Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Techno, Drogen und Paradiesvögel

Wer geht denn da hin? Woher kommt das, und warum machen die das? Und wie sieht's damit eigentlich in Halle aus?

Foto: Geoffrey de Kleijn (CC BY-NC 2.0) Quelle unter dem Text

Foto: Geoffrey de Kleijn (CC BY-NC 2.0)
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Diese Raver. Die meisten von ihnen sind unter der Woche im Alltag eingebunden. Wenn sie dann am Freitagabend über die Türschwelle des Clubs getreten sind, fühlen sie sich, als hätten sie die Cherubinen überlistet und wären ins Paradies gekommen. Sobald sie die wummernden Bässe in ihren Eingeweiden spüren, sind sie der Gesellschaft entkommen, können ein weiteres Abenteuer erleben, ohne weit weg zu müssen.

Der Club ist eine Insel der Freien. Im Laufe des Abends bildet sich ein fröhlicher Haufen verschiedenster Gestalten. Unter ihnen finden sich glitzernde, bunt Geschminkte und eigenartige verkleidete Geschöpfe in einer Häufung, sodass Anderssein zur Normalität wird.

Die Liebe zur elektronischen Musik eint die Tanzenden, wird zum verbindenden Element. Sie macht einander zu Brüdern und Schwestern, einer sympathischen Mutanten-Familie, die glücklich und friedlich tanzt.

Viele der Feiernden kennen sich. So entsteht ein Geborgenheitsgefühl. Das erklärt auch, warum die Dancefloors in diesen verruchten Schuppen meist so liebevoll und schräg dekoriert sind. Sie werden zu einem Wohnzimmer des Wochenendes, bunt und skurril. Von der Decke und an den Wänden hängen allerhand Artefakte, die sich über die Zeit angesammelt haben. Sie erzittern vor dem Bass. Dazu bewegen die Tanzenden ihre Glieder, den ganzen Körper. In der Art, in der sie den Beat spüren, manifestiert sich häufig auch die Wirkung der Droge.

Techno und Ecstasy

Diese Droge kam als Partypille quasi zusammen mit dem Techno auf die Welt und kann schwer von der Szene getrennt werden, obwohl es nur ein gewisser Teil der Feiernden ist, der sich dieser Gefahr aussetzt.

Jemand, der diese Drogen noch nie genommen hat – oder nicht in Kombination mit Techno –, wird die Motivation derjenigen, die dies tun, möglicherweise nie ergründen. Ecstasy, oder spezifischer MDMA, geht mit Techno eine Symbiose ein, die erschreckend faszinierend ist. Man ist zum Tanzen gezwungen. Der Klabautermann, der sich durch die Droge in den Weiten deines Gehirns einnistet, fordert von dir genau die Bewegungsgeschwindigkeit, die dem Techno innewohnt.

Pure Liebe erfüllt den Körper. Für die gesamte Welt und jeden in der näheren Umgebung. Das Abgetrennt-Sein von der Welt, was viele dieser jauchzenden Banditen in ihrem normalen Leben empfinden, ist überwunden. Der zum Priester erkorene DJ vervollständigt das Ritual durch die leicht monotone, sphärische Musik. Das Raumzeitgefüge scheint dann außer Kraft gesetzt, sodass diese Veranstaltungen bis in den nächsten Tag andauern. Es sei denn, man verträgt diese Droge nicht oder dosiert falsch, dann kommt es zum zittrigen Erbrechen und vorzeitigem Party-Aus.

Das Morgengrauen birgt ein dumpfes Gefühl. Die Glücksgefühle auf Vorschuss verlebt, der Kiefer am Schmerzen. Irgendwo hinter unbefriedigendem Schlaf, den man sich durch Downers verschafft, wartet dann Käpt«n Einsicht.

Einige, die nirgendwohin zurück können, versuchen, ihm zu entkommen. Ahoi! Auf zu einem neuen Club. Einer neuen Insel, einem neuen Paradies. Doch die dauerhafte Flucht kann Spuren hinterlassen. Ihre Gesichter und Körper sind dann davon gezeichnet. Eingefallen, grau. Die Augen tief in den Höhlen, möglichst von einer Sonnenbrille verdeckt. Diese armen Gestalten werden zu einer verblichenen Karikatur ihres Lebensstils.

Die Kulturgeschichte

Die Raver werden immer mehr zur Minderheit, da diese Musik zunehmend beliebter geworden ist. So beobachten sie die Kommerzialisierung ihrer Kultur argwöhnisch.

Foto: Geoffrey de Kleijn (CC BY-NC 2.0) Quelle unter dem Text

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Die Feiertouristen werden mehr, und damit steigt die Gefahr, dass ihr Paradies zu einem großen Zirkus wird. Einem Zoo der Freaks, mit Gaffern am Rande, die von ihrer Abenteuerlust getrieben werden, sehen und gesehen werden wollen oder nach einem geeigneten Partner suchen.

Ende der 80er war Techno noch eine politisch motivierte Avantgardebewegung, die mit den Konventionen jener Zeit brechen und die »Mauern« einreißen wollte, wie es das Manifest der Musikgruppe Underground Resistance beschreibt.

Mit einer Welt, in der sie den Namen der Bounty zu einer Hure des Konsums vergewaltigt haben, wollte damals niemand etwas zu tun haben. Zu jener Zeit schwappte der sogenannte Acid-House aus Detroit nach Europa. Diese Gegenkultur wurde von der Gesellschaft als derartige Bedrohung empfunden, dass Großbritannien beispielsweise im Criminal Justice Act von 1994 das Raven auf Open Airs unter Strafe stellte.

In Ostdeutschland gab es nach dem Fall der Mauer jedoch de facto einen gewissen rechtsfreien Raum, eine Art Techno-Exil, das dieser Subkultur einen fruchtbaren Nährboden bot. Hier tanzten Menschen aus aller Welt zusammen. Der Rave verstand sich als verbindendes Element eines geteilten Landes. Die Loveparade, die 1989 als politische Demonstration ins Leben gerufen wurde, veranschaulichte dann den Ausverkauf dieser Ideale. Als zum zehnjährigen Jubiläum ein Musikwagen der CDU die Straßen Berlins beschallte, symbolisierte das die Ankunft des Technos in der Mitte der Gesellschaft.

Halles Techno

Mittlerweile gehört die elektronische Musik zu einem der umsatzstärksten Musikzweige, und der Techno wurde massentauglich. So verwundert es nicht, dass der gesteigerten Nachfrage ein immer größeres Angebot folgt und auch in Halle immer mehr Veranstaltungen und Clubs in diesem Bereich entstanden sind.

Jedoch gibt es immer wieder Veranstaltungen, die aus dem legalen Rahmen herausfallen und abseits des Mainstreams die Subkultur am Leben halten wollen. Hierfür hat die Stadt Halle als einzige in Deutschland sogenannte Freilufttanzveranstaltungen gestattet. Ein vielversprechendes Projekt, da junge Menschen Subkulturen meist als Attraktivitätssteigerung wahrnehmen.

Dass es immer noch illegale Open Airs gibt, hat oft ganz praktische Gründe. Open Airs kosten Geld, und dieser Aufwand wird dann zum Beispiel über den Verkauf von Getränken finanziert. Das ist bei legalen Partys eine bürokratische Hürde, die beim Nichtanmelden der Partys nicht entsteht.

Das Gleiche gilt auch für die illegalen Clubs, die nicht nur mit den Ausschank-, sondern auch mit den baulichen Verordnungen Probleme bei einer Anmeldung bekommen würden. Mal ganz abgesehen davon, dass einer Gegenkultur rechtliche Rahmenüberschreitungen wahrscheinlich immanent sind und auch ein gewisser Reiz darin liegt, außerhalb des Kontrollbereichs einer Gesellschaft zu feiern.

Quelle der Fotos

Foto 1
Foto 2

Über Lukas Lange

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Erstellt: 28.12. 2014 | Bearbeitet: 21.12. 2014 01:34