Mrz 2014 hastuPAUSE Nr. 52 0

Shrek – Ein Buch-Film-Vergleich

Viele werden sicher nicht wissen, dass Dreamworks’ vierteiliges Franchise auf einem sehr dünnen Kinderbilderbuch gleichen Namens basiert, das von dem bekannten amerikanischen Cartoonzeichner William Steig (1907–2003) verfasst wurde

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

In Deutschland 1991 erschienen, ist das Buch heute vergriffen und nur mehr in Bibliotheken zu finden. Umso wichtiger ist es vielleicht, einen Blick darauf zu werfen, falls man für die Kinder einmal nach einem alternativen Bilderbuch sucht.

≫Und wie deine Schweinsauglein nach mir schielen≪


Der Plot ist, wie für ein Bilderbuch üblich, recht simpel: Shrek ist ein grässlicher Oger, Sohn zweier nicht weniger grässlicher Ungeheuer, die ihn eines Tages aus dem heimatlichen Sumpf kicken, damit er in die Welt hinauszieht und sein Soll an Schrecken verbreitet. Shrek, nicht traurig darüber, zieht durch die Welt und verpestet sie mit seiner Hässlichkeit. Eines Tages jedoch begegnet er einer Hexe, die ihm voraussagt, er würde eine Prinzessin finden, die noch hässlicher sei als er –eine gute Nachricht, findet Shrek und macht sich auf den Weg, sie zu freien.
Um die Gräulichkeit des Ogers zu unterstreichen, zeichnete Steig das Buch bewusst schräg, benutzte schon mal die linke Hand oder zeichnete mit geschlossenen Augen. Wären die Kinder nicht zufrieden mit den unskizzierten Wasserfarbenmalereien, so konnten sie zumindest vergleichbar simple Zeichnungen erstellen. Im Vergleich zum glatt polierten 3D-Stil des Films erscheint Shrek denn auch als ein wirkliches Monster: blutrote Augen, Warzen, Krallen, eine haarige Nase und ein beständig böses Grinsen. Shrek kann Feuer speien, Laser aus seinen Augen verschießen und schluckt sogar Blitze, die der Himmel auf ihn abfeuert. Sein Gestank lässt Flora und Fauna die Flucht ergreifen, und wenn sich ihm eine Gefahr in den Weg stellt, schnaubt er ihr gutgelaunt ins Gesicht. Gedankenlos, wie er ist, kennt Shrek keine Furcht und keine Hemmungen. Mit anderen Worten: Er ist wie ein kleines Kind, mit einer manchmal destruktiven Kraft und nur seinen grundlegenden Bedürfnissen als Richtschnur. Vermutlich deswegen ist die Figur in den USA so beliebt geworden: Ähnlich wie Pippi Langstrumpf macht Shrek, was er will, ist glücklich nach seiner Façon und widersetzt sich allen Einschränkungen mit seinen beeindruckenden Superkräften. Er ist ein Ausdruck jener Allmachtsphantasien, wie sie kleine Kinder in Auseinandersetzung mit der Erwachsenenwelt immer haben werden.

Anti-Märchen oder Pop-Märchen?

Illustration: William Steig aus seinem Buch »Shrek!«, New York 1990

Illustration: William Steig aus seinem Buch »Shrek!«, New York 1990

Aus dieser recht simplen Figur sollte nun ein ansprechender Kinoheld gemacht werden. Die Story durchlief dabei recht viele Änderungen: So wollte Shrek anfangs Ritter werden und rettete dabei Esel vor einer bösen Hexe. In einer anderen Fassung wurde Shrek von Lord Farquaad als unerwünschtes Subjekt bezeichnet und aus seiner Wohnung geworfen. Das war den Regisseuren Andrew Adamson und Vicky Jenson jedoch »zu dramatisch«. Sie waren der Meinung, ein Haufen durchgeknallter Märchengestalten würde mehr Raum für komödiantische Ideen machen. Darüber hinaus wurde aus dem verzauberten Esel, der im Buch eine kleine Rolle hat und keine Zeile spricht, eine Plaudertasche mit Klettensyndrom, und aus der Prinzessin, die im Buch unbeschreiblich hässlich ist, eine verfluchte Prinzessin, die ihre Hässlichkeit nicht annehmen will.
Das Endergebnis ist eine sicherlich erwachsenere, weniger anarchische und weniger grobschlächtige Version des Antimärchens, ein eigenständiges Werk, das sich seiner eigenen Moral verpflichtet fühlt.
Ob ihm das immer gelingt? Das ist sicherlich Geschmackssache. Denn zum einen enthält der Film viele nervige Charaktere wie einen singenden Robin Hood als Hanswurst-Helden, die man sich nur ein paar Mal antun kann, bevor sie einem zu den Ohren herauskommen. Auch die vielbeschworenen Märchen-Parodien sind nicht wirklich witzig, sondern höchstens für einen kurzen Schockwert gut. Oft ist selbst der vielgerühmte schwarze Humor ein bisschen zu sehr auf tierquälerische Gemeinheit ausgelegt. Demgegenüber stehen Szenen, in denen Shrek alle Welt von seiner vielschichtigen Persönlichkeit und Intelligenz überzeugen will. Sprich: Oft ist Shreks anarchischer Kern ihm selbst im Wege.
Dieses Problem zieht sich durch viele Stellen des Films: er wechselt zwischen geschmeidig und lebendig animierten Hauptcharakteren zu puppenartigen Stereotypen; er gibt den Figuren Tiefe und echte Gefühle, verliert sich aber gleichzeitig in oberflächlichem Geplapper und Anspielungen auf die Popkultur; es vereint zarte Filmmelodien mit dem nächstbesten Popsong.
Das beste Beispiel ist ganz gegen Ende zu sehen: In einer an »Die Schöne und das Biest« erinnernden Sequenz verwandelt sich Fiona in ihr wahres Selbst – ein magischer Moment, eine romantische Vereinigung zweier unabhängiger Seelen.
Im nächsten Moment schwenkt es zu einer Tanzparty mit hölzern animierten Menschen und Pop-Orgeln. Diese schnellen Wechsel im Pacing bekommen der Atmosphäre des Films nicht immer gut.

Der Tag der Rache

Berüchtigt ist »Shrek« vor allem für seine gnadenlose Abrechnung mit Märchen und Disney-Filmen in Besonderem (was wohl Pinocchios Auftritt erklärt, denn dieser war im Grunde nie eine Märchenfigur, bis Disney sich seiner annahm). Dies ist wohl im Besonderen eine Dreamworks-eigene Zutat, die auf den Mitbegründer und Produzenten Jeffrey Katzenberg zurückgeht. Dieser, ehemaliger Chef der Disney-Zeichentrick-Studios und verantwortlich für die Disney-Renaissance von »Falsches Spiel mit Roger Rabbit« bis zu »Der König der Löwen«, hatte 1994 mit Disney gebrochen, nachdem ihm die Stelle des kurz zuvor verstorbenen Frank Wells verwehrt wurde. Gemeinsam mit Steven Spielberg und David Geffen hatte er kurz darauf DreamWorks SKG gegründet und die Leitung der neuen Animationssparte übernommen.

Illustration: William Steig aus seinem Buch »Shrek!«, New York 1990

Illustration: William Steig aus seinem Buch »Shrek!«, New York 1990

Auch die Abschiebung der Märchengestalten in »Shrek« macht für sich genommen nicht sehr viel Sinn. Es wird angedeutet, dass Lord Farquaad sie für Missgeburten in seinem perfekten Königreich hält, doch das ist auch schon alles. Erst wenn man sich vor Augen hält, dass die meisten Figuren den klassischen Disney-Märchen wie Schneewittchen, den Drei Kleinen Schweinchen oder Cinderella entsprechen und Du- Log eine Parodie der Disney-Familien-Resorts darstellt, kann man eine zeitgenössische Verbindung herstellen: Seit 1995 setzte Disney nicht mehr auf die klassischen Märchenabenteuer und -romanzen, sondern auf Romanverfilmungen, auf historische Legenden oder auf semi-moderne Eigenkreationen. »Atlantis – Das verlorene Königreich« markierte 2001 den vorläufigen Tiefpunkt dieser Ära, mit geringen Einspielergebnissen und vernichtenden Kritiken. Es war also relativ einfach für Katzenberg, die entstandene Lücke in der Animationssparte zu besetzen und gleichzeitig Disney für ihren Kurswechsel lauthals ins Gesicht zu lachen.
Warum diese Parodien eine so große Popularität gewannen, ist vielleicht von einem Zuschauerstandpunkt heraus erklärbar: Wer mit dem Zauber von »Die Schöne und das Biest« und der Dramatik von »Der König der Löwen« aufgewachsen ist, durchlief 2001 größtenteils die Pubertät, und nicht unbedingt nur im biologischen Sinne. Das Gefühl, von Disney betrogen zu sein, so wie das Bedürfnis, sich von dem ganzen »Kinderkram« der frühen 90er zu distanzieren, eröffnete für die Nonkonformisten eine rebellisch anmutende Nische: der Shrek der DreamWorks-Filme stand wie sie in Opposition zu den Normen setzenden Eltern von Disney, war aber gleichzeitig dabei, sich aus den klaren Regelsetzungen des Märchens heraus in eine viel komplexere Welt zu stürzen. Er hatte sein wahres Wesen in einem abgeschotteten Lebensraum ausgelebt und sich erfolgreich gegen Angreifer gewehrt, doch nun musste er, von einem Meer aus Störenfrieden umgeben, in die Welt hinausgehen und mit den äußeren Mächten verhandeln, wobei er auf einmal Individuen trifft, die nicht vor ihm fliehen, ihn sogar verstehen. Insofern hat »Shrek« also tatsächlich das Zeug zum Anti-Märchen: Es rechnet nicht direkt mit den Märchen ab, sondern mit ihren Wirkungen in der modernen Welt, die nicht immer positiv zu nennen sind.

Und die Moral von der Geschicht…?

Das Problem ist also nicht unbedingt das Konzept oder die Moral – es legt viel eher darin, dass der Film trotz seiner Subversivität in die typischen Klischees seines Genres zurückfällt: den sarkastischen, sturen, aber sensiblen Einzelgänger, den ausgeflippten besten Freund und Kuppler, die perfekte Schulsprecherin, die ihr Herz an einen Außenseiter verliert – das sind nicht die Rollen eines Märchens, das sind die festgeschweißten Rollen einer romantischen Komödie.
Das gilt auch für das typische tragische Missverständnis am Ende, dessen Ausgang bereits jedermann vorbeten kann und das trotzdem mit allen Mitteln versucht, eine traurige Atmosphäre zu schaffen. Es ist umso problematischer, weil es am Ende durch ein simples »Aber du bist doch wunderschön« von Shrek gelöst wird. Manche Leute, insbesondere Kinder, werden vielleicht nicht sehen, wo genau das Problem lag und dass unsere moderne Welt immer noch dem Klischee der unbedingten Schönheit verpflichtet ist, wie es durch Märchen vorgeprägt ist. Hier hätte vielleicht – gemäß der Vorlage – ein wenig mehr Mut zur Hässlichkeit geschadet, um die Moral noch ein wenig stärker und herausfordernder zu machen: Dass Schönheit eben wirklich im Auge des Betrachters liegt.

    Das Buch zum Anschauen:
    http://www.macmillan.com.hk/pma/english/Shrek!.pdf

Über Martin Wohlgefahrt

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Erstellt: 18.03. 2014 | Bearbeitet: 17.03. 2014 17:41