Jun 2014 hastuPAUSE Nr. 54 0

Ich will so bleiben, wie ich bin

Bei vielen neurologischen Erkrankungen verspricht die Tiefe Hirnstimulation Heilung. Als eine Nebenwirkung kann sich aber die Persönlichkeit des Patienten verändern. Welchen Preis wollen wir für unsere Gesundheit zahlen?

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

Wer sich eine Erkältung einfängt, muss womöglich einige Tage im Bett liegen. Das ist nicht angenehm, aber zumindest nur vorübergehend. Auch andere Erkrankungen, die durch Bakterien oder Viren verursacht werden, sind häufig durch Medikamente kurierbar. Neurologische Krankheiten wie Parkinson, Epilepsie, Zwangsstörungen, das Tourette-Syndrom oder Depressionen sind medikamentös jedoch häufig nicht gut therapierbar. Elektroden im Gehirn sollen nun dabei helfen, die verschiedensten Beschwerden zu mindern und auch zu beheben. Diese Methode nennt man »Tiefe Hirnstimulation«.

Im Prinzip werden Elektroden im Inneren des Gehirns implantiert und über einen Schrittmacher elektrisch so stimuliert, dass die Aktivität eines Hirnareals vorübergehend aktiviert oder deaktiviert wird. Durch den Schrittmacher kann die Elektrodenstimulation reguliert und daher gut angepasst werden. Eine Deaktivierung kann rückgängig gemacht werden. Diese Methode hat daher weniger Risiken als eine klassische Operation am Gehirn.
Die spektakulären Erfolge in den letzten Jahren zeigen das enorme Potential dieser Heilungsmöglichkeit, trotzdem gibt es Nebenwirkungen. Dick Swaab schreibt in seinem Buch »Wir sind unser Gehirn«, dass Patienten nach dem Eingriff mit einer Tiefenelektrode meist reizbarer und labiler sind, obwohl sich ihr gesundheitlicher Zustand deutlich gebessert hat. Bei etwa 9 Prozent werden psychiatrische Komplikationen erkannt, zum Beispiel Psychosen, sexuelle Enthemmungen, Spielsucht, impulsivere Entscheidungen, Weinkrämpfe, Verstärkungen von Depressionen und Selbstmordgedanken. Auch das Setzen der Elektrode kann Blutungen oder Hirnschädigungen hervorrufen und zieht Demenzerscheinungen nach sich, welche aber durch den Stimulator reguliert werden können. Beim Einstellen der elektrischen Impulse muss immer zwischen Wohlbefinden des Patienten und den Nebenwirkungen abgewogen werden.
Diese neue Technologie wirft zudem philosophische Fragen auf: Hat man als Mediziner das Recht, in die Persönlichkeit einzugreifen? Aus Sicht der Ärzte existiert jetzt eine effektive Möglichkeit, schwere neurologische Krankheiten zu heilen. Aus Sicht der Patienten kann deren Persönlichkeit gegen ihren Willen verändert werden. Für das soziale Umfeld der Patienten sind diese Veränderungen schwer zu verarbeiten.

Kann eine Persönlichkeitsveränderung sogar gut sein? Führt ein Mensch, der sich von früh bis spät ununterbrochen die Hände wäscht und kein soziales Leben mehr hat, ein schönes Leben? Das soziale Umfeld sagt nein, der Patient ja. Sie fühlen sich bei ihrer Zwangshandlung gut, weil dabei wahrscheinlich Dopamin im Gehirn freigesetzt wird. Ziel der Behandlung ist demnach, dass Betroffene sich auch ohne ihren Zwang gut fühlen. Für die Menschen in sozialer unmittelbarer Nähe, wie Eheleute, Kinder, Verwandte und Freunde bereitet die Persönlichkeitsveränderung Probleme: Ist das noch der Mensch, den man geheiratet hat?

Nach der Behandlung geht es den Patienten meist gut, da ihre Symptome gemindert wurden. Sie wollen in den meisten Fällen ihre Stimulation nicht mehr rückgängig machen lassen. Sollte der Patient allerdings vor der Behandlung den Wunsch geäußert haben, die Stimulation rückgängig zu machen, wenn seine Persönlichkeit verändert wird, gibt es für den Arzt ein moralisches Problem. Denn wenn es dem Patienten mit der Behandlung besser geht, seine Persönlichkeit aber verändert wurde und er dann die Behandlung nicht mehr rückgängig machen will, muss sich der Arzt entscheiden: Soll er auf den jetzigen oder den früheren Patienten hören? Handelt es sich hierbei um zwei verschiedene Menschen?
An der Methode wird weiter geforscht, um die Behandlung des Gehirns zu verbessern und die Nebenwirkungen zu dezimieren. Deswegen wirft die Tiefe Hirnstimulation Fragen nach der Macht auf: Wird es in Zukunft möglich sein, einen Menschen auf Knopfdruck zu verändern? Kann man Menschen so kontrollieren?

Über Christoph Kastner

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Erstellt: 12.06. 2014 | Bearbeitet: 11.06. 2014 14:54