Apr 2014 hastuUNI Heft Nr. 53 0

»Schon lange vermutet, dass was im Busch ist«

Stell dir vor, drei Professoren gehen in den Ruhestand, und kein Nachfolger kommt! Für die Medien- und Kommunikationswissenschaften wird das ab kommendem Wintersemester bittere Wahrheit. Gerhard Lampe, Professor im Department für Medien und Kommunikation, spricht im Interview über die verwaisten Stellen seines Instituts und bemerkenswerte historische Parallelen zu 1933.

Es bedurfte keiner Einstiegsfrage, um den Gesprächstrieb von Professor Lampe zu entfachen:

Möglicherweise wird es das zweite Mal sein, dass ein Rektorat ein Institut für Medienwissenschaft schließt, denn 1933 ist das Institut für Zeitungswissenschaft, gegründet in den zwanziger Jahren, im Zuge der sogenannten Wiederherstellung des Berufsbeamtentums abgeschafft worden.

Kann man dann sagen, dass Sie zur heutigen Zeit Parallelen sehen?

Es ist sicher keine historische Parallele, aber man muss sich das einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, dass die zweite Gründung eines medienwissenschaftlichen Instituts, aus anderen Gründen als 1933, eliminiert werden soll. Und das allein ist bemerkenswert. Der Rektor hat geäußert, man könne uns abschaffen, weil wir ja nicht so in die Universität inte­griert seien wie vielleicht andere Fächer. Die alte Tradition, die wir hätten haben können, die ist durch die Nazis unterbunden worden.

Der Rektor soll gesagt haben, dass das Institut nicht integriert sei. Sie aber sagen »Wir sind integriert«?

So eine Aussage, die ich aber auch nur aus der Zeitung kenne und nicht vom Rektor persönlich, ist absurd. Wenn diese Aussage so getan worden ist, dann zeigt sie, dass der Rektor sich nicht auskennt innerhalb dieser Universität. Unser Institut oder Departement ist von Anfang an verbunden gewesen mit ganz vielen anderen Instituten. Wir haben Ende der neunziger Jahre mit »Neue Medien in der Medizin« zusammengearbeitet, preisgekrönte CDs über Hüfttransplantationen hergestellt, in Kooperation mit der Burg Hüftgelenke animiert. Statistiken, Operationsmethoden, Operationen selber auf CD gebracht.
Selbstverständlich haben wir mit der Burg kooperiert! Und es gab sehr viele Projekte innerhalb der Universität mit anderen Fächern, zum Beispiel mit der Archäologie.
Also, zu sagen, wir seien nicht in die Universität vernetzt, zeugt nur von mangelnder Kenntnis.

Wie haben Sie generell auf den Antrag des Rektorats reagiert, Ihre Stelle nicht neu zu besetzen?

Der Rektor hat den geschäftsführenden Direktor Kammer darüber informiert, in einem Gespräch, dass sie die Absicht haben, als Rektorat dem Senat folgenden Beschluss vorzulegen, dass man auf die Immatrikulation neuer Studierenden im Wintersemester verzichten möge. Der Senat muss sich diesen Antrag erst mal anhören.
(Anm. d. Red.: Im Senat fand sich keine Mehrheit für einen Immatrikulations-Stopp ab dem kommenden Wintersemester.)

Wie haben Sie von den Plänen erfahren, waren Sie überrascht?

Ich habe durch den Bericht des Kollegen Kammer davon erfahren. Es hatte sich ja schon so abgezeichnet. Vor zwei Jahren hat dieser Rektor schon mal davon geredet, dass er die Medien- und Kommunikationswissenschaft abschaffen wollte, in einer öffentlichen Senatssitzung. Also, wir haben schon lange vermutet, dass da was im Busch ist. Aber er hat bis jetzt auch nicht das direkte Gespräch mit uns gesucht. Und so mussten wir an die Öffentlichkeit gehen und haben eine Presseerklärung zu dieser Sachlage verbreitet. Und daraufhin hat es ja einen ziemlichen Sturm gegeben. Sehr viele Leute aus Politik und Wirtschaft haben sich dazu geäußert. Ich kann die Meinungen nur wiedergeben: Dem Rektorat wurde Stümperei vorgeworfen. Punkt.

Sind Sie denn auch auf den Rektor selbst zugegangen?

Wir haben mehrere Eingaben gemacht. Es gibt auch ein alternatives Papier, das hat aber bis jetzt noch nicht einmal der Dekan zur Kenntnis genommen. Wir haben vor einem Jahr im Team ein Konzept beschlossen, was uns noch stärker in die Brückenfunktion bringen soll zwischen Medienwissenschaft und Medienwirtschaft. Und das war ja der Grund meiner Berufung.

Das Problem wäre, dass keiner auf Ihrer Arbeit aufbauen könnte, wenn Sie gehen?

So ist es. Wenn es einmal zerstört ist, braucht es Jahre, bis es wieder aufgebaut ist. Wer soll das denn hier machen? Ich möchte es mal zugespitzt so formulieren, wie es mir einer aus der Medienwirtschaft vor ein paar Tagen gesagt hat: »Wir brauchen nicht Theologen, wir brauchen Technologen!« Also Technologen, das heißt wissenschaftlich ausgebildete Leute, die sich mit den modernen Technologien der Kommunikation, mit neuen und alten Medien, audiovisuellen Medien, auskennen. Und so viele Leute sitzen in allen Institutionen, bei allen Firmen hier im Land, in der Stadt, die bei mir gelernt haben, hier in einem dieser Departments ausgebildet worden sind. Angefangen von der mitteldeutschen Medienförderung bis hin zu den wirklich etablierten Firmen, der Wirtschaftsförderung. Alle profitieren und haben profitiert.

Es steckt also sehr viel geistige Infrastruktur in Halle?

Das war ja die Grundidee, die Mitte der neunziger Jahre die Staatskanzlei des Landes entwickelt hat: eben diese Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im Bereich der Medien aufzubauen. In Halle die Medienwirtschaft anzusiedeln, das waren ja Infrastrukturmaßnahmen wirtschaftlicher Art. Und die wurden koordiniert mit der Hochschulpolitik. Und jetzt kommt ein Rektorat daher und kappt diese wichtige Verbindung, die seit 20 Jahren vom Land, von Steuergeldern, von uns allen bezahlt worden ist. Kappt ohne Sinn und Verstand!

Der Grundtenor des Ministeriums heißt ja: »Wir müssen sparen«. Die Anweisung ans Rektorat war dann »Macht mal!«?

Also, das Ministerium sagt: Wir halten uns da raus, wir sind da neutral. Die Universität muss das entscheiden! Was aber auch irgendwie feige ist. Das Ministerium hat ja schließlich die Wissenschaftsratsgutachten in Auftrag gegeben, und die fallen für unser Department ja ganz hervorragend aus. Mit der Empfehlung, diese Brücke weiter auszubauen. Ein Konzeptpapier, was Minister Möllring seit einem halben Jahr immer ankündigt, steht noch im Raum. Und das muss man noch abwarten, darin wird dann eine Empfehlung formuliert werden, fürs ganze Land, die unter anderem mit Medien befassten Studiengängen so zu organisieren und so abzustimmen, dass keine Doubletten entstehen. Aber, wie ich die Situation überblicke, sind wir ziemlich singulär für diese Region und für diese Stadt.

Welche Art Aktion oder Reaktion wünschen Sie sich vom Rektor, vom Rektorat? Wünschen Sie sich eine Richtung?

Ich wünsche mir vom Rektorat ein Gespräch mit dem Vorstand dieses Departments und mit dem Team, und dass sie endlich die Papiere zur Kenntnis nehmen, die wir erarbeitet haben, die unser Konzept, auch unsere Leistungsbilanz objektiv spiegeln. Und nicht irgendwelche Meinungen, die da kursieren, zur Grundlage von Entscheidungen machen. Es muss ein vertrauensvolles Gespräch sein. Ein Gespräch, das auf Fakten basiert und nicht einfach auf der biologischen Tatsache, dass drei Kollegen in Rente gehen.

Und das hat seit zwei Jahren Kürzungs-Hickhack nie stattgefunden?

Das hat nie stattgefunden. Dieses Rektorat macht nichts. Und nur wer nichts macht, macht nichts verkehrt (lächelt).

Wie sieht die gleiche Frage gemünzt auf die Landespolitik aus? Auf die Hochschulpolitik?

Das Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft verhält sich im Moment neutral. Und sagt, diese Geschichte, ob man die Medienwissenschaft kappen will, oder nicht, ist erst einmal eine inneruniversitäre Frage. Das ist die eine Position. Die Staatskanzlei baut aber sehr darauf, die ist ja traditionell mit der Entwicklung der Medien in den Bundesländern beschäftigt, dass wir weiter ausgebaut werden, dass wir eine Zukunft haben, weil wir eben eine ganz starke Verbindung in diesen Kräften zwischen regionaler Wirtschaft und dem Medienstandort Halle und den Ausbildungskapazitäten darstellen. Wir sind sozusagen ein wichtiger Baustein im Gesamtkonzept der Staatskanzlei. Und ich denke, gerade der Wissenschafts- und Wirtschaftsminister kann sich diesem Argument schlecht verschließen. Es ist sozusagen die Grundlage der Tätigkeit seines Doppelministeriums.

Sie heben hervor, dass die Medienwissenschaften an der Uni gebraucht werden. Wie gehen Sie dann mit der Tendenz um, dass dann andere Fakultäten geschlossen werden müssten, die auch in ihrer Lage stecken? Viele Nebenfächer stehen auch auf der »Streichliste«.

Also wir sind auf der Streichliste, weil drei Kollegen zufälligerweise jetzt in den Ruhestand gehen. Also nicht ein Konzept, nicht strukturelle Überlegungen sind der Grund dafür, dass man uns abwickeln will, sondern einfach eine biologische Zufälligkeit. Aber das Problem besteht natürlich. Wir müssen langfristig sparen, aber kurzfristig müssen wir es nicht! Da stellt sich das Rektorat, finde ich, ungeschickt an. Wir müssen sicher nach 2018/19/20 stärker sparen, aber bis dahin sollten wir konzeptionell das Optimum herausholen.
Wir werden nachgefragt, nach wie vor, ganz kräftig. Wir haben den geringsten Schwund an Studierenden. Die, die anfangen, kommen auch zu einem Ende. Und sie finden Jobs. Ob man so etwas aufs Spiel setzen will, da muss man doch mit dem Klammerbeutel gepudert worden sein!

Interview: Matthias Woelki
Matthias schreibt für die Zeitschrift »Hallesche Störung«.
Auf hallesche-stoerung.de steht eine ausführlichere
Version dieses Interviews.

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 28.04. 2014 | Bearbeitet: 29.04. 2014 22:55