Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Reif für die Insel?

Friederike und Nobert sind Lehramtsstudenten an der MLU und waren acht Monate in England für den Pädagogischen Austauschdienst als Fremdsprachenassistenten an Schulen tätig.

Foto: Norbert Herbstreit

Foto: Norbert Herbstreit

Maidstone Grammar School

Es war zehn Minuten vor zwei, als ich den langen Korridor zum Lehrerzimmer durchschritt. Das Meer der Schüler teilte sich vor mir wie von selbst. Es waren der Anzug und der Ausweis, der in einer Plastikhülle von meinem Gürtel baumelte und mit jedem schnellen Schritt gegen mein Bein schlug. Insignien der Macht, Insignien, die aus einem Studenten im Ausland einen Lehrer an einer britischen Grammar School machten.

Im Lehrerzimmer angekommen verstaute ich die Utensilien eines Vormittages im Kampf für die Grammatik und rückte im Spiegel nervös meine Krawatte zurecht. Der Job als Lehrer, das hatte ich in sechs Monaten an einer britischen Schule gelernt, war nicht nur ein Teil Pädagoge, ein Teil Experte, ein Teil Didaktiker und ein Teil Psychologe. Er war vor allem auch ein Teil Schauspieler und ich hatte noch genau sieben Minuten und den Weg bis zum Dramakabinett Zeit, um die Gelassenheit in Person zu werden.

Das Dramakabinett

Dabei hatte es, wie es so schön heißt, so harmlos angefangen. An einem ungewöhnlich sonnigen Oktobermorgen fand ich mich im Sekretariat der 500 Jahre alten Maidstone Grammar School wieder. Mein Auftrag sollte es sein, den Schülern die Feinheiten der deutschen Sprache näher zu bringen und ihnen ein Fenster zur Kultur meines Landes zu öffnen. Dabei überraschte es mich vor allem, wie schnell mir die Oberstufe ans Herz wuchs und wie mich das außergewöhnliche Gemeinschaftsgefühl der Schule mitriss, sodass ich anstatt der geplanten zwölf Stunden pro Woche häufig den ganzen Tag im Schulgebäude verbrachte, während ich an den Wochenenden mit Friederike und den anderen Fremdsprachenassistenten in der Weltgeschichte herumreiste.

Für den Moment war jedoch der Theaterraum mein einziges Reiseziel. Dort warteten Schüler auf mich, die noch um einiges nervöser waren und die ich kurzerhand in ein Kooperationsprojekt mit den deutschstämmigen Schülern einer lokalen Internatsschule gesteckt hatte. Das Projekt hatte sich aus einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Schulen entwickelt, und ich wurde damit beauftragt, beide Schülergruppen in ein Rollenspiel einzubinden, das die sprachlichen Fähigkeiten und den kulturellen Austausch fördern sollte. Die Schüler sollten in verteilten Rollen verschiedene Szenen vorspielen und für 90 Minuten ausschließlich auf Deutsch kommunizieren. Leichter gesagt als getan. Für meine Jungs und mich begann so der lange Marsch von Schülern, die bisher hauptsächlich Frontalunterricht gewöhnt waren, zu solchen, die vor Gästen ein Rollenspiel durchführen konnten.

Als ich nun letztendlich mein Ziel erreichte und die Tür des Dramakabinettes mir den Blick in den Raum freigab, sah ich sicherlich nervöse Schüler, die gerne weit, weit weg gewesen wären, aber vor allem sah ich Schüler, die trotz allem hier waren, Schüler, die mir vertrauten und, ja, Schüler denen ich vertraute. Nach wochenlanger Planung und Vorbereitung waren mir die Zügel nun aus der Hand genommen, und es lag an den Schülern zu beweisen, wie viel sie gelernt hatten. Von der Seitenlinie aus verfolgte ich, wie sich ein Erfolg entfaltete, der noch lange ein Schulgespräch an beiden Schulen sein würde. Ein Erfolg, der jede Schweißperle wert gewesen war.

Text: Norbert Herbstreit

Eilean Donan Castle in Schottland. Foto: Friederike Minsel

Eilean Donan Castle in Schottland. Foto: Friederike Minsel

Derby High School

Während Norbert ein Sprachen-Projekt anging, hatte ich an der Derby High School eine etwas andere Art von Kooperationsprojekt in Angriff genommen. Vorweg gesagt: Es führte mich zur Herstellung gefühlter 50 Eierkuchen anlässlich des nationalen Pancake-Days, zu den wohl gemütlichsten Tearooms der Insel und zu der Erkenntnis, niemals mit einem spanischen Familienmenschen gleichzeitig nach Hause skypen zu wollen, solange man sich im selben Raum befindet.

Denn wo andere Fremdsprachenassistenten bei gastfreundlichen privaten Vermietern oder in englischen WGs unterkamen, wagte ich ein kleines Experiment und zog kurzentschlossen mit der spanischen Fremdsprachenassistentin meiner Schule zusammen – noch ehe wir uns kennenlernten, sagte sie der kurzfristig entdeckten Wohnung zu. So warf ich alle Bedenken über Bord und fand mich in einer WG wieder, in der es ständig etwas zu tun gab – und lernte, neben ständigen Einflüssen englischer Höflichkeit und britischen Humors, gleich noch ein wenig Spanisch und die den Spaniern ganz eigene Herzlichkeit kennen.

Die selbstgebastelte Entdeckungsreise

Da wir uns glücklicherweise mit der französischen Assistentin ebenso gut verstanden, wurde aus uns Assistentinnen bald ein Dreiergespann, das gemeinsam nicht nur das Lehrerzimmer an der Schule, sondern auch die wichtigsten touristischen Anlaufpunkte Englands unsicher machte (wir wagten uns gar über die Grenze nach Wales). Wir unternahmen, mutigerweise, als gerade der Jahrzehntregen fiel, eine einwöchige, selbstgebastelte Entdeckungsreise in den Südwesten Englands (wo wir die wahrscheinlich schmalsten von Hecken gesäumten Straßen des Landes befuhren). Wir erkundeten altehrwürdige Städte wie Cambridge, Durham oder York und erfreuten uns auf den von Kolleginnen empfohlenen Weihnachtsmärkten in der Umgebung an deutschem Glühwein. Zusammen mit den Reisen, die Norbert und ich unternahmen, konnte ich bald in den meisten Teilen Englands, Wales« und Schottlands meine Häkchen setzen. Das wurde uns durch die doch großzügige Bezahlung unserer Arbeit an der Schule ermöglicht, durch die wir neben den Lebenskosten auch noch die Reisekasse gut bewältigen konnten. Aber auch, da die Schule, an der ich arbeitete, unser Basislager in Derby war und wunderbar zentral inmitten der idyllischen Midlands lag.

Mit ein wenig Glück und einer Menge Aufgeschlossenheit für Neues wurde so aus dem »Lehraufenthalt« eine Zeit voller Entdeckungen auf dieser herrlichen Insel, in denen sich nicht nur Englisch-, sondern auch Französisch- und Spanischkenntnisse vertiefen ließen; und statt nur der englischen, konnte man noch gleich von Ferne mit Einheimischen zwei andere europäische Kulturen ertasten. Wir mögen so unsere Unterschiede haben, aber liebenswert sind sie doch alle. Nach acht Monaten kann ich auch sagen: Ja, selbst wenn sie manchmal etwas speziell erscheinen, auch die Briten.

Text: Friederike Minsel

Was macht der PAD?

Der Pädagogische Austauschdienst (PAD) organisiert in Deutschland internationale Austauschprojekte im Schulbereich. Jedes Jahr ermöglicht er Studierenden, als Fremdsprachen­assistenten an Schulen im Ausland zu arbeiten. Obwohl sich das Programm in erste Linie an Lehramtsstudenten richtet, ist die Teilnahme auch für Studierende anderer Fachbereiche offen, solange sie die nötigen Sprachkenntnisse vorweisen können. Die Assistenten unterstützen die ansässigen Sprachlehrer bei der Vermittlung praktischer Sprachkompetenzen und ermöglichen den Schülern einen Einblick in die Kultur ihres Heimatlandes. Neben einem Einblick in das landesspezifische Schulwesen und der Möglichkeit, kulturelle und sprachliche Kenntnisse zu vertiefen, erhalten Teilnehmer einen Unterhaltszuschuss, mit dem es sich in der Regel gut leben lässt. Mögliche Gastländer sind neben Großbritannien Australien, Belgien, China, Frankreich, Irland, Italien, Kanada, Mexiko, Neuseeland, die Schweiz, Spanien und die USA.
 
 

Über Friederike Minsel

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Erstellt: 28.12. 2014 | Bearbeitet: 21.12. 2014 00:18