Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Studiengeflüster (5)

263 Studiengänge bietet die MLU an 10 Fakultäten an, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 5: Nachhaltigkeit mal anders betrachtet

Foto: Shinobu Sugiyama (CC BY-NC-ND 2.0) www.flickr.com/photos/sgym662114114/5395345796

Umweltschädigung möchte keiner. Doch stattdessen sich selbst einschränken wollen nur die wenigsten.

Foto: Shinobu Sugiyama (CC BY-NC-ND 2.0) www.flickr.com/photos/sgym662114114/5395345796


Nachhaltige Entwicklung, Energiewende, Klimawandel – Begriffe, die aktuell in aller Munde sind. Nachhaltigkeit wird seit Kurzem auch von einer ganz anderen Seite betrachtet – als Feld der Umweltsoziologie. Nun werden sich einige fragen, was denn ein Soziologe zur Nachhaltigkeit als eher traditionell naturwissenschaftlichem Thema zu sagen hat. Das Ganze ist einfacher, als man denkt.

Wer an der hallischen Uni Soziologie studiert, dem kann dieses Thema in einem Seminar begegnen. In dem Modul »SP2 – Spezielle Soziologie« kann man zwischen wirtschafts- und umweltsoziologischen Themen wählen. Ich entschied mich aus Neugier für das Seminar »Nachhaltigkeit«. Was ich davon mitgenommen habe, soll mir nun helfen, das Hauptanliegen davon einmal vorzustellen.

Nachhaltigkeit soziologisch gesehen

Grundsätzlich beschäftigt sich die Soziologie mit sozialen Phänomenen. Überall, wo Menschen in Aktion treten und aufeinander bezogen handeln, wird es für sie interessant. Und das ist auch bei der Nachhaltigkeit der Fall. Denn auch dort gibt es Akteure, die für ihre verschiedenen Ziele den Begriff der Nachhaltigkeit nutzen und ihn deshalb auch unterschiedlich gebrauchen. Der Forscher denkt vielleicht an die Umwelt, die Politik meint dies auch zu tun, schaut aber vielleicht eher auf ihre Interessen. Im Prinzip spannt sich Nachhaltigkeit zwischen drei Punkten auf: der Ökologie, der Ökonomie und der Gesellschaft.

Ein wichtiger Begriff ist dabei die nachhaltige Entwicklung. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung soll so geschehen, dass sie »nachhält«. Denn ein Konflikt tut sich vor allem zwischen den Generationen auf. Das Hauptanliegen ist zumeist der Erhalt der Umwelt, damit die folgende Generation die gleiche vorfinden wie die aktuelle Generation. Sie soll die gleichen Potenziale vorfinden wie ihre Vorgänger.

Konkret ergeben sich verschiedene Probleme

Doch Fragen sozialer Gerechtigkeit werden oft außer Acht gelassen. Aktuelles Beispiel Energiewende: der Umwelt zuliebe soll grüner Strom produziert werden, also weniger Umweltverschmutzung bei der Stromproduktion geschehen. Die Politik greift dort ein und fördert kräftig, sodass ein neues Wirtschaftsfeld wächst – unzählige Solarfirmen, Biogasanlagen und Windparks entstehen. Darüber hinaus wird die Industrie von der Ökostromabgabe weitestgehend befreit, die Wirtschaft freut sich. Die Hauptlast wird letztendlich der steuerzahlende Bürger übernehmen. Die Gesellschaft trägt finanziell die Auswirkungen der politischen Entscheidung. Sicherlich braucht sie eine gesunde Umwelt und eine intakte Wirtschaft – aber darf man sie selbst dafür einschränken?

Foto: Peter Mooney  (CC BY-SA 2.0) www.flickr.com/photos/peterm7/5925797126/

Darf man den rasanten, umweltschädigenden Fortschritt anderer Länder verbieten?

Foto: Peter Mooney (CC BY-SA 2.0) www.flickr.com/photos/peterm7/5925797126/


Ein weiteres beispielhaftes Problem ist ein globales. In Deutschland wird der Wohlstand wie selbstverständlich wahrgenommen. Dennoch ist er vor allem ein Zeugnis von jahrelanger immenser Schädigung der Umwelt im Zuge der Industrialisierung zu Gunsten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Ohne diesen Umstand wäre das Erreichen des heutigen Niveaus wohl kaum in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit möglich gewesen. Mit dem heutigen Wissen und der Sensibilisierung möchte man Umweltschädigungen vermeiden, um diese für die Nachwelt zu erhalten. Doch darf man deshalb Schwellenländer einschränken, die auf ähnlichem Wege wie die heutigen Industrieländer ein höheres, etabliertes Wohlstandsniveau erreichen wollen? Und werden meist nicht die ressourcenfressenden und umweltschädigenden Produktionsprozesse in ebensolche Länder verlagert?

Was davon bleibt

Die Frage ist daher auch ethisch-moralisch, und zwar: inwieweit darf man gesellschaftlichen Fortschritt, aber auch Handlungsräume einzelner Individuen einschränken? Welche Lösung betrachtet alle drei genannten Punkte? Wie werde ich der aktuellen und den folgenden Generationen gerecht? Eine generelle Antwort gibt es natürlich nicht. Aber es ist wichtig, dass in Zukunft möglichst ökologische, ökonomische und soziale Aspekte in die Überlegungen einbezogen und zwischen ihnen verhandelt werden und die Bedürfnisse der verschiedenen Generationen berücksichtigt werden.

Was die Soziologie zur Nachhaltigkeitsdiskussion beiträgt, ist also bedeutsam. Und sie folgt dabei einem wissenschaftlichen Leitprinzip – eigentlich so Selbstverständliches zu hinterfragen.

  • Isabell studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften und Soziologie.

Über Isabell Bergner

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Erstellt: 30.10. 2014 | Bearbeitet: 30.10. 2014 20:54