Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Vom Suchen und Finden eines Mitbewohners

Eine Zweier-WG sucht den Dritten im Bunde und findet die Richtige.

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Wir befinden uns in Halle in einem relativ großen, aber bald leeren WG-Zimmer. Die Mutter tapst leicht nervös aufs eine und dann aufs andere Bein. Ihre Arme sind verschränkt, als sie ein paar Fragen über das Zimmer, die Miete und unsere WG-Aktivitäten stellt. Ich versuche, bei der Beantwortung ihre Tochter mit ins Gespräch einzubinden, die jedoch eher schweigsam danebensteht und nur dann und wann zustimmend nickt. Während meine Mitbewohnerin die nächsten Fragen übernimmt, versuche ich, mich wieder Lena* zu widmen. Es fällt mir schwer, denn ich bin mir nicht sicher, wer hier von wem begutachtet wird.

Der Nächste, bitte

Ernüchternder als diese Situation waren die Schwestern, die eine Stunde später vor unserer Tür standen. Natascha kam in Begleitung, und die Verwandtschaft der beiden war nicht zu übersehen. Sie waren etwa gleich alt, gleich groß, gleich gestylt und ähnlich wortkarg. Zeitweilig rätselte ich, wer sich hier eigentlich auf das Zimmer bewarb. Letztlich entsprach aber keine von beiden meiner Vorstellung. Aber was erwartete ich denn überhaupt?

Ich wollte, wie meine Mitbewohnerin auch, einfach nur jemanden, der seine Miete zahlen würde, ungefähr in unserem Alter war und nicht schreiend vor uns weglief, wenn wir uns im Flur oder der Küche begegnen. Wir wollten jemanden, der sich nicht ziert, auf einen Plausch mal im Zimmer vorbeizuschauen, aber auch die Sprache der geschlossenen Tür verstand. Mit diesen Gedanken führten wir die Gespräche und merkten, dass sich einige schon überfordert fühlten, wenn wir uns nach ihren eigenen Fragen erkundigten. Andere schafften es nicht, sich im Gespräch zu öffnen, während die nächsten es gleich komplett an sich rissen. Mir war klar, dass die Suche nach einem Mitbewohner kein Spaziergang werden würde, aber ich hatte nicht erwartet, dass ich eine Parade organisierte. Ich hörte mich immer wieder fragen, ob Jenny, André, Marie oder Roman Dienstag um 12, 13, 14 oder 15 Uhr Zeit hätten. Ich wollte das Zimmer schnell an jemanden vermieten, der zu uns passte und uns somit finanzielle Sorgen ersparte. Schließlich bedeutete ein leeres WG-Zimmer Mehrkosten für uns zwei und diese Aussicht setzte uns unter Druck, wobei sie auch für eine Portion Kompromissbereitschaft sorgte. Abseits dessen ließ sie aber nicht die Hoffnung sterben, beim nächsten Gespräch jemanden zu finden, der sogar »noch besser« passen würde und so führten wir weiter dutzende Gespräche.

Willst du mit mir wohnen? Ja, nein, vielleicht …

Anscheinend waren nicht nur wir vom »Höher, weiter, besser« geblendet. Unser Favorit druckste herum, wie unerwartet und früh unsere Zusage käme. Er müsse es sich noch einmal überlegen und vertröstete uns. Vielleicht sucht er noch immer die passende WG mit mehr Raum, besserer Lage und niedrigeren Kosten. Auf seinem langen Weg der Wohnungssuche waren wir wohl einfach zu früh dran. Ebenso wie das Timing bei unserer dritten Wahl nicht passte. Nach ihrer festen Zusage fiel der finanzielle Druck von mir ab und ich endlich in den Schlaf. Aber nur bis zum Morgen darauf, als mich die SMS von Lisa weckte. Die Uni Leipzig hatte ihr über Nacht doch noch zugesagt.

Dieser Heckmeck zwischen Zusage, Bedenkzeit, Vielleicht-Zusage oder Absage war schlauchend, aber letztlich versuchten wir es noch einmal mit unserer Lieblingswackelkandidatin. Wir trafen uns auf einen Cocktail, und aus dem einen wurden zwei und aus dem zweiten ein dritter. Die Zeit flog beim Lachen und Witzeln dahin, doch ihre endgültige Entscheidung fiel nicht an diesem Abend. Wir verabschiedeten uns mit dem Vermerk, uns ein bis zwei Tage später dann beieinander zu melden. Dabei merkte ich, wie unkompliziert es sein konnte. »Wenn sie sich nicht meldet, geht es in die zweite Runde«, resümierte ich und fand mich innerlich fast schon damit ab. Wenn wir nicht gut genug waren, konnte ich an ihrer Sichtweise auch nichts ändern. Ich freundete mich mit dem Gedanken an und rundete ihn ab: »Ich und du, im Freundeskreis, Himbeercocktail vor der Nase und ein netter Abend. Wenn das nicht gereicht hat, dann reicht nichts.« Nach zwei Tagen fragte ich nach ihrem Bauchgefühl. Am Abend rief sie zurück. Nach zweiter Überlegung gab ihr Bauch uns die Chance, die »richtige WG« zu sein, so wie wir ihr die Chance gegeben hatten, »unsere Richtige« zu sein. Manchmal ist gut einfach gut genug und der Rest nur die Jagd nach dem Prinzen auf dem Gaul.

*Namen geändert

Über Carolin Schmidt

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Erstellt: 26.10. 2014 | Bearbeitet: 06.12. 2014 16:31