Feb 2014 hastuINTERESSE Nr. 52 0

Meistens gesund

Das Leben mit einer chronischen Krankheit bedeutet vor allem Unberechenbarkeit. Auch im Studium.

Foto: Dennis Skley, Flickr, CC BY-ND 2.0

Foto: Dennis Skley, Flickr, CC BY-ND 2.0

Schwerbehindert. So weist mich das kleine grüne Kärtchen aus. Aber das Kärtchen ist eben nur ein Kärtchen und sagt letztendlich doch wenig aus. Aber es sorgt für eine Klassifikation, die spektakulärer klingt, als es der Alltag mit einer chronischen Krankheit ist. Denn dieser ist vor allem eines: Alltag eben. Mit Stress und mit Höhen und Tiefen. Chronische Krankheiten sind für Außenstehende meist unsichtbar, unauffällig und für die Betroffenen doch omnipräsent und fordernd.

Studien besagen, dass chronisch Kranke ein um zwei Drittel erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen aufweisen. An den schlechten Tagen, an denen ich meinen Diabetes einfach nur belastend und das ganze Leben irgendwie doof finde, würde ich dem zustimmen. Ich finde es ungerecht, dass meine Bauchspeicheldrüse sich mit einer unglaublichen Dreistigkeit solch endlose Faulheit genehmigt, die ich mir dafür quasi nie leisten kann. Aber an den allermeisten Tagen lebe ich einfach.

Der Diabetes wurde diagnostiziert, als ich drei war. Ergo erinnere ich mich gar nicht mehr wirklich daran, wie es ohne war. Manchmal würde ich es gern für einen Tag ausprobieren, wie das wohl wäre … Einfach zu essen, wann und was ich möchte. Nicht essen müssen, wenn ich nicht möchte. Meine Bauchspeicheldrüse einfach machen zu lassen und nicht ihre Arbeit übernehmen müssen. Mal mehrere Stunden ohne eine Tasche unterwegs sein. Schöner Tagtraum.

Im Leben an etwas gehindert hat mich dieser Umstand aber noch nicht wirklich. (Umstand nenne ich es, weil ich das Wort Krankheit nicht mag, es klingt so … nach Krankheit.) Ich war nach dem Abi als Volunteer in Costa Rica. Ich fahre Auto und treibe Sport. Ich darf alles essen und trinken und kann alles machen. Nur ist halt der Diabetes immer dabei und ich muss halt gucken, was, wann, wie viel.

Als ich achtzehn war und mein Diabetes fünfzehn, zogen wir aus, um zu studieren. Zum Glück hatten auch meine Eltern keine Bedenken, mich mehrere hundert Kilometer von meiner Heimatstadt wegziehen zu las-sen. Und so kam ich nach Halle.

Wie bereits erwähnt, geht es mir an den meisten Tagen und in den meisten Momenten gut. Das Nervigste an einer chronischen Krankheit ist aber die Unberechenbarkeit. Und die kann auch keine Therapie und kein Medikament so ganz unter Kontrolle bringen. Was hieß das für meinen Studienalltag? Ich musste einfach die Zeit, in der ich topfit war, effektiv nutzen. Alles auf die letzten anderthalb Tage vor Abgabe zu schieben, stand für mich außer Frage, weil mir einfach das Risiko zu groß war, dass genau dann der Stoffwechsel entgleisen könnte und ich dann überhaupt nicht leistungsfähig wäre. Aber viel-leicht ist es gar nicht so verkehrt, seine Zeit effizient nutzen zu können. Man muss halt alles positiv sehen.

Dennoch gibt es eben auch die negativen Diabetes-Momente. Die Momente, in denen man einfach mal keine Lust auf diesen Lebensumstand und die damit verbundenen Aufgaben hat, oder in denen er situationsbedingt unpraktisch ist.

Foto: Anonym

Foto: Anonym

In Erinnerung ist mir ganz besonders ein Tag im ersten Semester geblieben, als mein Blutzucker und dadurch auch mein Kreislauf im Keller waren. Ich saß in der letzten Reihe und war ehrlich stolz, dass ich aufrecht sitzen und sogar noch geradeaus schauen konnte. Leider erforderte dies meine komplette Konzentration und Kraft und die Fragen der Dozentin konnte ich entsprechend nicht beantworten. Ich überlegte dann, nach dem Seminar zu ihr zu gehen, um die Situation zu erklären. Gemacht habe ich es am Ende nicht – ich habe beschlossen, dass ich besser damit leben kann, wenn Dozenten denken, ich komme manchmal unvorbereitet in Seminare, als wenn sie denken, der Diabetes ist meine »Begründung für alles«. Denn das ist er für mich nicht.

Die wirklich negativen und schwierigen Erfahrungen, die ich bislang gemacht habe, sind unabhängig vom Diabetes. Schwere Prüfungen und Verluste sind für jeden schwer zu ver-arbeiten. Bislang habe ich das alles gemeistert. Meinen Diabetes sowieso.

Ich habe mal ausgerechnet, dass ich pro Jahr etwa vier Tage in den Diabetes investiere. Blutzucker messen, Insulin spritzen, Inhaltsangaben lesen, um besser berechnen zu können, Insulinampullen und Nadeln wechseln, Blutzuckertagebuch führen, Arzt- und Apothekenbesuche, manchmal Kranken-hausaufenthalte. Also habe ich ihm mittlerweile über zwei Monate meines Lebens gewidmet.

Der Diabetes ist halt Teil meines Lebens. Und mein Leben ist schön.

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 18.02. 2014 | Bearbeitet: 18.02. 2014 20:30