Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 54 0

Von heißen Pflanzen und lauschigen Plätzen

Ganz gleich, was man studiert oder wie geübt der Blick ist, beim Spaziergang durch die Natur sind viele kleine Wunder zu entdecken.

Foto: Chris Schön

Foto: Chris Schön

Endlich hat das Frühjahr begonnen. Für all jene, die den ganzen Winter über auf zweistellige Plusgrade gewartet haben, beginnt nun eine Phase voller Aktivität und Freude, frei von jeglicher Lethargie.

Das trifft auf Studenten genauso zu wie auf die vielen Tiere und Pflanzen, die sich immer in der Prüfungsphase im Fach »Überlebenskampf« befinden. Manche Arten haben dabei ausgefallene Techniken entwickelt, die einen jeden vom Hocker reißen können. Das schönste daran ist, dass man diese Lebenskünstler tagtäglich in unserer Studentenstadt mit Freunden oder allein besuchen und beobachten kann.

Beginnen wir unsere kleine Tour auf der Peißnitz. Gehen wir am bunten Treiben der Ziegelwiese vorbei und steuern in Richtung Weinbergcampus (Richtung Westen, Kröllwitz), so überqueren wir die Saale zweimal. Einmal geht es über die Peißnitzbrücke, die über den Hauptstrom der Saale führt. Ein zweites Mal gehen wir über die Schwanenbrücke über die Wilde Saale, folgen dem Asphaltweg bis zur dritten Laterne und biegen nach rechts ins Gebüsch ab. Unbeirrt von den fragenden Blicken der Radfahrer werfen wir unseren Blick auf den Boden und entdecken ein kleines, kaum 15 cm hohes Pflänzchen mit einem auffälligen, ovalen, nach innen gebogenen Blütenblatt, dass wie ein ergonomisch geformter Schalensitz aussieht.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Das auf den ersten Blick recht unscheinbare Pflänzchen trägt den Namen »Aronstab« und hat einige Überraschungen auf Lager, die man sehen, schmecken und sogar fühlen kann. Wir beschränken uns auf Grund der starken Giftigkeit der Pflanze jedoch eher auf den ersten und letzten dieser Punkte.

Der Aronstab selbst ist in der misslichen Lage, dass er als kleine, recht unscheinbare Pflanze von Natur aus auf feuchte Standorte wie Auwälder angewiesen ist. In diesem Lebensraum gibt es stets ausreichend Wasser, so dass großwachsende Pflanzen wie die Bäume und Brombeersträucher schnell in die Höhe schießen und so die Möglichkeit haben, ihre Blüten und Früchte gut sichtbar für viele Tiere zu präsentieren. Der kleine Aronstab bleibt so im Schatten der größeren Pflanzen verborgen.

Eine Pflanze mit integriertem Heizsystem

 Um trotzdem die Aufmerksamkeit möglicher Bestäuber zu erlangen, benutzt er eine ausgefallene Taktik. Er nutzt seine Energiereserven und heizt mit Hilfe seiner Mitochondrien, einer Zellkomponente, die wir auch besitzen, seinen Blütenstand auf Temperaturen auf, die schnell 10 °C und mehr über der Umgebungstemperatur liegen können. Wer sich davon überzeugen will, der berührt vorsichtig den unteren Teil des Blütenstandes kurz über dem Stiel. Für den Fall, dass die eigenen Hände zu warm sind, um diese Wärme zu spüren, empfiehlt es sich, die Hände zur Abkühlung kurz in die Wilde Saale zu halten. Es muss noch erwähnt werden, dass der Aronstab nicht ständig warm ist, ein wenig Glück gehört dazu, ihn in der Heizphase anzutreffen.

Der Sinn dieser Kalorienverbrennerei unseres Aronstabs besteht darin, seinen leicht miefigen Geruch besser in der Umgebung zu verteilen, denn er wird von Fluginsekten bestäubt, die ihre Eier bevorzugt in modrige, kleine Tümpel legen. Ist das Insekt erst einmal vom herrlichen Duft angelockt, kriecht es am ovalen Blütenblatt herab und versucht der verführerischen Duftquelle so nah wie möglich zu kommen. Was das Insekt nicht weiß, ist, dass am unteren Rand der ovalen Blütenscheide ein dünner Ölfilm von der Pflanze ausgeschieden wird. An diesem rutscht es zu Tode erschreckt in die untere Kammer des Blütenstandes, findet sich in einer duftenden Sauna wieder und bleibt dort für viele Stunden gefangen, denn der Aronstab verhindert mit einem reusenartigen Gebilde ein Herauskriechen des Bestäuberinsekts. Bei den vielen kläglichen Versuchen, die Falle wieder zu verlassen, bepudert sich das Insekt unbeabsichtigt stark mit den Pollen des Aronstabes und tritt dann im Idealfall einige Zeit später in die gleiche Falle einer anderen Aronstabpflanze.

Der Aronstab profitiert von der Bestäuberleistung des Insekts, während letzteres oft nur Nachteile aus der unfreiwillig langen Saunarunde zieht. Meist handelt es sich bei den Bestäuberinsekten um Tiere aus der Verwandtschaft der Fliegen, die verkümmerte Mundwerkzeuge haben, so dass sie sich nicht am Pollen laben können. Zudem ist ihr oft nur wenige Tage währendes Leben so kurz, dass sie es sich eigentlich nicht leisten können, einen großen Teil ihres Fliegendaseins im Inneren eines geheizten Blütenstandes zu verbringen.
Wer den Aronstab besucht, muss unbedingt darauf achten, die Pflanze in keiner Weise zu beschädigen.

Schwirren auf dem Sonnenfelsen

Ein weiteres wunderschönes Fleckchen Erde finden wir, wenn wir die Wilde Saale weiter stromabwärts gehen. Da ein Teil des Weges bis zur Weinbergmensa momentan gesperrt ist, empfiehlt es sich, erst von der Weinbergmensa aus wieder an die Wilde Saale zu gehen. Folgen wir dem Strom nun bis zur nächsten Straße (Talstraße) und gehen diese weiter nach rechts. Den nächsten Weg gehen wir nach links in den Wald und halten uns dann rechts, wo es immer weiter bergauf geht, bis wir das besonnte Felsmassiv rechts neben dem Weg erblicken.

Oben angekommen bieten sich viele Plätze, die zum gemütlichen Beisammensein einladen. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf die Burg Giebichenstein und die Saale. Der gut begehbare Hang dieses Felsplateaus ist nach Südwesten exponiert, so dass uns die Sonne ins Gesicht scheint. Aus diesem Grund leben dort auch viele Tiere und Pflanzen, die die Sonne lieben.

So findet man im Boden an kleinen Hängen zahlreiche Löcher, die meist von Wildbienen gegraben worden sind. Als Wildbienen bezeichnet man im Allgemeinen die meist allein lebenden Verwandten unserer Honigbiene. Für die Bestäubung unserer Kulturpflanzen haben diese eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Unter anderem forscht das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle an der Bedeutung der Wildbienen für die Menschheit. Die Bestäuberleistung eines Insekts ergibt sich aus der Pollenmenge und der Pollenvielfalt, die es auf seinem Körper von Pflanze zu Pflanze trägt. Wildbienen haben eine besonders große Bestäuberleistung, da sie viele verschiedene Pflanzen anfliegen und oft große Pollenmengen tragen. Leider sind sehr viele Arten durch Pestizideinsätze in der konventionellen Landwirtschaft und den Mangel an Nistmöglichkeiten stark bedroht.

Schon nach kurzem Aufenthalt auf diesem natürlichen Sonnendeck entdecken wir viele unterschiedliche Wildbienenarten, die teilweise sehr schön gefärbt sind. Mit etwas Glück begegnen wir auch den dort lebenden Wollschweberarten. Wollschweber sind Verwandte der Fliegen und fallen durch ihren kolibriartigen Flug und ihre dichte Behaarung auf. Gleich einer aufgetunten Hummel stehen die gedrungenen Wesen schwirrend in der Luft, um im nächsten Moment mit hoher Geschwindigkeit davonzuschießen. Die Familie der Wollschweber hat einige Arten hervorgebracht, die zur Vermehrung auf die Wildbienen angewiesen sind. Sie legen ihre Eier in den Bau der Wildbienen. Das Problem bei der Sache ist, dass weibliche Wildbienen, genau wie Honigbienen auch, stechen können, wenngleich sie viel weniger aggressiv sind. Außerdem haben sie scharfe Augen und einen ausgezeichneten Geruchsinn, der es jedem Eindringling schwer macht, der Eigentümerin unbemerkt ein Ei unterzujubeln.

Das Wollschweberweibchen umgeht dieses Problem auf raffinierte Art und Weise. Es setzt sich ganz unschuldig vor den Eingang des Wildbienennestes, nimmt mit einer Tasche am Hinterleib den Sand auf, den die Biene zum Bau des Nestes einst selbst herausgetragen hat, und erhebt sich sogleich wieder in die Luft. Im Niedrigflug steht das Wollschweberweibchen nun vor dem Eingang der Wildbienenbehausung nur wenige Zentimeter über dem Boden und ummantelt ein Ei mit dem Sand, den es vorher aufgenommen hat, um es sofort danach zielgenau in das Eingangsloch zu schießen.

Das mit Sand ummantelte Ei sieht nun genauso aus wie seine Umgebung und wird von der Bienenmutti, die schon eifrig Nahrung in Form von Blütenpollen und Nektar für den eigenen Nachwuchs in den Bau schafft, nicht erkannt. Fliegentypisch schlüpft die Wollschweberlarve schon nach kurzer Zeit, beginnt sich als neues Geschwisterchen den runden Larvenbauch mit den Leckereien der Bienenlarven vollzustopfen und wächst rasant. Ist sie groß genug, so frisst die Wollschweberlarve oft noch ihre Stiefgeschwister, bevor sie sich verpuppt und selbst zum fertig entwickelten Wollschweber wird, um bald den leiblichen Eltern nachzueifern.

Der Kreis schließt sich, und wir gehen mit nun geübterem Blick für kleine Wunder wieder heim.

Über Matthias Neumann

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Erstellt: 16.06. 2014 | Bearbeitet: 11.06. 2014 15:29