Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 54 0

Klitzekleine Alltagsflucht

Texte für die Uni zu schreiben kann manchmal ganz schön nervig sein. Ein Rezept, um hartnäckige Blockaden im Kopf zu lösen: Fahrrad, Freunde, Sonnenbrille und raus in die Natur! Wir haben es ausprobiert und sind den Saaleradweg entlanggeradelt.

Foto: Chris Schön

Foto: Chris Schön

»Ihr habt noch nie eine Radtour hier in der Umgebung gemacht?« fragt uns der Mitarbeiter des Fahrradladens erstaunt. »Ihr müsst unbedingt den Saaleradweg fahren, da gibt es richtig viel zu sehen!« empfiehlt er uns, und seine Augen fangen an zu leuchten. Schnell zückt er eine reiß- und wasserfeste Radwanderkarte, auf der er mit seinem Zeigefinger schon mal imaginär die Route entlangfährt. An manchen Stellen macht er Halt, und seine Mundwinkel formen sich zu einem Lächeln. Wir lauschen seinen Erzählungen über Orte, um die sich zahlreiche persönliche Geschichten ranken. Ungefähr 40 Kilometer misst die Strecke von Halle nach Wettin. »Wenn ihr zügig fahrt, braucht ihr anderthalb Stunden jeweils für die Hin- und Rückfahrt.«

Ausgerüstet mit Karte, Sonnenbrille, Proviant, aufgepumpten Fahrradreifen und einer großen Portion Euphorie machen wir uns auf den Weg zu unserem Start- und Treffpunkt, dem Reileck. Quietschende Straßenbahnen und eine dicht befahrene Kreuzung erzeugen eine laut brummende Geräuschkulisse, die wir mit unseren Stimmen kaum übertönen können. Zu viert starten wir die Tour, die uns zuerst über die Brücke nach Kröllwitz führt. Entlang der Talstraße verwandeln sich die Geräusche allmählich vom Brummen und Quietschen in Blätterrauschen und Vogelgezwitscher. In die Sonne blinzelnd lassen wir uns die Hügel im kühlen Fahrtwind hinuntergleiten. Und natürlich auch wieder hinauf – obwohl das mit dem Gleiten da leider eher nicht so funktioniert. Voller Kraft müssen wir fest in die Pedale treten. Hitze steigt uns ins Gesicht, die Sonne knallt, und die Muskeln fehlen. Atemlos steigen wir ab und schieben unsere Räder die steilen Berge hoch. Ob das mit der Fahrradtour wirklich so eine gute Idee war? Die Motivationskurve macht einen Knick nach unten. Doch dann wird der Weg allmählich eben und führt uns durch Gegenden entlang von Wiesen und Kleingartenanlagen.

Am Wegesrand steht ein älterer Herr mit kariertem Hemd und Sandalen, der gerade seine Campingstühle aus seinem Auto lädt. Für einen kleinen Plausch halten wir kurz an. »Ich bin seit 25 Jahren Kleingärtner und fahre, so oft ich kann, hier raus. Meine Frau und ich wohnen in der Merseburger Straße, die dicht befahren und unheimlich laut ist. Wir bauen in unserem kleinen Garten Kohlrabi, Salat, Erdbeeren, Kartoffeln und Mohrrüben selbst an. Nehmen Sie doch eine Erdbeere mit!« Mampfend setzen wir unsere Tour fort. Auf den kleinen Schleichwegen hinter den Gärten riecht es nach Grillwürstchen und Sonnencreme. »Und warum sind Sie hier auf diesem Weg unterwegs?« sprechen wir ein Ehepaar an, das in Trekkingschuhen durch den Sand stampft. »Wir machen jede Woche einen ausgedehnten Spaziergang, um mal aus der Stadt rauszukommen. Am besten gefallen uns die Brachwitzer Alpen!« erzählen sie uns begeistert. Alpen? In Sachsen-Anhalt?

Foto: Sophie Lindner

Foto: Sophie Lindner

Als wir aus dem Örtchen Lettin hinausfahren, erstreckt sich auf der linken Seite ein weites Feld, an dessen Ende ein Gebirge hervorragt mit außergewöhnlichem Gestein. Ja, doch, mit einer Portion Fantasie lassen sich die Berge als Schweizer Alpen in Miniformat interpretieren. Das unter Naturschutz stehende Gebirge ist gekennzeichnet durch das Gestein Porphyr, welches vor rund 300 Millionen Jahren bei mächtigen Vulkanausbrüchen entstand. Raue, schwarzbraune Felsen säumen das Saaleufer. Beeindruckt von der überraschenden Landschaftsänderung steigt meine Motivationskurve wieder an. Trunken von der Freiheit der Natur radeln wir beschwingt weiter. Vor uns Wiesen, Wälder – und, ähm, Wasser? Plötzlich mündet unser Radweg in die Saale. Auf der anderen Seite liegt Brachwitz, ein kleines Örtchen, das man nur durch eine kurze Fahrt mit der Fähre erreicht. Ungefähr sechs Autos und ein paar Radfahrer passen auf das Boot, das den ganzen Tag von einem Ufer zum anderen hin und her fährt. Fährführer müsste man sein!

Nachdem wir Brachwitz verlassen haben, begegnet uns erst einmal niemand, und umgeben von satten, gelben Rapsfeldern erstreckt sich vor uns die Weite der Natur. Menschen begegnen wir erst wieder in Mücheln. Durch das 5880-Seelen-Dorf verläuft sogar der Jakobsweg bis zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Wen es in die Ferne zieht, kann von hier aus nach Spanien wandern. In meinem Kopfkino erscheinen Bilder von terracottafarbenen Bergdörfchen, Weinbergen und einem Strom laut singender amerikanischer Touristen.

Schöne Vorstellung, aber heute geht es erst mal nach Wettin. Wir rauschen an alten Gemäuern verlassener Bauernhöfe vorbei auf einer engen Straße entlang der Saale. Am Horizont kann man schon die Burg entdecken, die auf einem Berg emporragt. Früher als Zufluchtsstätte von Markgrafen, Kurfürsten und Königen von Sachsen genutzt, fungiert sie heute als Gymnasium der Stadt. Das letzte Stück nach Wettin geht es wieder bergab. In die Sonne blinzelnd lassen wir uns im kühlen Fahrtwind hinuntergleiten. Die Saale glitzert, der Raps duftet und die Fahrräder fliegen. »Ist das schön!« Eine klitzekleine Alltagsflucht.

Über Sophie Lindner

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Erstellt: 11.06. 2014 | Bearbeitet: 01.11. 2014 19:25