Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Spießige Alternativität?!

Schrebergärten als neues Hobby für Studierende? Was Alternativität für sie konkret bedeuten kann

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Ein ganz normaler Tag für Studierende in Halle: Am Uniplatz vor dem Melanchthonianum tummeln sie sich, von unterschiedlichstem Aussehen und (fast) jeder Fachrichtung, reden miteinander, scherzen, lachen, diskutieren vielleicht auch. Sie kommen gerade von einer Veranstaltung oder warten auf die nächste und vertreiben sich die Zeit mit Freunden. Der ein oder andere trägt seine Haare in Dreads, einige Studenten haben lange Haare, die sie vielleicht noch zu einem Dutt hochbinden, am besten noch einen buschigen Bart; man sieht Studentinnen in bunten Haremshosen.

So haben vielleicht mehrere zu Beginn ihres Studiums den Eindruck: Boah, die wirken ja alle so alternativ, das ist ja voll cool! Das galt besonders für jemanden wie mich zu Beginn des Studiums, die ich von einem winzig kleinen Dorf komme, wo es schon eine Normverletzung ist, wenn der Rasen höher als zwei Zentimeter steht. Man hat im Alltag folglich auf einmal Menschen um sich, bei denen man das Gefühl hat, dass sie sehr offen sind und zu denselben Themen ähnliche Meinungen haben, wie man selbst oder besser noch, einen zum Nachdenken anregen. Aber was versteckt sich eigentlich hinter dem großen Wort »Alternativität« und was hat es damit genau auf sich?

Der typische Studierende als alternativer Mensch – das deckt sich mit dem allgemein gestiegenen Interesse der Gesellschaft an nachhaltigen Themen, wie etwa Umweltschutz, Schonung der Ressourcen, Veganismus und so weiter. Das ist doch eigentlich eine positive Entwicklung, über die wir uns freuen sollten, oder?

Dem gegenüber steht die These: »Die Linke ist konservativ geworden.« Auf diesen im gerade genannten Zusammenhang widersprüchlichen Satz bin ich eines Tags durch einen Zeitungsartikel und eine Veranstaltung im Rahmen meines Studienfachs Ethnologie gestoßen. Demnach richteten Milieus, die früher nach alternativen Lebensentwürfen suchten, nun ihr Interesse auf Sicherheit, zögen sich ins Private zurück, konsumierten also links, aber handelten eigentlich nicht mehr politisch. Das könne man auch in Einklang mit dem Kapitalismus bringen, der dazu fähig sei, Kritik an sich aufzunehmen und sich auf diese Weise im wahrsten Sinne des Wortes einzuverleiben. In Bezug auf Alternativität bedeutet das, dass es zur Mode wird, alternativ zu sein, und infolgedessen zum Mainstream wird.

Foto: wwwuppertal (CC BY-NC 2.0) Link zur Quelle unter dem Text

Foto: wwwuppertal (CC BY-NC 2.0)
Link zur Quelle unter dem Text

Diese Informationen passen darüber hinaus geradezu umwerfend gut zu der Ansicht, dass junge Menschen von 20 bis 30 (also auch oder gerade Studierende) politisch wenig aktiv sind und sich stattdessen zum Beispiel einen Schrebergarten zulegen, in dem sie ihre ganze Freizeit damit verbringen, die Früchte ihrer Obstbäume zu ernten, Marmelade davon einzukochen oder früh zu heiraten. Äh, Moment mal, riecht es hier nicht unmissverständlich nach Klischee?! Wie nehmen die Studierenden selbst eine alternative Lebensweise wahr und welchen Stellenwert hat es für sie?

Eine Bekannte sagt zu diesem gesellschaftlichen Phänomen, dass sie den Begriff an sich schwierig finde, weil die Eingrenzung von Alternativität problematisch sei und keinen Maßstab biete. Alle Menschen sind für sie gewissermaßen verschieden, jeder auf seine Weise. Zu einem nonkonformen Leben gehört auch ein gewisser Grad an Offenheit für sie. Sie findet eine alternative Lebensweise gut, weil sie dem Konsumwahn abgeneigt ist und nicht Teil davon sein will. Damit verbindet sie unter anderem außerdem Nachhaltigkeit, Ressourcen- und Umweltschutz. Selbst aktiv ist sie, indem sie containert, sich vegan ernährt, bei Greenpeace aktiv ist und sich für die Umwelt einsetzt. Dass immer mehr Leute über eine nachhaltige Lebensweise nachdenken oder sie praktizieren, freut sie.

Dies also ein individueller Blick auf Alternativität. Theorie hin oder her – dieser Begriff war früher vielleicht einmal etwas, das einen bestimmten Typ von Mensch fest definiert hat. Heute jedoch müsste man es eher als Sammelbecken für Personen auffassen, deren Auffassung von unkonventionellen Lebensweisen mehr oder weniger voneinander abweicht. Die Frage ist, ob das so schlimm ist oder ob man sich freut, dass immer mehr Menschen sich Gedanken um Alternativen zum Beispiel zum konsum­orientierten Leben machen. Vielleicht sollte man sich von dem Begriff »Alternativität« weder beirren lassen noch ihn als Etikett gebrauchen. Wichtig ist es, seiner Eingebung zu folgen und aus sich heraus handeln und nicht, weil etwas gerade Mode ist. Ein lautes Ja also für bürgerlich gelebte Alternativität, wenn sie denn ehrlich gemeint ist.

Quelle des Fotos

Über Corinna Friedrich

, ,

Erstellt: 29.12. 2014 | Bearbeitet: 02.03. 2015 14:58