Okt 2014 hastuINTERESSE Nr. 56 0

Mein Studium – Erwartungen und Wendung

Vor kurzem schnappte ich im Flur einen Gesprächsfetzen auf: »Nur ein Drittel aller Studierenden sind an der Universität auch tatsächlich richtig.« Der Mann, der dies bemerkte, zuckte mit den Schultern und wirkte ernüchtert über seine eigene Aussage. Ich ging Richtung Bibliothek weiter, hing aber dem Gesagten nach. Unwillkürlich stellte ich mir die Frage, ob ich zum besagten Drittel oder dem Rest gehörte. Zu Beginn meines Studiums kam es mir nicht mal in den Sinn, diese Frage in Betracht zu ziehen. Von Anfang an hielt ich mich an meinen Plan. Nach meiner Vorstellung warteten sechs Semester Bachelor auf mich, dann noch vier Semester Master und pünktlich zum 23. Lebensjahr der Sprung auf den Arbeitsmarkt. Mit diesem Ablaufplan richtete ich mich auf mein Geschichtsstudium ein.

Erwartungen

Anders als erwartet, knarrte jeder Schritt im Vorlesungssaal unter meinem Füßen, ebenso der Sitz, auf den ich mich setzte. Die Kritzeleien, die auf meiner Auflagefläche eingeritzt waren, sahen aus, als hätte der Tisch schon viele Studenten kommen und gehen sehen. In den Räumen fehlte es an Projektoren, Sonnenblenden, einfachen Tafeln und Kreide, aber wenigstens passte dies zum verstaubten Charme des Instituts. Ein Blick in den Innenhof glich der Kulisse eines Indiana-Jones-Filmes: verwilderte Wege und Büsche, die seit Jahren niemand gezähmt hatte und die sich nun Stück für Stück den Hof eroberten. Die Vorlesungen kamen meinen Erwartungen schon näher, und während ich in den ersten Wochen versuchte, jedes Wort akribisch festzuhalten, wurde mir im Laufe des Semesters klar, wie unwichtig dies war. Vollständige Notizen waren utopisch, und selbst meine Pünktlichkeit geriet ins Wanken. Das dämmerte mir, als ich mich dabei ertappte, wie ich entspannt mit Kaffeebecher um 10.16 Uhr in die Vorlesung ging. Auch die Seminare wichen von dem ab, was ich mir vorgestellt hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich stark an die Schule erinnert, und das lag nicht nur daran, dass wir an ausrangierten Schultischen saßen und der Dozent sich auf dem vordersten Tisch vor seinem Publikum ausbreitete.

Zudem glaubte ich, in ein Studium zu starten, in dem es auf Zahlen und deren Zuordnung ankäme, ich dachte, es ginge um die eine Geschichte, der wir auf den Grund gehen und die wir studieren würden. Meine Hoffnung auf die Fortsetzung folgte. Geschichte, die
Geschichte mit dem roten Faden waren Illusionen. Dies wurde uns sehr klar und sehr deutlich gemacht. Nach der Kopfwäsche im ersten Semester wusste ich, dass es nicht einmal die eine Geschichte gab und Geschichte eher eine Frage der Anschauung und der plausibelsten Erklärung wurde. Selbst die Zahlen bildeten lediglich eine Basis, die man jederzeit nachschlagen und nachlesen konnte, genauso wie Namen und Theorien, die das Gerüst für das Konstrukt darstellten. Aufgeklärt über das Wesen des Studiums ging es nach dem Bestehen der Basismodulprüfung ans Schreiben der ersten Hausarbeiten und anschließend in mein zweites Semester.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Wendung

»Die Länge der Arbeit ist in Ordnung«, hieß es im Feedback meiner zweiten Hausarbeit, und es war das einzig Positive der gesamten Bewertung. Geladen zu einem Auswertungsgespräch, versuchte ich zu verstehen, wie es zu dieser Situation gekommen war. Beide Hausarbeiten waren mit Liebe und Herzblut geschrieben, aber augenscheinlich hatte ich mit der zweiten ein perfektes Muster einer Hausarbeit geschrieben, mit der man dann doch todsicher durchfiel. »Wissen Sie«, begann der Professor und überflog seine Kritik, »… ein Studium ist auch zum Durchfallen da.« Die Hausarbeit fiel mir auf die Füße, weil sie in wenigen Wochen nachzuholen war, und die Zeit tickte bereits. Ich lernte Präsenzbibliotheken und ihre Ausleihbeschränkungen zu schätzen, selbst die Arbeitszeit in der Bibliothek fühlte sich stark eingegrenzt an, besonders wegen anderer Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht. Nicht zuletzt fielen mir die kurzen Bibliotheksöffnungszeiten auf, und ich beneidete die Juristen um ihren Fast-24-Stunden-Zugang zum Lesesaal und ihre großen Bestände, die mir in meiner Bibliothek klein vorkamen und meine Suche jäh vor dem Regal enden ließen.

Nichtsdestotrotz lernte ich, dass der Weg zu einer gelungenen Arbeit in viele Bibliotheken und in deren Kataloge führt, ohne einen Besuch in der Orts- und Fernleihe nicht auskommt und Begriffe wie Methode, Struktur und Quellen keine leeren Hüllen sein können. Darum lösten sich Fragen nach dem richtigen Zitieren und dem Anmerkungsapparat auch bald von allein. Kurzum, auf dem Weg des zweiten Versuchs lernte ich, was es heißt, »wissenschaftlich« zu arbeiten.

Vielleicht hatte der Professor recht, und das Studium diente tatsächlich auch dem Durchfallen. Es war die Niederlage, die ich nie gewollt hatte, aber dennoch brauchte, um Deadlines nicht als tödliche Linien zu verstehen, sondern sie als Termine wahrzunehmen und bis dahin zu versuchen, mich auf ein Resultat hin zu organisieren. Selbst nach dem toten Ende geht es weiter, anders als zuvor, aber auch dann werden sich Lösungen finden lassen. Wir sind Studenten und keine Maschinen und das Studium ist ein Prozess des Werdens, des Reifens, des Verstehen und des Wachsens. Wer das verstanden hat, studiert anders.

Über Carolin Schmidt

,

Erstellt: 23.10. 2014 | Bearbeitet: 23.10. 2014 23:29