Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Mit Zug und IAESTE durch Polen

Ein durch IAESTE vermitteltes Praktikum begleitet von unaussprechlichen polnischen Städten, tunesisch-indischen Sichtweisen auf Deutschland und internationaler Unterstützung für das Nationalteam.

Foto: Tobias Hoffmann

Foto: Tobias Hoffmann

Den Sommer kann man durchaus vielfältig verbringen. In der Hotelanlage auf den Balearen, arbeitend für kommende Semesterausgaben, bei den Eltern in der Heimatstadt und in Halle sowieso. Oder man verbringt den Sommer mit einem IAESTE-Praktikum im Ausland.

Letzteres kann zum Beispiel bedeuten, für zwei Monate in ein Studentenwohnheim in Gdańsk (in deutschen Gefilden bekannt als Danzig) zu ziehen und sich dort mit einem Tunesier den Raum zu teilen und Sichtweisen über internationale Konflikte und polnische Küche auszutauschen.

Polen also, irgendwie eine Unbekannte in diesem, meinem persönlichen Europa. Bilder aus Wien, Istanbul oder Paris sind geläufig, aber wie sieht es eigentlich in Warschau aus? Schnell zeigt sich, wie sehr sich das Wissen über unseren Nachbarn doch beschränkt. Eine irgendwie katholische, historisch arg gebeutelte, die A 2 entlangfahrende Nation. So weit zumindest das Klischee. Tatsächlich sind andere Nachbarländer wie Frankreich, Dänemark oder Österreich aus Urlauben und Austauschen irgendwie bekannt, das Land mit 447 km Grenze zu Deutschland ist weitgehend fremd. Ein Land, das nicht sofort vor dem inneren Auge erscheint, wenn man einen Auslandsaufenthalt plant. Und tatsächlich bedurfte es eines Zufalls, an genau diese Stelle zu gelangen. Als im Februar die Unterlagen zusammengesucht werden, ist die eigentliche Bewerbungsfrist längst überschritten. Nur weil ein anderer Interessent abgesprungen war, ergab sich dieses Angebot. Ein ziemlich unbekanntes Land also, von Anfang Juli bis Ende August nach Gdańsk. Aber wo liegt diese nie gehörte Stadt, handelt es sich am Ende um ein Dorf im Nirgendwo? Ein Blick ins Internet bringt Klarheit, es handelt sich um Danzig, eine Stadt voller Historie und obendrein direkt an der Ostsee, mitten im Sommer. Die Entscheidung fällt nicht mehr schwer.

Breslau Foto: Tobias Hoffmann

Breslau

Foto: Tobias Hoffmann

IAESTE vermittelt Praktika auf der ganzen Welt

Normalerweise läuft das Bewerbungsverfahren allerdings anders ab. IAESTE ist eine internationale Stiftung, die mehr oder weniger bezahlte Praktika für Studenten mit naturwissenschaftlichem Hintergrund in Universitäten und Firmen vermittelt. Dem Bewerber wird daraufhin ein Angebot bereitet, dieser kann sich bewerben und nach Zusage um Reiseimpfungen und Visa kümmern. Für ein Praktikum in Polen ist beides natürlich nicht erforderlich.

Ende Juni, ein paar Monate später steige ich also begleitet von einer erfolgreichen Vorrunde der deutschen Nationalmannschaft in einen ICE in Richtung Berlin. Von dort geht es mit dem einmal täglich verkehrenden EuroCity nach Gdańsk. Während sich der Zug in den kommenden Wochen als bevorzugtes Fortbewegungsmittel durch Polen erweisen wird, wird das Nationalteam einerseits einen Türöffner zu überraschenden Sichtweisen anderer Nationalitäten auf Deutschland bilden und andererseits die Abendgestaltung der ersten Wochen maßgeblich beeinflussen.

Favoritenwanken, ein 7:1 und ein Abseitstor

Spät abends komme ich im Regen, viel zu schwer bepackt für nur zwei Monate, im Wohnheim in Gdańsk an. Das Dorm ist dann ein kleiner Schock, richtig erwartet hatte ich nichts, aber dass es zwischen den drei Betten keine Wände gibt, ist dann doch eine Überraschung. Auch mit der Sauberkeit allgemein und speziell des anderen Bewohners ist es nicht allzu weit gediehen. Gut, dass einen Tag später mit Sami ein weiterer IAESTE-Praktikant ins selbe Zimmer zieht, mit dem zusammen man eine Woche später einen anderen Raum wählen kann.

Aber zunächst steht das Achtelfinale gegen Algerien an. Das Gute an einer WM ist, dass sich alle Nationen und auch die nicht allzu fußballbegeisterten Menschen zusammenfinden. So schauen wir alle zusammen, Inder, Mazedonierinnen, Polen, der Tunesier Sami und ich, gemeinsam in einer Studentenkneipe das Spiel. Neben dem polnischen Bier, das in seiner Vielfalt sehr zu gefallen weiß, kann man auch interessante Verbrüderungsgefühle von Sami zu den Algeriern beobachten. Besonders später, als immer klarer wird, als welch harter Gegner sich die Nord­afrikaner erweisen. Während man sich als eigentlich nicht sonderlich großer Fan der Nationalmannschaft nun im Ausland beim knappen Spielstand doch dabei ertappt, mit dem deutschen Team mitzufiebern, kommen auch andere Gedanken auf. Wie verhält man sich eigentlich in Polen als Deutscher, wenn es um Dinge wie die Nationalmannschaft geht? Historisch ist ja einiges vorgefallen, um es mal harmlos zu sagen. Während des ganzen Praktikums spüre ich aber keine Ablehnung, etwas distanziertere Meinungen hier und da zwar schon, aber in keiner Weise ein Vergleich mit der offenen Ablehnung Russlands, die überall spürbar ist. Gejubelt werden darf also, als Deutschland das 2:1 erzielt.

Während der gähnenden Langeweile des Frankreich-Spiels ergibt sich dann die Möglichkeit, ein bisschen über die Wirkung Deutschlands im Ausland zu sprechen. Für Pritvish, einen in den USA studierenden indischen Ingenieursstudenten, ein Land voller Innovation und Fortschritt, dem er große Bewunderung zumisst. Überhaupt überraschend, wie beliebt alles Deutsche international ist. Da wird stolz den Verwandten vom deutschen Freund berichtet oder es kommt heraus, dass in Mazedonien und Kroatien nach Englisch durchaus Deutsch gelernt wird. Ein 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien ist der generellen Bewunderung dann auch nicht abträglich. Dennoch bin ich einer der Verlierer des Abends, habe ich doch gewettet, dass Oscar gegen Manuel Neuer kein Tor schießen wird. So generiert sich aus dem einzigen, sinnlosen Tor der Brasilianer eine Wettschuld.

Das Finale wird dann zum besten Beispiel menschlicher Psychologie. Was soll man tun, wenn sich mit einem Mal alle Augenpaare zu einem, dem einzigen Deutschen im Raum, umwenden, außer sich lauthals freuen, dass das Tor der Argentinier da gerade Abseits war? Götzes Siegestor wird dann hallisch-polnisch zunächst mit einer Runde polnischem Wodka begossen. Die ordnungsgemäße Siegesfeier aber gibt es zurück im Dorm, mit mitgebrachtem Pfeffi aus Halle zelebriert, der auch international – ein wenig überraschend – Anklang findet.

Warschau Foto: Tobias Hoffmann

Warschau

Foto: Tobias Hoffmann

Gdańsk: Kneipen, Strand, Party, Kriegsbeginn

In den Gdańsker Kneipen werden dagegen vornehmlich Bier und der allgegenwärtige Wodka getrunken. Die Kneipenmeile
in der Altstadt ist vielfältig und gut besucht, das muss sie auch, denn der Alkoholgenuss ist in ganz Polen auf öffentlichen Plätzen verboten. Das Weg-Bier ist hier dank drastischer Geldstrafen kein Thema. Die Problematik geht so weit, dass sich befreundete Polen auf einem Berlin-Besuch mit einer Flasche in der Hand vor zwei Polizeibeamten fotografieren lassen und die Aufnahmen stolz herumzeigen. Die Altstadt in Gdańsk ist komplett restauriert und weiß in ihrer kaufmännischen Pracht zu bewundern. Interessanterweise war nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt, wie so viele andere in Polen, komplett zerstört. Dank Fotoaufnahmen und Plänen wurde aber die halbe Altstadt exakt so wiederaufgebaut wie vor dem Krieg.

Wenn es abends dann doch etwas mehr Tanzen und weniger flanieren sein soll, bietet sich Sopot an. Hier reiht sich ein Club an den nächsten. Sopot ist eine eigene Stadt, die aber in 15 Minuten mit einem SKM-Zug zu erreichen ist. Gdańsk, Sopot und das noch etwas weiter entfernt liegende Gdynia werden zusammen als Tri-City vermarktet und sind eng verknüpft. Allen gemein ist ihr Meerzugang, sodass man theoretisch am Strand entlang von Gdynia über Sopot nach Gdańsk wandern kann. Der Strand ist ein weiterer sehr angenehmer Nebeneffekt eines Aufenthalts. Es war auch die Ostsee und das berühmte mittelalterliche Bier aus der Region, die das alte Danzig so bedeutend machten und für die prächtigen Fassaden verantwortlich waren. Auch später in der Geschichte stand Danzig im Mittelpunkt, als hier der Zweite Weltkrieg losgetreten wurde. Die Westerplatte, damals ein polnisches Munitionslager und von dem Deutschen Reich angegriffen, ist eine Halbinsel an der Stadtgrenze. Heute ein Ort des Erinnerns an die Verteidiger damals, früher der Ort, an dem der Überfall auf Polen begann. Der Besuch hier ist interessant, vermittelt er doch einen guten Überblick in das heutige stolze Polen und die bewegte Geschichte dieses Landes und auch der Stadt, die damals noch Danzig hieß.

Westerplatte Foto: Tobias Hoffmann

Westerplatte

Foto: Tobias Hoffmann

Eine Party-Tram und 750 000 Menschen

Auch wenn Gdańsk derart viel zu bieten hat, auch andere Städte in Polen haben ihre Reize. Einer der Vorzüge eines IAESTE-Praktikums ist, dass das gastgebende Land beziehungsweise die Local-Committees sogenannte Stadtwochenenden organisieren. Für diese meldet man sich online an, entrichtet einen überschaubaren finanziellen Beitrag und hat dafür die Unterkunft in einem Studentenwohnheim, diverse Führungen und Spiele und auch teilweise die Verpflegung gebucht. Mich zog es daher etwa nach Pozńan (deutsch: Posen). Neben italienisch anmutendem Marktplatz und dem Flair einer modernen Studentenstadt kann Pozńan auch noch mit dem besten Hamburger aufwarten, den ich in diesen zwei Monaten genießen durfte.

Ein klassisches IAESTE-Wochenende folgt einem bestimmten Ablauf. Freitags reisen dutzende internationale Praktikanten aus den umliegenden Städten an, und man begibt sich zum Beispiel gemeinsam in eine leere Straßenbahn, in der laut Musik läuft, getrunken und gefeiert wird. Man lernt sich kennen und spielt später zusammen Bowling. Am Folgetag gibt es eine Art Stadtrallye, in der Kultur und Sehenswürdigkeiten der Stadt gezeigt werden. Nachmittags schließt sich noch ein Museumsbesuch an, bevor es abends erneut tanzbare Musik zum Feiern und Unterhalten gibt. Der Sonntag steht zur freien Verfügung und ist für die Abreise zurück in die Stadt des Praktikums reserviert. Das ist auch nötig, denn Reisen mit der polnischen Bahn ist zwar durchaus komfortabel, aber zeitaufwendig.
Die Züge sind langsamer und halten auch deutlich länger an den verschiedenen Bahnhöfen. Interessant ist hier das Konzept, dass polnische Studenten 50 % vergünstigt reisen, ganz ohne Bahncard. Doch auch für ausländische Gäste ist das Reisen per Bahn sehr preisgünstig. Selbst für weite Strecken, etwa nach Krakau im Süden Polens, zahlt man umgerechnet selten mehr als 25 Euro. Wenn dann in einigen Zügen noch kostenfrei Snacks und Kaffee gereicht werden, fragt man sich endgültig, was bei der Deutschen Bahn eigentlich schief gelaufen ist.

Eine solch weite Strecke führt mich an einem Wochenende wiederum via Bahn auch nach Kostrzyn nahe an die deutsche Grenze. Hier findet jährlich das Woodstock-Festival statt. Kostenfrei und Magnet für in diesem Jahr unglaubliche 750 000 Menschen. Ausgerüstet mit Zelt und Decke trifft sich unsere Gruppe in Szczecin (deutsch: Stettin) mit der dortigen IAESTE-Fraktion und bricht gemeinsam zu unvergesslichen Erlebnissen zwischen Musik, den Auswirkungen derartiger Menschenmassen und dem internationalen Flair der bunt gemischten Gruppe, die noch durch eine Gruppe polnischer Punks erweitert wird.
Szczecin ist auch ein gutes Beispiel für die für deutsche Zungen sehr anspruchsvolle polnische Sprache. Sz wird im Polnischen gesprochen wie das deutsche sch, cz wie tsch und das c vor (und nur vor) dem i ist ein im Deutschen nicht existierender Laut. Ein Tipp: Mit dem deutschen Stettin im Hinterkopf geht es ein wenig leichter. Die nächsten Schwierigkeitsstufen sind Wrocław (Breslau) und Wrzeszcz (Stadtteil in Gdańsk). Natürlich übt sich vieles mit der Zeit und man entwickelt seine eigene Nuschel-Strategie, um den einen oder anderen Aussprachefehler zu vermeiden, doch für mich bleibt die polnische Sprache Großteils ein Mysterium.

Gdańsk  Foto: Tobias Hoffmann

Gdańsk

Foto: Tobias Hoffmann

Praktikant im polnischen Labor

Als Praktikant in einem universitären Labor bietet sich der direkte Vergleich zu deutschen Labors natürlich an, ist aber auch ein bisschen unfair, hat man doch viel mehr verschiedene deutsche Labore und nur ein polnisches gesehen. Das chemische Analytiklabor an der »Politechnika« in Gdańsk, welches ich kennenlernen durfte, zeichnete sich eher durch altmodischen Charme denn moderne Technik aus. Angefangen bei dem liebenswerten Türschild »Laboratorium« und herrlich vielfältigen Glasgeräten ist auch die Struktur hierarchischer als in Deutschland. Professors Ideen werden ausgeführt und nicht etwa zuvor diskutiert. Die Arbeit im Labor ist dennoch angenehm, auch weil es der Betreuung mehr darum geht, einen generellen Überblick über die Methoden zu vermitteln, als ehrgeizige Forschung zu betreiben. Wir sollen Polen und Gdańsk auch kennenlernen und nicht nur arbeiten. Bei einigen anderen Praktikanten, die in einer Firma untergekommen ist, sah das aber durchaus auch anders aus. Das liegt mitunter daran, dass die Firmen mit den Praktikanten auch wirtschaftliche Überlegungen verbinden, die den Universitäten – zumal zur selben Zeit in der Sommerpause – zuweilen abgehen. Trotzdem bekommen wir die technischen Möglichkeiten alle gezeigt und können uns mit den Grundzügen der verschiedenen Chromatographie-Techniken vertraut machen.

Wer Glück hat, dem bleibt nach Beendigung des Praktikums noch eine Woche Zeit, das Land zu erkunden. So machte ich mich mit Begleitung aus Hong Kong noch einmal auf Zugreise durch Polen. Während das moderne und boomende Warschau eiliges Metropolenflair vermittelt, zeigt sich das nicht im Krieg zerstörte Torún mit mittelalterlichem Charme. Besonders an Halle und Leipzig erinnert Wrocław (Breslau). Hier leben bei 600.000 Einwohnern über 100.000 Studenten. Das merkt man der Stadt mit reichem kulturellem Leben auch an. Interessant hier auch das Konzept der Free-Walking-Tours, bei denen junge Touristenführer auf Spendenbasis zu verschiedenen Themen durch die Stadt führen. So erfährt man vom Guide etwa, dass die heutige Generation die Erste in der Stadt ist, die Wrocław als Heimat ansieht. Nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Bevölkerung geflohen oder vertrieben wurde, kamen ebenfalls vertriebene Polen aus allen Teilen des Landes in die völlig zerstörte Stadt und bauten sie wieder auf, auch hier wurde historisch exakt wieder rekonstruiert, sodass der weitläufige Markplatz sehr beeindruckend daherkommt. Den Abschluss der Tour bildet dann Krakau, von wo es im – diesmal nur mäßig komfortablen und gut besuchten – Nachtzug wieder zurück nach Gdańsk geht.

Der letzte Abschnitt dieser so rasant vergangenen zwei Monate trägt sich dann wiederum im Zug zu. Auf dem Weg zurück nach Berlin ist das Abteil gefüllt mit amerikanischen Studentinnen, die gerade ein Semester Weltreise unternehmen. Als unser Zug sich Berlin
nähert, werden sie immer aufgeregter, fragen mich verschiedenste Dinge und möchten diese mir so gut bekannte Stadt so schnell wie möglich sehen, von der sie kaum etwas wissen. Für mich geht es zurück nach Hause, für sie fängt ein neues Abenteuer an.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 31.10. 2014 | Bearbeitet: 01.11. 2014 19:41