Feb 2014 hastuINTERESSE Nr. 52 0

Seelsorge im Studium

Im Studium der evangelischen Theologie wurde für das Wintersemester 2013 im Modul Praktische Theologie ein Seelsorge-Seminar angeboten.

Foto: Matt Nicholas: »Priest«s Leap« Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Foto: Matt Nicholas: »Priest«s Leap« Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

 

Oktober 2013

Im Oktober werde ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Thema Seelsorge konfrontiert. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was das eigentlich sein soll. Spricht man da mit jemand Tieftraurigem, um ihn wieder fröhlich zu machen? Oder wird da ein Patient bis zu seinem letzten Atemzug betreut? Es kann ja auch sein, dass ich hier nur lerne, wie ich mit einem fremden Menschen ein Gebet spreche, damit es ihm besser geht.
Der Seminarraum ist überfüllt. Gefühlte 40 Leute sitzen in einem Raum, in dem sonst nur acht Leute ein Seminar besuchen. Zuerst stellen sich die betreuenden Professoren vor, da-nach sind alle Studenten an der Reihe. Viele haben schon Praktika im Krankenhaus gemacht oder schon Erfahrungen mit der Seelsorge gesammelt. Einige Studenten aus dem Fach Psychologie sind ebenfalls dabei. Erschreckend hab ich festgestellt, dass ich die Einzige bin, die nur ihren Namen sagen kann und dass ich mich auf das Seminar freue, aber keine Referenzen vor-zuweisen habe.
Ich erfahre, dass das Seminar zu Beginn nur aus Theoriestunden bestehen wird, danach wird das vorher gesammelte Wissen in Rollenspielen geübt, um anschließend zwei, drei Besuche im Krankenhaus St. Elisabeth zu absolvieren. Für die Theoriestunden werden uns drei Bücher empfohlen, die wir unbedingt lesen sollen: »Oskar und die Dame in Rosa« (Éric-Emmanuel Schmitt), »Einführung in das helfende Gespräch« (Günther Eisele, Reinhold Lindner) und »Seelsorge« (Michael Klessmann). Das erste Buch handelt von einem krebskranken Kind namens Oskar. Nur die Dame Rosa, eine Seelsorgerin, hört ihm zu und spricht mit ihm über seinen baldigen Tod. Das zweite Buch ist auf die Psychologie eingegangen. Wie man ein Gespräch an-genehm führt, wird mit vielen Lehrbeispielen verdeutlicht. Es wird auch darauf hingewiesen, dass man verstehend und empathisch-spiegelnd reagieren soll. Letzteres wird wie folgt erklärt: Im Buch steht, dass jemand seine Schwiegermutter 39 Jahre lang gehasst hat und deswegen krank geworden ist. Aber die Krankheit wurde, laut Arzt, zwei Jahre nach dem Tod der Schwiegermutter festgestellt. Als Seelsorge antwortet man dann so: »Dass das Verhältnis zu Ihrer Schwiegermutter so schlecht war, plagt sie immer noch, und Sie denken sogar, dass Sie deswegen krank geworden sind.« Der Patient bejaht dies und erzählt, dass ihn das gestörte Verhältnis von damals immer noch bedrückt. Besonders das richtige Zuhören ist wichtig. Man muss heraushören, wo die Probleme des Patienten liegen könnten und direkt danach fragen, um so helfen zu können. Das letzte Buch hat nur eine allgemeine Definition in Hinblick auf die Entwicklung der Zusammenarbeit von Krankenhaus und Seelsorge aufgezeigt.

November 2013

Zwischen den Theoriestunden haben wir von unseren Professoren eine Führung durch das Elisabeth Krankenhaus erhalten. Hier werden wir dann in Zweierteams auf eine Station unserer Wahl gehen.
Einige Fragen konnte uns die Literatur nicht beantworten. Was sollen wir denn nun machen, wenn kein Patient mit uns reden möchte? Sollen wir mit den Patienten beten, wenn sie das möchten? Mit Bibel hingehen oder ohne? Müssen wir nur über Gott reden, kann man nicht auch über was anderes reden? Auf diese Fragen haben die Professoren geantwortet: Bevor wir in die Patientenräume hineingehen, fragen wir zuerst bei der Stationsschwester nach, ob jemand reden möchte. Meistens wissen diese dann, wo man hingehen soll. Und wenn die Schwestern auch keinen Rat haben, kann man sich gerne ein Zimmer aussuchen und nachfragen, ob ein Gespräch erwünscht ist. Es kann sein, dass kein Patient Bedarf hat. Aber das ist nicht schlimm, es bedeutet, dass es ihnen gut geht. Ein Seelsorger ist nicht dazu verpflichtet, nur über Gott zu reden. Der Patient bestimmt den Inhalt des Gespräches. Wer es sich nicht traut ein Gebet auf Nachfrage durchzuführen, der sagt dann Bescheid und ein anderer Student macht das. Bei der letzten Frage, wie man ein Gespräch höflich beendet, wenn ein Patient stundenlang weitererzählen könnte, haben wir ein Rollenspiel durchgeführt. Man unterbricht freundlich und weist daraufhin, dass man leider keine Zeit mehr hat.
Ein weiterer Punkt bei den Rollenspielen war die Seelsorge bei einem Komapatienten. Ich hab mir vorher gedacht, dass ich ihm erzählen könnte was ich möchte, er hört mich doch nicht, aber das war falsch. Patienten die wieder zu Bewusstsein gelangt sind, haben berichtet, dass einige Worte zu ihnen durchgedrungen sind. Zum Beispiel haben die Familienmitglieder immer wieder die Lieblingsmusik abgespielt. Das haben die Komapatienten wahrgenommen und fanden sie nach dem Aufwachen furchtbar – der Song hing ihnen zum Halse raus.
Mir ist dabei klar geworden, dass schon Kleinigkeiten ein Gespräch erleichtern, aber auch erschweren können. Anklopfen und Hände desinfizieren ist ein Muss und hinterlässt einen guten Eindruck. Nachdem ich mich vorgestellt habe, achte ich auf die Mimik der Gesichter, ob ein Gespräch erwünscht ist. Wer mich dann weder anschaut noch beachtet, hat keinen Bedarf. Dann setze ich mich so hin, dass ich neben dem Krankenbett bin, aber den Stuhl so hinstelle, dass die Patientin mir entspannt ins Gesicht schauen kann, ohne den Kopf zu verdrehen. Zu guter Letzt nehme ich mir vor, entspannt und freundlich zu sein.

Dezember 2013

In der letzten Sitzung wurden wir alle auf die verschiedenen Stationen eingeteilt. Ich habe mich mit einer weiteren Studentin für die Onkologie entschieden. Weiterhin erfuhren wir noch, dass wir, wenn wir uns für einen Besuchstermin entschieden haben, zuerst bei der Seelsorge im Krankenhaus anrufen müssen. Von diesen werden wir dann auf die Station gebracht, dort den Schwestern vorgestellt und erhalten ein Namensschild. Es ist auch sehr wichtig, dass jeder Student ein Gesprächsprotokoll von dem ersten Gespräch anfertigen muss. In der Anleitung wurde nochmals daraufhin gewiesen, dass alles vertraulich behandelt wird, denn ein Seelsorger steht wie ein Arzt unter Schweigepflicht. Im Gegensatz zum Arzt, der vor dem Gericht seine Schweigepflicht aufgeben muss, kann der Seelsorger von seiner Verweigerungspflicht Gebrauch machen. Wir können zwei bis drei Besuche machen – dabei ist es egal, wie lange sie dauern. Wichtig ist, dass auch wir uns bei den Gesprächen wohlfühlen.

Januar 2013

Die ersten Besuche habe ich hinter mich gebracht. Die Vorbereitungen haben wirklich geholfen. Es fiel mir auch nicht schwer, das Gesprächsprotokoll vor den anderen Seminarteilnehmer zu präsentieren und mit ihnen auszuwerten.
Insgesamt betrachtet war es eine interessante Erfahrung, aber beruflich möchte ich das nicht machen. Um ehrlich zu sein: Jeden Tag mit anderen Menschen konfrontiert zu werden, die bald sterben, könnte ich auf Dauer ohne Nachwirkungen nicht ertragen.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

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Erstellt: 22.02. 2014 | Bearbeitet: 27.02. 2014 22:14