Jun 2014 hastuINTERESSE Nr. 55 0

Kommunikativer Stoff

Die Wirkung von Cannabis bringt Forscher auf eine neue Spur.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Auf dem Weg zu meinem Mund macht mein Löffel plötzlich halt. Ich habe etwas entdeckt. Eine grüne senkrechte Bohne zwischen all den liegenden. Zur näheren Betrachtung führe ich den Löffel vor meine Augen. Faszinierend. Ich habe das Gefühl, die Bohne nicht mehr nur zu sehen, sondern sie auch zu spüren. Über die Absurdität dieses Gedankens beginne ich laut und lange zu lachen.

Was passiert in meinem Gehirn, wenn ich Cannabis konsumiere?

Der am stärksten psychoaktiv wirkende Inhaltsstoff der Hanfpflanze ist das Cannabinoid Δ9-tetrahydrocannabinol, kurz THC. Säugetiere, aber auch weniger hochentwickelte Tiere wie Seescheiden haben im Körper ein Endocannabinoid-System, an dessen Bindestellen (Rezeptoren) THC bindet. Das Endocannabinoid-System entwickelte sich bereits vor Milliarden von Jahren vor der Entstehung der Hanf-Pflanze und beruht auf körpereigenen Cannabinoiden, den Endocannabinoiden.

Diese funktionieren als fetthaltige Botenstoffe zwischen Zellen. Im Gehirn kommunizieren Zellen (Neuronen) mittels chemischer Botenstoffe (Neurotransmitter). Fühlen, tun oder denken wir etwas, kommt es zur Signalweiterleitung, indem ein vorgeschaltetes Neuron Neurotransmitter freisetzt, die an Rezeptoren des nachgeschalteten Neurons binden können. Es ist nachgewiesen, dass Endocannabinoide eine regulierende Wirkung auf die Freisetzung der Neurotransmitter haben.
Beim Cannabiskonsum gerät das Endocannabinoid-System aus dem Gleichgewicht. Dies führt zur Entstehung der Symptome wie Berauschtheit, Stimulation des Appetits, Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses, Störungen des psychomotorischen Verhaltens und Verringerung der Schmerzwahrnehmung. Die Behauptung, der Konsum von Marihuana löse psychiatrische Krankheiten aus, ist unzureichend bewiesen. Marihuana ist die meistverbreitete illegale Droge in der westlichen Welt, die anders als Alkohol oder Nikotin keine physische, sondern nur eine psychische Abhängigkeit hervorruft.

Wieso entwickelte die Hanfpflanze Cannabinoide?

Hanf gehört neben Hopfen zu der Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae). Die Hanfpflanze entwickelte sich vor vielen Millionen Jahren im Tian-Shan-Gebirge in Zentralasien. Die Cannabinoide fungieren als Schutz vor starker UV-Einstrahlung und verleihen der Pflanze einen üblen Geschmack zum Schutz vor Fressfeinden. Hanf verbreitete sich durch Nomadenstämme über die Seidenstraße bis nach Europa.

Inwiefern kann Cannabis in der Medizin eingesetzt werden?

Seit dem 3. Jahrhundert vor Christus wird Cannabis in China zur Behandlung von Schmerzen und Krämpfen
verwendet. Positive Aspekte der Hanfpflanze auf den Körper sind die Stimulation des Appetits, Verringerung von Übelkeit sowie die Hemmung von Schmerzen. Jedoch sei zu erwähnen, dass mit ihnen immer auch psychoaktive Symptome ausgelöst werden können. Dies macht Cannabis als Therapeutikum schlecht kontrollierbar.

Durch Erforschung des Endocannabinoid-Systems versuchen Wissenschaftler das System für die Arzneimitteltherapie zu nutzen. Doch die Arbeit an diesem Thema steht noch am Anfang, erst 1990 konnten Forscher die Existenz des Endocannabinoidsystems durch Lokalisation eines Rezeptors (CB1-Rezeptor) beweisen. Im Institut für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität widmet sich die Arbeitsgruppe von Professor Dehghani den spannenden Fragen, inwieweit Endocannabinoide nach neuronaler Schädigung protektiv auf den Sekundärschaden wirken, ob Endocannabinoide Auswirkungen auf die mechanischen Eigenschaften und das Inversionspotential von Tumorzellen haben oder inwiefern Diabetes mellitus das Endocannabinoid-System beeinflusst.

Seltsam, welche Wege die Wissenschaft manchmal geht: aus Interesse an einer psychoaktiven Pflanze entwickelte sich mit der Entdeckung des Endocannabinoid-Systems ein neuer wissenschaftlicher Zweig. Also Augen offen halten, neugierig und wissbegierig bleiben, wer weiß, was uns dann in den nächsten Jahren erwartet.

Über Ines Kobelt

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Erstellt: 29.06. 2014 | Bearbeitet: 19.07. 2014 23:09