Mrz 2014 hastuINTERESSE Nr. 52 0

Studiengeflüster I

263 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer neuen Rubrik ≫Studiengeflüster≪ stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor, die sie gern einmal mit euch teilen möchten. Teil 1: Was heißt eigentlich ≫krebserregend≪?

Teil 1: Was heißt eigentlich ≫krebserregend≪?

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Sätze, die man jeden Sommer auf der Peißnitz hört: »Du isst das angebrannte Würstchen noch?!? Das ist doch krebserregend.« – Der Versuch einer Erklärung.
Wir werden täglich bombardiert von Schlagzeilen: »Zu viel Tee trinken kann krebserregend sein«, »Zu wenig Tee fördert Krebs« oder »Teebeutel enthalten krebserregende Substanzen«. Und dann meckert auch noch der Freund über das leckere Grillwürstchen. Was bedeutet der Begriff »krebserregend« aber? Das Ganze klingt erst einmal trivial. Rauchen ist krebserregend. Wer zu viel raucht, bekommt Krebs. Klar. Warum aber ist dann der kettenrauchende Opa noch putzmunter? Für mich war die Klärung des Begriffs einer der interessantesten Momente im Bachelor.
»Erregend« heißt nicht zwangsläufig »auslösend«. Jeder, der nach einer Party voller hübscher Menschen einmal alleine nach Hause gegangen ist, weiß das. »Erregend« bedeutet erst einmal so etwas wie »die Wahrscheinlichkeit erhöhend «. Ob das nun der perfekte Partner auf einer Feier oder eben die Chance auf ein Krebsgeschwür ist. So verhält es sich dann auch mit krebserregenden Substanzen. Krebs beruht zu einem guten Teil auf Mutationen. Schädigt eine Substanz also beispielsweise das Erbgut und setzt man sich dieser Substanz aus, kann eine Mutation die Folge sein. Das geschieht nicht zwangsläufig, denn es gibt eine Vielzahl an Mechanismen, die versuchen, genau das zu verhindern. Schon hier treffen wir wieder auf die oben erwähnte erhöhte Wahrscheinlichkeit. Je häufiger man Kontakt zu der Substanz hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass irgendwann einmal alle Schutzmechanismen versagen. Die Substanz hat nun also eine Mutation in einer einzelnen Körperzelle verursacht. Der Körper entwickelt nun aber noch kein Krebsgeschwür.

Es braucht mehrere Mutationen

Dafür müssen in einer Zelle mehrere Mutationen stattfinden. Um Krebs auszulösen, braucht es – nach einer Faustregel – fünf Mutationen in derselben Zelle. Übrigens liegt hier einer der Gründe, warum häufiger alte Menschen Krebs entwickeln als junge. Je mehr Zeit vergeht, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass fünf Mal dieselbe Zelle getroffen wird. Mutationen können ganz verschiedene Auswirkungen haben. Manche verhindern den kontrollierten Zelltod, der eigentlich beschädigte Zellen aussondern soll. Andere erhöhen die Zellteilung, verstärken das Zellwachstum oder regen etwa die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung an. Ein wichtiger Punkt hier: Trägt eine Zelle eine Mutation, die etwa eine schnellere Zellteilung bewirkt, nimmt der Anteil der Zellen mit dieser Eigenschaft gegenüber den normalen Zellen zu, denn die Mutation wird stets weitergegeben. Gibt es nun mehr Zellen mit einer Mutation, ist es wiederum wahrscheinlicher, dass die Substanz von oben bei erneutem Kontakt auf eine schon einmal mutierte Zelle trifft. Läuft es jetzt schlecht, gibt es bereits zwei Mutationen.
Diese zweifach mutierte Zelle wiederum hat erneut eine Art Vorteil gegenüber ihren Nachbarzellen gewonnen. Beispielsweise reagiert sie nicht mehr auf solche Signale, die ihren kontrollierten Zelltod verursachen sollten. Wiederum werden sich solche Zellen eher vermehren und ihren Anteil am Gesamtgewebe erhöhen. Das beschriebene Phänomen setzt sich fort. Eine fünffach mutierte Zelle ist also vereinfacht gesprochen schneller im Teilen, wächst schneller, stirbt nicht und ist besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Sie ist den Zellen ihrer Umgebung überlegen. Man spricht von einem Mikroevolutionsprozess. Zusätzlich dazu tut diese Zelle auch nicht mehr das, wozu sie und ihre Nachbarn eigentlich zuständig sind, etwa die Lunge auskleiden. Vereinfacht und personifiziert gesagt: Die umliegenden Zellen tun alles für das Gewebe bzw. den Organismus als Ganzen. Die Krebszelle denkt nur an sich. Nun kann ein Tumor, ein ständig wachsender Zellhaufen, entstehen.

Ein Opa und die halbe Wahrheit

Warum ist nun aber der Opa noch gesund? Nun, er kann ganz einfach Glück gehabt haben, dass keine Zelle die erforderlichen fünf Mutationen erreicht hat. Bevor man sich jetzt der Illusion hingibt, dass dann ja alles halb so wild sei, sollte man Folgendes bedenken: Den eigenen Opa kann man noch besuchen, er ist präsent. 99 anderen Kommilitonen ist der eigene (ehemals) kettenrauchende Opa nicht mehr präsent.
Das Ganze ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn auch die genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen. Wer bestimmte genetische Veranlagungen in sich trägt, hat eventuell ein erhöhtes Risiko, Krebs zu entwickeln. Vorstellbar wäre dies beispielsweise durch eine von Geburt an in mehreren Zellen vorhandene Anomalie – vergleichbar mit der oben erwähnten ersten Mutation. Wissenschaftlich ist dies keine völlig korrekte Darstellung, sie ist aber zur Vereinfachung vielleicht akzeptabel. In Hollywood lieferte Angelina Jolies Brustamputation letztes Jahr ein Beispiel.

Wer will denn gleich gereizt sein?

Es gibt noch weitere Elemente, die bei der Krebsentwicklung eine Rolle spielen. Eines soll noch genannt werden: Setzt man sich ständig und wiederholt Stoffen aus, die zwar nicht das Erbgut schädigen, aber Entzündungen verursachen können, kann auch das »krebserregend« sein. Sie sind reizend. So bewirkt zum Beispiel Zigarettenrauch solche Entzündungen durch Reizungen. Entzündungen bekämpft der Körper sinnvollerweise mit der Neubildung von beschädigten Regionen. Dafür sind solche Zellen nötig, die sich noch oft teilen können und somit neue Zellmasse bereitstellen. Solche Zellen sind für Mutationen besonders anfällig, weil sie diese weitergeben und sich eben noch häufig teilen. Mit jeder Entzündung wandern weitere von diesen besonders teilungsaktiven Zellen in das Gewebe ein. Die Menge erhöht auch hier die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens ein paar von einer Mutation betroffen werden. Erneut hat sich die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu entwickeln,
erhöht.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 20.03. 2014 | Bearbeitet: 26.06. 2014 00:25