardebatte, lobt das Spiel und lässt verlauten: »Schätzen sollte unser Landesvater solch ein schönes Stadttheater.« Molière ist und bleibt modern, ob 1664 oder heute.

Über Katharina Deparade

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Erstellt: 22.02. 2014 | Bearbeitet: 21.02. 2014 21:25