Mai 2014 hastuPAUSE Nr. 54 0

Neulich im Zug

Auf der Fahrt in der S-Bahn zwischen Halle und Leipzig lässt sich einiges beobachten. Erlebnisse aus dem Pendleralltag.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Derselbe Weg wie jeden Morgen: zum Bahnhof, hinunter in den neuen Leipziger City-Tunnel. Etwas verschlafen erreiche ich das Ende der Rolltreppe. Dort schaut mich ein Mann am Fahrkartenautomaten fragend an, neben uns fährt ein Zug ein. Er wirkt sehr unruhig und spricht nur gebrochen Deutsch. Ich sage ihm, dass er ruhig seinem Zug hinterherrennen und auch beim Schaffner ein Ticket lösen kann. Erst dann bemerke ich, dass er schon Geld in den Automaten gesteckt hat. Ich drücke auf Abbrechen und renne ihm mit seinem 20-Euro-Schein hinterher, erreiche ihn noch, bevor er in den Zug steigt. Dankbar nimmt er sein Geld, doch Zeit, mich zu erklären, bleibt mir nicht. Außer Atem bleibe ich am Bahnsteig zurück, warte auf den Zug nach Halle.

Solche kleinen Episoden im Pendleralltag durchbrechen den üblichen Trott. Im Zug oder bereits am Bahnsteig trifft man auf alle möglichen Menschen. Man verbringt zusammen eine Fahrt lang auf beschränktem Raum. Das läuft nicht immer harmonisch ab. Wie neulich, als jemand das Zugpublikum die gesamte Fahrt von Halle nach Leipzig beglückte, indem er die Lieder von seinem MP3-Player voller Freude laut mitsang. Etwas verwundert war er über die Reaktionen seiner Mitreisenden.

Bei Störungen anderer Art arbeitet kräftig das Kopfkino, wenn die Ansage kommt: »Verzögerung im Betriebsablauf«. Das kann heißen: Probleme mit dem Stellwerk, ein anderer Zug blockiert den Fahrweg oder ein Fahrgast benötigt medizinische Hilfe. Kann aber auch heißen: jemand wollte sich von seinem Leben trennen und ist vor einen Zug gesprungen. Der Zugführer muss betreut werden, und alle Unwissenden warten, bis die Polizei alles überprüft hat, der Leichnam abtransportiert und der Tatort bereinigt wurde. Insgeheim hofft man, dass dieses Szenario nicht eingetreten ist, und man weiß nicht recht, ob man sich jetzt darüber ärgern sollte, dass man zu spät kommt.
Ganz anderer Natur war die überraschende Nachricht, als im August letzten Jahres ein Kind in der S-Bahn zwischen Leipzig und Halle zur Welt kam. Seine Mutter schaffte es nicht rechtzeitig ins hallische St.-Elisabeth-Krankenhaus, die Geburt verlief während der Fahrt unter Hilfe zweier Mitreisender.

Mit Verspätungen muss man als Pendler rechnen, und eigentlich hatte ich bisher nie Probleme, obwohl ich so manchen Winter gebangt hatte. Doch letztes Semester trat dann genau das ein, wovor ich sonst immer verschont blieb, und das ausgerechnet zur Prüfungszeit. An dem Tag war die Präsentation einer Gruppenarbeit vorgesehen. Gleich an der
S-Bahn-Station in Leipzig heißt es: kein Zug fährt zwischen Leipzig und Halle. Angezeigt wird ein Schienenersatzverkehr, der binnen fünf Minuten abfahren soll, also nichts wie hin.

Dort stehe ich nun, gemeinsam mit anderen Ratlosen. Ich lerne einen nett dreinschauenden Nigerianer kennen, Chamberlin heißt er. Er spreche kaum Deutsch und studiere Biochemie in Halle, erzählt er mir auf Englisch. Nach einer Stunde kommt nun endlich der SEV-Bus und bringt uns nach Schkeuditz, von wo aus der Zug fahren soll. Dort angekommen schauen wir als erstes auf den Fahrplan und warten. Doch jedes Mal, wenn ein Zug kommen soll, wird angezeigt, dass er ausfällt. Jedes Mal aufs Neue die Hoffnung, dass ich doch noch rechtzeitig zur Prüfung in Halle ankomme. Stattdessen fahren nur Züge in der Gegenrichtung nach Leipzig.

Es ist ungewiss, wann denn nun wieder etwas nach Halle fährt. Ich kann nicht einmal meiner Gruppe sagen, wann ich ankomme. Sie schaffen es, die Prüfung um eine Stunde aufzuschieben. Doch auch dieser Termin ist immer weniger zu halten. Mittlerweile friere ich stark, innerhalb von drei Stunden habe ich es nicht geschafft, nach Halle zu kommen. Zum Überfluss geht auch noch mein Handy aus. Doch da ist die ganze Zeit Chamberlin, der mich vor dem Verzweifeln bewahrt. Er erzählt mir, was für ihn in Deutschland alles neu sei und was er vermisst. Was er alles in seinem Studium lernt und was er nach Afrika mitnehmen möchte, um dort zu helfen. Er leiht mir sein Handy, damit ich wenigstens meine SIM-Karte nutzen kann. Ich telefoniere mit meiner Gruppe, wir beschließen, dass ich besser nach Hause fahre. In der S-Bahn nach Leipzig erfahre ich dann, dass ein Zug entgleist war. Dank verständnisvoller Prüfer konnten wir unsere Präsentation eine Woche später erfolgreich halten. Ein weiteres Erlebnis reiht sich damit in meine Erinnerung, und eine interessante Begegnung bereicherte meinen Alltag.

Über Isabell Bergner

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Erstellt: 19.05. 2014 | Bearbeitet: 17.06. 2014 17:24