Mai 2014 hastuPAUSE Nr. 53 0

Mitlesen, zuhören und inspirieren lassen

»Halle liest mit« – ein Lesefest in Halle

Foto: Enrico Seppelt (Hallespektrum)

Foto: Enrico Seppelt (Hallespektrum)

Die Dielen knarren, als die letzten Zuhörer auf den schmalen Bänken Platz nehmen und ihre Aufmerksamkeit auf den Mann richten, welcher im Zentrum des alten Hörsaals vor einem aufgeschlagenen Buch sitzt und darüber sinniert, dass genau hier vor über 50 Jahren seine Medizinlaufbahn begann. Bei dem Mann handelt es sich jedoch nicht um einen Dozenten, und in den Reihen des historischen Hörsaals des Institutes für Anatomie sitzen nicht ausschließlich Studenten, denn statt einer Vorlesung findet hier eine Buchlesung statt.

Der Autor Hans-Joachim Maaz stellte in einer Premierelesung sein Buch »Hilfe! Psychotherapie – Wie sie funktioniert und was sie leistet« vor. Von diesem Buch kann man einiges erwarten, schließlich war der Autor als ehemaliger Chefarzt in der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle tätig. In seinem neuesten Buch hat Maaz sein Wissen und Verständnis der Psychotherapie aus über 40 Jahren praktischer Erfahrung zusammengetragen und zu einem Leitfaden für die Praxis geformt. Frei und locker erzählte der Autor über sein Werk und entlockte seinem Publikum mit Wortwitz und Ehrlichkeit auch mal ein Lachen. Fast poetisch wurde erklärt, was Psychotherapie eigentlich ist: die Berührung zweier Seelen. Der zentrale Punkt seien die Beziehungen, so auch die zwischen dem Therapeuten und seinem Patienten. Maaz stellte die verschiedenen Therapieformen und ihr Ursachenverständnis vor, sprach von Fallbeispielen und seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Dabei blieb er stets auf einer Ebene mit seinem Publikum und präsentierte dieses spezielle Fachwissen überaus verständlich.
Nicht nur Maaz brachte sein Buch willigen Zuhörern näher. Im Rahmen des sechstägigen Lesefestes »Halle liest mit«, welches parallel zu »Leipzig liest« und der Buchmesse stattfand, gab es allerlei zu hören und zu lesen. 32 Autoren kamen zu Lesungen und Diskussionen an die unterschiedlichsten Veranstaltungsorte nach Halle. Quer durch alle Genre und Stile war für jeden etwas dabei. Der Bezug zu Halle durfte natürlich nicht fehlen. Auch die Autorin Anke Domscheit-Berg zog immer wieder Verbindungen von ihrem Buch zur Veranstaltungsstadt.

Mit Witz und Charme stellte Domscheit-Berg im Melanchthonianum ihr Werk »Mauern einreißen! Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können« vor. Sie berichtete von den verschiedenen Mauern, die ihr bisher begegnet sind und warum man alles tun sollte, um diese niederzureißen. Real oder virtuell, gesellschaftlich oder politisch – in diesem Buch geht es nicht nur um die DDR und den Mauerfall, sondern auch um Geschlechtergerechtigkeit und Datenschutz. So locker es auch geschrieben sein mag, dieses Buch gibt die kritische Perspektive einer Frau wieder, die in der DDR eine politisch aktive Studentin war, als Direktorin bei Microsoft gearbeitet hat und heute unter anderem Mitglied der Piratenpartei ist. Domscheit-Berg berichtet nicht nur über Fakten, sondern vor allem auch von persönlichen Erfahrungen.

So gab die Autorin Anekdoten aus ihrem Studentenleben zum Besten und erzählte, wie ein Lachanfall zu politischem Fehlverhalten wurde. Weshalb sind erfolgreiche Frauen unsexy, warum arbeiten (fast) keine Frauen bei der Müllabfuhr und auf was für unerwartete Probleme stößt eine Frau mit Karriere bei der Partnersuche auf Elitepartner.de  ? Die Antworten auf diese Fragen finden sich in Domscheit-Bergs Buch, und unter dem lebhaften Schreibstil versteckt sich der Aufruf, sich an die Macht zu erinnern, die jeder von uns hat, und der Ansporn, diese auch zu nutzen.

Text: Anne Günther

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 01.05. 2014 | Bearbeitet: 03.05. 2014 12:18