Feb 2014 hastuPAUSE Nr. 53 0

Verzweifelte Schicksale und ein Kind

Im Neuen Theater läuft zurzeit „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. In dieser Tragikomödie sind zwei Handlungsstränge vereint, im ersten die Tragödie um die Arbeiterin Frau John und im zweiten die Komödie um Theaterdirektor Hassenreuther.

Im Neuen Theater läuft zurzeit »Die Ratten« von Gerhart Hauptmann. In dieser Tragikomödie sind zwei Handlungsstränge vereint, im ersten die Tragödie um die Arbeiterin Frau John und im zweiten die Komödie um Theaterdirektor Hassenreuther. Diese Doppelrezension betrachtet jeweils einen Handlungsstrang der neuen Inszenierung.

Fotos: Pressebilder Neues Theater

Fotos: Neues Theater


Erschreckend realistisch
Zunächst ist der Zuschauer irritiert. Die Schauspieler sprechen ungewohnt, mitunter schwer verständlich. Sei es nun mit polnischem Einschlag, in Gaunersprache oder Berlinerisch, stets jedoch mit vollem Akzent. Dies ist das auffälligste Stilelement im tragischen Handlungsstrang und von Hauptmann so gewünscht: Jeder Protagonist dieses Stranges spricht so wie im wahren Leben auch.Deshalb droht die hochschwangere Pauline Pieperkarcka gleich zu Beginn der Handlung höchst eindrucksvoll ihren Selbstmord an: »Ick spring im Landwehrkanal und versaufe.« Pauline ist ungewollt schwanger und ihr Liebhaber interessiert sich nicht für die Notlage des armen polnischen Dienstmädchens, geschweige denn für das Kind. Nun trifft sie auf die – ebenfalls im gesamten Stück berlinernde – Henriette John, die sich seit dem Tod ihres ersten Kindes nichts sehnlicher wünscht als ein Kind.

Frau John hält die Pieperkarcka vom Selbstmord ab, übernimmt das Kind und gibt es als ihr eigenes aus. Um die Zustimmung und das Schweigen der Pieperkarcka zu erreichen, bedient sie sich übergangslos verschiedener Mittel: sie schmeichelt, baut heftigen moralischen und körperlichen Druck auf, nutzt Bestechung und wirkt manchmal fast wie ein Raubtier, das sich an seine Beute heranschleicht – auf der Bühne durch katzenartige Bewegungen und Raubtiermaske versinnbildlicht. All diese Regungen passieren in einem solch raschen Wechsel und derart intensiv, dass es dem Zuschauer eisig wird. In späteren Dialogen der beiden wird noch ein erpresserisches Element dazukommen.

Nicht nur in diesen Szenen brilliert Bettina Schneider in der Rolle der Frau John. Es ist maßgeblich ihrem Schauspiel zu verdanken, dass der tragische Handlungsstrang seiner Bedeutung zumindest teilweise noch gerecht wird. Denn wo im Original noch ein feines Zusammenspiel aus beiden Strängen herrscht, droht hier die Handlung rund um Frau John im Klamauk der Hassenreuthers über das Theater und die Kürzungen in der Kulturlandschaft unterzugehen. Die Kenntnis der Dramenfassung hilft hier, den Handlungsfaden nicht zu verlieren. Vielleicht ist sie sogar nötig.

Sie kommen nicht in die Köpfe rein
In einem Berliner Dachgeschoss, von »Ungeziefer und Ratten« heimgesucht, lagert der alte Theaterfundus von Harro Hassenreuther. Der ehemalige Theaterdirektor, selbstherrlich und erfolglos, führt in diesem Mietshaus zwei Etagen tiefer ein scheinheiliges Leben mit Ehefrau und Tochter. Und vergnügt sich auf diesem Dachboden mit seiner Schauspielkollegin Alice.Ein entscheidender Handlungsstrang der »Ratten« ist die Selbstreflexion über das Theater in der Person des Harro Hassenreuther. Bei der Uraufführung im Januar 1911 in Berlin befasste sich diese Selbstreflexion noch mit dem Konflikt zwischen der moralischen Klassik Schillers und dem nüchternen Naturalismus. Bei der neuen Halleschen Inszenierung konzentriert die sich stattdessen auf die wirtschaftliche Not der deutschen Theaterlandschaft: »Langes Studium, kurze Vertragszeit«, beklagt Hassenreuther selbstbemitleidend. Die schlechte Bezahlung, die unbedeutenden Stellen an vergessenen Kleinstadtbühnen, die ewige Wanderschaft zur nächsten befristeten Anstellung. Es ist ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen des umkämpften Schauspielgeschäfts.

Erich Spitta, ein ehemaliger Theologiestudent, ist einer der Schauspielschüler und auf der Suche nach etwas Neuem. Und hat sich in die Direktorentochter Walburga verliebt, gegen den Willen des Vaters. Dieser wiederum erscheint bei den Proben selbstgefällig im Zylinder und Königsmantel. Hassenreuther versucht damit einen Glanz des Theaters aufrechtzuerhalten, den es längst nicht mehr gibt. Den es nie gegeben hat.

Die hochwertige Kunst an den Halleschen Bühnen wird durch die Tragik der Kürzungen der Landesregierung überschattet. Diese Empörung steckt den Schauspielern in den Knochen: »Und wenn das Theater mal nicht so läuft, bilden die gleich eine Menschenkette!«, stellt Hassenreuther polemisch fest. Dieses Schauspielhandwerk und der künstlerische Idealismus werden nicht mehr wert geschätzt.
Foto: Neues Theater

 

Die Dramaturgin Henriette Hörnigk sprach nach der Premiere, man habe sich der Gefahr ausgesetzt, mehr über das Theater zu reden, als das Stück aushalte, aber dies habe in Anbetracht der Situation sein müssen. Tatsächlich beansprucht der Konflikt um das Theater die Handlung ungemein. Die Dramaturgin Henriette Hörnigk sprach nach der Premiere, man habe sich der Gefahr ausgesetzt, mehr über das Theater zu reden, als das Stück aushalte, aber dies habe in Anbetracht der Situation sein müssen. Tatsächlich beansprucht der Konflikt um das Theater die Handlung ungemein.
Denn Hörnigk hat recht, es ist mehr als der Handlungsstrang um Frau John aushalten kann, möglicherweise war dies trotzdem nötig. Fraglich aber, ob es nicht auch im ersten Teil des Stücks realisierbar gewesen wäre, die aktuellen Kürzungsvorschläge ebenso zurückhaltend und treffsicher zu kommentieren wie im zweiten Teil.

Hier nämlich passt das Zusammenspiel beider Handlungsstränge wieder. Die Hassenreuthers treten etwas in den Hintergrund, ohne ganz zu verschwinden, während Frau Johns Lügengerüst, das sich zwischenzeitlich aufgebaut hat, jetzt zunehmend zu groß wird. Es droht sie zu erschlagen. Man merkt ihr die Erschöpfung, die Überforderung an und wird Zeuge, wie die Umgebung diese einzelne Person zugrunde richtet. Am Ende wird keiner der anderen Protagonisten Frau Johns Handlungen verstehen und sie von allen verlassen alleine dastehen. Das tragische Ende ist dann zwingend.

 

Was bleibt also am Ende von »Die Ratten«?

Vielleicht dies: Ein tolle Vorlage und eine großartige Schauspielleistung, die unter aktuellen Spardebatten und Kulturkürzungen zu leiden haben und so nicht voll zur Geltung kommen können. Insofern wäre der Naturalist Hauptmann wohl damit zufrieden. Denn all das ist doch sehr realitätsnah.

– Tobias Hoffmann

Und bleibt meist unklar und diffus unverständlich. Denn die neue Inszenierung der »Ratten« versucht die heutigen Probleme des deutschen Theaters zu benennen, und scheitert selbst daran. Zu voraussetzungsreich ist diese neu inszenierte Tragikomödie mit ihren verschlungenen Dialogen und irreführenden Nebenhandlungen. »Wir kommen nicht in die Köpfe rein«, stellt Spitta im Stück selber fest.

 

Der mäßige Applaus am Ende der Premiere zeigt: Ein Werk mit so vielen Ecken und Kanten begeistert das Publikum nur schwer. »Die Ratten« ist so schamlos ehrlich, dass es keinen Helden gibt. So ehrlich ist auch das Ende, an dem die Hassenreuthers der drohenden Katastrophe um Frau John genauso spießig zuschauen, wie sie es nie sein wollten. Es gibt keinen, der noch aufrichtig und bei Verstand bleibt. Niemanden, mit dem man sich identifizieren möchte. Das ist keine leichte Unterhaltung.

– Markus Kowalski

Foto: Neues Theater

 

 

  • weitere Vorführungen: 28.2., 1.3., 15.3., 16.3., 18.3. im neuen Theater.
  • Karten gibts für Studenten schon ab 8 Euro

Über Markus Kowalski

studiert Politikwissenschaften und Germanistik, hält aber wenig von den alltäglichen Politik-Nachrichten. Meistens ist er mit einem coffee-to-go auf dem Uniplatz anzutreffen.

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Erstellt: 16.02. 2014 | Bearbeitet: 07.05. 2014 17:11