Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Rammstein trifft Michael Ende

Warum die Inszenierung von »Der Spiegel im Spiegel« im Neuen Theater sowohl modern als auch anregend daherkommt

Foto: Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Foto: Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Am Ende also noch Rammstein. Zum Song »Mutter« tanzen alle Schauspieler entrückt und zugleich rhythmisch, die Szenerie wird abgedunkelt, es raucht und ist laut. Ein Richter verspeist blutverschmiert eine Leiche. Die bleich geschminkten Gesichter der Darsteller wirken jetzt noch einmal besonders unwirklich. Werden nun auch noch die beiden Engel, die bisher nahezu bewegungslos das Bühnenbild rahmten, aktiv?

Willkommen in der dritten Inszenierung von Jo Fabian am Neuen Theater in Halle. Sie ist besonders und zeigt eindrucksvoll, dass ein Theaterabend nicht unbedingt nur klassisch verlaufen muss. Bisher gab es von Fabian in Halle »Die Weber« und »Das Leben des Galilei« zu sehen. Modernen, aber am Ende doch klassischen Theaterstoff. Mit der Adaption von Michael Endes Geschichtensammlung »Der Spiegel im Spiegel« beschreitet er jetzt unbekannteres Terrain. Durchaus eine mutige und ungewöhnliche Auswahl, die auch die Gefahr des Scheiterns nicht ausschließt. Das Original »Der Spiegel im Spiegel« besteht aus mehreren Kurzgeschichten, die alle auf die surrealistischen Gemälde von Michael Endes Vater Bezug nehmen. Im Buch noch einzeln stehend, sind sie in der Inszenierung jetzt verbunden. Rahmenhandlung ist ein Prozess bestehend aus Richter – mit toller Mimik und Komik verkörpert von Hilmar Eichhorn –, Ankläger, Verteidiger, sowie Justiziars. Letztere übernehmen im Laufe der Handlung verschiedene Rollen vom Zeugen bis zum Täter.

Am Anfang des Prozesses steht zunächst die Frage: »Was denken Sie, befinden Sie sich im Traum oder sind Sie wach?« Während der Zuschauer die Frage mit »Traum« beantworten würde, halten die Darsteller sich allesamt für wach. Das Traummotiv zieht sich dann durch die gesamte Inszenierung. Immer wieder geht es darum, was im Traum möglich oder auch erlaubt ist.

Über den Prozess als Rahmenhandlung zitieren die Handelnden verschiedene Erzählungen von Endes Original. Verändert sich die Szenerie und eine andere Geschichte, wird adaptiert, wird statt des außerordentlich gelungenen, aufwendig konstruierten Bühnenbilds die Rollenverteilung der Darsteller verändert. So kommt es beispielsweise vor, dass zu verschiedenen Zeiten der Richter auch Täter und Angeklagter ist.

Foto: Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Foto: Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Michael Endes Kurzgeschichten sind durchaus ernst: In Fabians Inszenierung zeigt sich das etwa an der Tragik des wartenden Tänzers. Als Zeuge aufgerufen, schildert er seine eigene hoffnungslose Situation: Er wartet vor einem Vorhang darauf, dass dieser sich öffnet, um vor Publikum tanzen zu können. Doch der Vorhang bleibt geschlossen. Von der Stelle rühren aber kann er sich nicht, jeden Moment könnte sich der Vorhang ja öffnen. Über seine Situation wird der Tänzer verrückt. Eine ganz eigene Tragik: auf den ersten Blick witzig und dann anrührend. Im Stück wird aus diesem Tänzer dann später ein Angeklagter. Warum dieser Wechsel geschieht, kann man verschieden beurteilen, doch hier handelt es sich um experimentelles, surrealistisches Theater, wo auch einiges unklar bleiben darf und soll.

Solches Theater wird wohl nicht jeden Geschmack treffen, doch es ist kurzweilig, unterhaltsam, vielseitig und vor allem anregend. Über viele Szenen kann man unterschiedlich und unter verschiedenen Gesichtspunkten nachdenken. Dies ist die größte Stärke des Stücks. Geschont wird der Zuschauer hier weder gedanklich noch visuell: Das Verspeisen eines Ungeborenen durch den Richter ist zentral auf der Bühne zu sehen. Bezug wird auf eine Geschichte Michael Endes genommen, in der es darum geht, ob die mögliche spätere Tat eines Ungeborenen erlaubt, diesem die Geburt zu verwehren. Generell ist der Stoff – schon im Original kein Kinderbuch – durchaus gewalttätig: auch Blut, Vergewaltigung und Mord kommen vor.

Die ständigen Rollenwechsel fordern den Schauspielern einiges ab. Der Mixtur aus Schauspielstudenten aus dem Studio, Gastspielern und jenen aus dem Ensemble gelingt das gut. Auf der Bühne ist stets überall Aktivität, und vor allem auf die ausdrucksstarken Gesichtszüge scheint Fabian Wert gelegt zu haben. Neben dem schon erwähnten Eichhorn ist hier auch Danne Suckel, die ihrer Rolle als Verteidiger(in) auch eine ironische Note verleiht, sehr überzeugend.

Erlebt werden kann mit Fabians Interpretation von »Der Spiegel im Spiegel « ein Theaterabend der etwas anderen Art. Das Stück fordert heraus, lässt vieles offen für Interpretationen, weiß aber auch mit Situationskomik zu unterhalten.

  • Weitere Vorstellungen: 16. Januar, 31. Januar, 1. Februar, 27. Februar 2015, jeweils um 19.30 Uhr
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Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 10.12. 2014 | Bearbeitet: 16.12. 2014 14:28