Okt 2014 hastuUNI Nr. 56 0

»Profilierungen haben sich gelohnt«

Am 1. September begann die zweite Amtszeit unseres Rektors Udo Sträter. Anlass für ein Gespräch über seine Pläne mit der Uni – und die der Landesregierung.

Foto: Uni Halle

Foto: Uni Halle


Herr Professor Sträter, Sie sind am 2. Juli als Rektor der Uni Halle wiedergewählt worden. Was war Ihr erster Gedanke, als das Ergebnis feststand?

Dass ich mich jetzt darauf einstellen muss, dass ich die nächsten vier Jahre Rektor bin. Und dann auch, was biographisch nicht unwichtig ist, als Rektor pensioniert werde und nicht mehr zurückkehre in meine Fakultät.

Die Wiederwahl war ja knapp, anscheinend waren nicht alle Senatoren mit der vergangenen Amtszeit zufrieden. Woran mag das gelegen haben?

Das ist immer die Frage, ob man interpretiert »nicht zufrieden mit der vergangenen Amtszeit« oder »große Hoffnungen darauf setzen, dass alles ganz anders werden könnte«. Und ob diese Hoffnung berechtigt wäre, das ist die Frage, die jetzt so sich nicht stellt.

Was wollen Sie denn für Schwerpunkte setzen in Ihrer neuen Amtszeit? Vier Jahre liegen vor uns, es wird sicher spannend, was die Landespolitik betrifft.

Wir haben jetzt erst einmal ganz konkrete Aufgaben. Wir müssen den Hochschulentwicklungsplan vorlegen, und wir müssen die Zielvereinbarungen aushandeln für die nächsten Jahre bis 2019; das müsste alles bis Jahresende geschehen. Und dann werden wir in eine Zeit gucken, in der wir auf der einen Seite eine Veränderung des Verhältnisses von Bund und Ländern in Bezug auf die Hochschulfinanzierung erwarten. Erste Anzeichen dafür gibt es ja schon durch die Änderung der BAföG-Finanzierung. Weitere Maßnahmen sind angekündigt, also hoffentlich die Änderung des Paragraphen 91b des Grundgesetzes. Und im Land Sachsen-Anhalt gehen wir auch auf eine Landtagswahl im Jahre 2016 zu – es gibt also eine ganze Menge von Unklarheiten in der Zukunft, die man auch positiv nutzen kann.

Gibt es noch andere Schwerpunkte, die Sie sich für die kommenden vier Jahre vorgenommen haben?

Das sind jetzt sozusagen die aktuellen Notwendigkeiten, die ich gerade geschildert habe. Zu den Schwerpunkten wird natürlich gehören, dass wir weiter Profile bilden würden – auch im Sinne von Empfehlungen des Wissenschaftsrats, der ja keine Kürzungsvorstellungen unterbreitet hat, sondern zum Teil auch ganz interessante Vorschläge, wie man die Stärken stärken kann. Dazu wird gehören, die Forschungsschwerpunkte auszubauen. Dazu wird gehören, im Grunde in allen Wissenschaftsbereichen starke Möglichkeiten zu schaffen: zur Konkurrenzfähigkeit um Gelder innerhalb der Bundesrepublik, aber auch um EU-Gelder. Dazu wird gehören, die kleinen Fächer zu stärken, eventuell, wie vom Wissenschaftsrat vorgeschlagen, in Kooperation mit Jena und Leipzig. Und dazu wird gehören, unsere Kooperation mit den Außeruniversitären zu stärken.

Gegen welche Unis wollen Sie denn Konkurrenz beweisen, konkurrenzfähig sein, wenn es schon einen Verbund mit den Unis in Leipzig und Jena gibt?

Die Konkurrenz ist zunächst einmal eine bundesweite oder eine europäische Konkurrenz. Wir haben ja bei der Einwerbung von iDiv, dem deutschen Biodiversitätszentrum, gezeigt, dass die drei Universitäten, wenn sie gemeinsam ihre Schwerpunkte ausbauen und darstellen, auch mit den größten Universitäten des Bundes konkurrieren können – was keine dieser drei Universitäten alleine kann.

Im Sommerinterview mit der MZ hat Minister Möllring von einer »gesunden Konkurrenz mit Magdeburg« gesprochen. Sehen Sie das so? Könnte die Konkurrenz in den kommenden Monaten vielleicht auch ungesund werden?

Ich sehe gar keine starke Konkurrenz mehr zwischen Halle und Magdeburg, weil sich Magdeburg doch sehr entschieden profiliert hat in bestimmten Bereichen: Medizin, Ingenieurwissenschaften und vielleicht auch Wirtschaftswissenschaften. Da haben wir ganze Bereiche, in denen wir gar kein Überschneidungs-, gar kein Konkurrenzpotential mehr haben.

Sie sagen, dass man Profile bilden und länderübergreifend kooperieren soll. Aber wie stellen Sie sich das konkret vor? Sollen die Studenten, die hier Geo studiert haben, nach Leipzig ziehen?

Diese Geo-Diskussion ist ja sowieso etwas merkwürdig. Sie ist einerseits gebunden an die Tatsache, dass die Lehramtsausbildung Geographie von Sachsen übernommen würde – konkret von Leipzig. Aber es ist inzwischen, glaube ich, allseits bekannt, dass es in Leipzig gar keine Geographielehrerausbildung gibt und nach den sächsischen Vorstellungen in absehbarer Zeit auch gar nicht geben wird. Geographielehrer werden in Sachsen in Dresden ausgebildet. Also, ich denke an etwas anderes: an die Stärkung der inneren Bereiche. Man darf bei all den Diskussionen um die Kürzungen nicht übersehen, dass wir beispielsweise als Martin-Luther-Universität im letzten Jahr zwei Humboldt-Professuren eingeworben haben, eine in den Naturwissenschaften und eine in den Geisteswissenschaften. Und Humboldt-Professuren sind etwas sehr Kostbares und bringen nicht nur eine Menge Geld, sondern auch eine Menge Prestige mit sich. Es werden immer nur wenige jedes Jahr vergeben, und dass wir als eine mittelgroße Universität gleich zweimal dabei gewesen sind, zeigt ja, dass sich bestimmte Profilierungen gelohnt haben, dass man gesagt hat: hier sind in den Naturwissenschaften, aber auch in den Geisteswissenschaften Schwerpunkte entstanden, in denen auch eine Humboldt-Professur weiter profilbildend gut angesiedelt ist. Wir stehen da in einer Linie mit Universitäten wie Berlin oder Tübingen.

In den letzten Monaten ist es still geworden um die Kürzungsdiskussion. Nichtsdestotrotz steht ein Termin Ende September, wo das Kabinett über den Hochschulstrukturplan beschließen soll. Ist da wirklich noch nichts Näheres bekannt?

Die Situation ist in einer gewissen Weise offen. Das sehen vielleicht nicht alle so und auch nicht alle Mitglieder der Regierung, aber wenn wir in eine derartig neue Lage kommen wie jetzt, dass wirklich der Fall des Paragraphen 91b zu erwarten ist, was Anfang dieses Jahres auch Leute, die mit der Materie vertraut sind, nicht wirklich geglaubt haben, und gleichzeitig über eine neue Runde des Hochschulpakts verhandelt wird, dann ist damit schon eine Perspektive aufgetan, in der man auch noch einmal über manche Dinge neu nachdenken kann.

Wie sinnvoll ist es denn, Ende September etwas in den Hochschulstrukturplan zu schreiben, was noch offen ist, und man damit schon Fakten schafft, die noch geändert werden könnten?

Deshalb ist die kommende Zeit ja auch so spannend.

Wäre es da nicht lohnender, die Entscheidung aufzuschieben?

Wir müssen jetzt, glaube ich, einmal unterscheiden zwischen der Lage unserer Universität und der der Fachhochschulen: Bei denen sind die Kürzungspotentiale, die benannt worden sind, im Verhältnis zu dem, worum es bei uns geht, marginal. Und für die Fachhochschulen ist das überhaupt kein großes Problem bis Ende September Entwicklungspläne vorzulegen, die auch mit dem Hochschulstrukturplan kongruieren, so wie er jetzt im Entwurf bekannt ist. Das sieht bei der Otto-von-Guericke-Universität schon anders aus und bei uns noch anders. Und das Bewusstsein, dass das wirklich so und nicht nur ein vorgeschobenes Argument ist, scheint sich jetzt in der Politik auch allgemein durchgesetzt zu haben.

Wissenschaftsminister Möllring hat ja eine Verordnungs­ermächtigung für die Landesregierung ins Gespräch gebracht, mit der man nötigenfalls die Kürzungen an den Hochschulen selber vornimmt. Wie stehen Sie dazu? Würden Sie das über sich ergehen lassen?

Ich denke, dass das eines Parlamentsentscheids bedarf. Und das würde bedeuten, dass man am Ende von Verhandlungen ist, dass Argumente, die hin und wieder ausgetauscht worden sind, nicht mehr ziehen, dass es nur darum geht, die auch zweifelhaften Berechnungen des Hochschulstrukturplans durchzusetzen, und das würde sicher nicht ohne Knirschen abgehen.

Das heißt: Augen zu und durch?

Die Frage ist, wer dann die Augen zumachen muss.

Werden Sie sich dann vor Ihre Hochschule stellen, wie bei der ersten Großdemonstration 2013, und gegen den Abbau der Hochschulautonomie protestieren?

Wir haben diese finanziellen Probleme, die wir seit langem mit uns herumschleppen. Und deswegen haben wir seit Jahren diese Debatte. Und wir haben seit Jahren auf eine Situation gewartet, in der sich die Rahmenbedingungen ändern. Und in der Tat würden wir unter veränderten Rahmenbedingungen zunächst einmal ausloten und von uns aus keinen Maßnahmen zustimmen oder keine Maßnahmen einleiten, von denen wir rechnerisch nachweisen können, dass sie schädlich sind, auch im Sinne der Landesregierung. Denn wenn Studienplätze verlorengehen – das ist gegen den Landtagsbeschluss –, wenn Kaufkraft verlorengeht, wenn die Einwerbung von Drittmitteln verlorengeht, wenn Elemente der Konkurrenzfähigkeit verlorengehen, kann das nicht im Interesse der Landesregierung sein, nur um die eine oder andere Million einzusparen.

Und doch hat die Landesregierung diese Pläne.

Diese Pläne sind natürlich jetzt schon relativ alt. Sie stammen im Grundzug vom Herbst 2013. Und wie schon gesagt, noch im Frühjahr dieses Jahres hat man nicht so genau gesehen, dass sich die Entwicklung auch rapide ändern kann.

Der Finanzminister hat nach wie vor Interesse zu sparen. Man sieht es schon an der Debatte, was mit den BAföG-Millionen geschieht. Besteht nicht die Gefahr, dass er sagt: Der Bund schießt zu, da können wir noch einmal eine Schippe wegnehmen von unserem Budget?

Es gibt sicher eine sehr große Versuchung bei Landesregierungen, das so zu machen. Ich gehe mal davon aus, dass diejenigen, die das Geld aus dem Bund heraus ausreichen, da auch ein Auge darauf haben. Denn es ist explizit so, dass diese Gelder den Hochschulen und der Bildung zugutekommen sollen und nicht zur Deckung von Haushaltslöchern bestimmt sind.

Vier Jahre liegen jetzt vor Ihnen. Was denken Sie: Wird die Uni 2018 noch genauso viele Institute haben wie heute oder doch weniger?

Ich würde das nicht in Instituten rechnen, ich würde das auch nicht in Fakultäten rechnen. Ich denke, dass wir in Aufgaben rechnen. Möglicherweise müssen wir auch demnächst Forschung und Lehre in funktionalere Zusammenhänge bringen. Ich hänge nicht an der Struktur, sondern ich hänge an den Aufgaben, die erfüllt werden müssen, und es gibt längst alternative Möglichkeiten, die wir in der nächsten Zeit auch einmal diskutieren wollen: ob die klassische Struktur mit Fakultäten, Instituten und Seminaren für die Zukunft wirklich die optimale ist.

Foto: Uni Halle

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Über Markus Kowalski

studiert Politikwissenschaften und Germanistik, hält aber wenig von den alltäglichen Politik-Nachrichten. Meistens ist er mit einem coffee-to-go auf dem Uniplatz anzutreffen.

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Erstellt: 07.10. 2014 | Bearbeitet: 29.01. 2015 20:08