Mai 2014 hastuINTERESSE Nr. 54 1

Mimimi

Die »größte Verbrecheruni«, Geheule und unsere lieben Kommilitonen – eine Polemik

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Universitäten sollen bilden und Wissen vermitteln. Dass nun aber Studenten – oft entgegen der eigenen Selbstwahrnehmung – im Bezug auf Bildung und Abstrahieren nicht zwangsläufig zum vordersten Drittel der Gesamtbevölkerung zählen müssen, ist bekannt. Zur Schau gestellt wurde dies zuletzt auf jenen Seiten in den sozialen Netzwerken, die den Ausgang der Abstimmung zum Semesterticket verkündeten. Etwa 66 Prozent sprachen sich für das Ticket aus, doch Gehör verschafften sich zumeist die Unterlegenen. Scharfe und vermeintlich gut durchdachte Vorwürfe an Stura und Kommilitonen erschallten in die Weiten des Internets.

NSA und Quoren

Spontan wollte man Mitleid haben mit jenen Schnüfflern von nah und fern, die den ganzen Schlunz zum Wohle
unseres oder ihres Landes auszuwerten hatten. Da wurden Fachtermini wie »Quorum« eingebracht, andere zeigten wohlfeil auf, weshalb denn der Begriff einer »Zweidrittelmehrheit« der Studierenden falsch gewählt sei, es hätten doch nur 45 Prozent abgestimmt. Es bleibt zu hoffen, dass jene Studenten demnächst derartige Quoren nicht auch bei ähnlichen Wahlbeteiligungen bei Europa- und Kommunalwahl einfordern. Es könnte sonst sein, dass wir ohne Ministerpräsidenten, Stadtrat oder gar Bürgermeister dastehen. Aber bestimmt interessieren sich diese Kommilitonen
überdurchschnittlich für Politik und sind sogar politisch aktiv. Wer sich mit derartigen Feinheiten der Demokratie auskennt, der muss einfach ein engagierter Bürger sein.

Stura und wallender Patriotismus


Zum beliebtesten Angriffsziel einer anderen Gruppe von Studenten war der Stura auserkoren. Dieser habe sehr schlecht informiert, so ein Vorwurf. Das konnte man allerdings durchaus nachvollziehen: Wer besucht schon Studenten-Hot-Spots wie Mensen oder checkt seine Unimails, wo gefühlte Wälder Flyern und unzählige Bytes Onlinespeicher geopfert wurden. Solcherlei Aufwand ist dem Studenten von heute keinesfalls zuzumuten.

Außerdem, so der Vorwurf, habe der Stura sehr einseitig Stellung bezogen. Den Vogel schoss hier ein gewisser Frunki ab. Lautet doch die Selbstdarstellung des Stura, dass dieser sich um »deine Interessen« kümmere. Frunki fühlt sich nun betrogen. Das Semesterticket liege schließlich so gar nicht in seinem Interesse, wie Frunki in eindrucksvoller Wortwahl zu verkünden wusste. Frunki sei an dieser Stelle gesagt: Angela Merkel liegt auch nicht im Interesse mancher und soll im Grunde doch vor allem eines: unser aller Interessen vertreten. Frunki bleibt zu danken, dass dieses grundlegende Demokratiedefizit Deutschlands von einem Studenten aus Halle aufgedeckt worden ist. Der Lokalpatriotismus des Autors geriet hier in nie gekannte Wallungen.

Interessant wäre nun aber folgende Erhebung: Wie viele jener Meckerer kandidieren zur kommenden Sturawahl, um es besser zu machen? Wie viele wissen überhaupt von der Wahl, und wie viele gehen hin? Der besorgte Autor fürchtet, dass viele jener Facebook-Hater weder zu einer hohen Wahlbeteiligung beitragen werden, noch nennenswert mehr über die Arbeit des Stura wissen als das, was Frunki so zielsicher ausführte.

Zu guter Letzt möchte man den Kopf tätscheln

Angesichts dieser Möchtegern-Argumentiererei tat es schon fast gut, auch andere Stimmen zu lesen. Schön, dass es auch andere Kommilitonen gab, die süß und ehrlich Fragen stellten wie: »Wer gibt mir mein Geld nun wieder?«, »Wie trete ich aus dem Stura aus?« oder »Wo und wie bestelle ich dieses Ticket ab?« Irgendwie schon wieder liebenswert.

Eher Mitleid empfand der Leser mit jener Verzweifelten, die sich fragte, ob sie denn nun »ihr Auto in der Bahn parken« solle. Und dem Menschen, der sich beschwerte, dass das Ticket ihm nichts nütze, da er ja sowieso ein Extra-Ticket für seinen Hund zu zahlen habe, sei zuletzt noch gesagt, dass sich die absolute Mehrheit von Halles Studierendenhunden sicherlich gegen ein zusätzliches Hundeticket ausspräche. Das von den Vierbeinern so geschätzte Reviermarkieren ist nämlich in Bussen und Bahnen verboten.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 18.05. 2014 | Bearbeitet: 17.06. 2014 17:24