Apr 2014 hastuINTERESSE Nr. 53 0

Leere Straßen und Langeweile

Wie die Studentenstadt Halle nach den Uni-Kürzungen im Jahr 2024 aussehen könnte. Eine Dystopie

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le


Still weht der Wind über den Universitätsplatz. Als der Student gegen Mittag aus der Vorlesung kommt, fragt er sich, was man an diesem Sommertag noch machen könnte. Die Sonne scheint herrlich: Die perfekte Jahreszeit, um mit Kommilitonen auf der Peißnitz zu grillen oder ein Eis auf dem Marktplatz zu essen. Doch es ist einsam geworden. Im April 2024 wirkt die einst so begehrte Studentenstadt Halle wie ausgestorben. Wo sich einst junge Menschen auf den grünen Wiesen sonnten und ein Picknick genossen, sitzen heute nur noch Omas auf Parkbänken.

Es begann vor rund zehn Jahren, als die Landesregierung beschloss, nacheinander einzelne Studiengänge zu streichen. Damals nannte man das »Spar­zwang«, und es funktionierte: Mit der Salami-Taktik, jedes Jahr ein bisschen zu kürzen, protestierten die Studenten nur ab und zu. Im Jahr 2024 erinnert sich keiner mehr daran.

Der Student geht in die Mensa, um etwas zu Mittag zu essen. Doch hier sind die Preise gestiegen seit die Uni nur noch so wenige Studenten hat. Weiter geht er also durch die Innenstadt in Richtung Markt. Junge Menschen sind nur wenige zu sehen. Die Geschäfte in der Großen Ulrichstraße haben längst dicht gemacht, schließlich gibt es nicht mehr genügend Leute, die aus Vergnügen shoppen gehen. Die Straßenbahn kommt. Doch bevor der Student einsteigen kann, wird er von einer rüstigen Rentnerin und ihrem Rollator angerempelt. Statt »Immer diese Jugendlichen!« sagt man jetzt »Immer diese Rentner!«. In einer überalterten Gesellschaft bestimmen Senioren unseren Alltag und unser Stadtleben.
Die Kürzungspolitik der vergangenen Jahrzehnte war eine Frage des politischen Willens: Anstatt in Bildung und Kultur zu investieren und eine junge Generation zu fördern, die hoch gebildet ist und weltoffen die Zukunft anpackt, schob die Politik das Geld der alten Generation zu. Aber was macht der Student nun am Abend? Die Szenelokale, in denen man gemütlich ein Bier trinken kann, sind rar geworden. Die Kinos konnten sich bei so wenigen Besuchern nicht halten. Und das Theater spielt nur noch selten Aufführungen, da die Fördermittel jedes Jahr weniger wurden.

Ist es legitim, heute einem Studiengang das Geld zu streichen? Aus dem Jahr 2014 betrachtet sind es nur ein paar Studienplätze und Professorenstellen, die wegfallen. Aber aus der Zukunft betrachtet verlieren wir viel mehr. Ein Land, welches das Geld für Bildung und Kultur jedes Jahr weiter kürzt, gräbt sich selbst das Wasser ab. Halle verliert eine lebendige Studentenschaft, ein attraktives Stadtleben und eine selbstbewusste, intellektuelle Generation.

Über Markus Kowalski

studiert Politikwissenschaften und Germanistik, hält aber wenig von den alltäglichen Politik-Nachrichten. Meistens ist er mit einem coffee-to-go auf dem Uniplatz anzutreffen.

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Erstellt: 30.04. 2014 | Bearbeitet: 26.06. 2014 22:03