Mai 2014 hastuUNI Nr. 54 0

Gestörte Harmonie

In diesem Semester haben viele Studierende der praktischen Ausbildung in der Musikpädagogik keinen Unterricht erhalten, da ihre Lehrbeauftragten streiken.

Foto: Johanna Sommer

Foto: Johanna Sommer

Seit dem 7. April entfällt für sehr viele Musikstudenten der Unterricht, da ihre Veranstaltungen zufällig von einem Lehrbeauftragten unterrichtet werden und nicht, wie bei den anderen von Professoren oder festangestellten Dozenten. Doch wie kam es dazu?

Dass die Politiker des Landes Sachsen-Anhalt an der MLU kürzen wollen, ist klar. Es liegt an der MLU ein Defizit von sechs bis sieben Millionen Euro vor. Dieses »Loch« wird mit dem Geld des Hochschulpakts aus dem Haushalt des Bundes und der Länder gefüllt. Da das Rektorat sich mit dem Ministerpräsidenten auf die Summe der Kürzungen geeinigt hat und einsparen muss, verwendet die MLU nur 5,9 Millionen von den zur Verfügung stehenden 19,8 Millionen Euro. Statt alle Gelder aus dem Hochschulpakt auszugeben, will das Rektorat einen Teil zurücklegen und ordnet stattdessen eine Sachmittelkürzung von 30 Prozent an. Aus »Sachmitteln« werden auch die Lehrbeauftragten der Musikpädagogik bezahlt, da sie keine Festangestellten, sondern Honorarkräfte sind.

Im Musikinstitut sind viele Studierende betroffen, die sich zum Problem nur anonym äußern wollen. »Ich weiß nicht, wann ich wieder Unterricht haben werde«, sagt eine Studentin. »Ich habe Glück: In meinem Hauptfach Gesang habe ich keinen Lehrbeauftragten, aber mein Nebenfach fällt erst einmal aus.« Ein anderer Student ist verzweifelt: »Ja, klar bin ich wütend über die Sachmittelkürzung. Mein Hauptfach Klavier und mein Nebenfach Gitarre fällt weg. Wie soll ich denn da die Prüfungen im Sommer bestehen? Alleine üben bringt ja nichts, wenigstens hilft mir eine Studentin aus dem oberen Semester. Die Profs kannst du nicht um Überstunden bitten, die sind auch so schon ausgelastet.« Viele Studenten haben auch Angst, dass sie das Semester nicht angerechnet bekommen und länger studieren müssen. »Gerade das BAföG-Amt akzeptiert keine Ausreden. Ich habe schon von einer gehört, die bald die Punkte vorlegen muss, was bei dieser Situation hier nicht geht«, so ein Student. Dennoch waren sich alle einig, dass sie die Lehrbeauftragten unterstützen. »Es ist einfach frech, dass sie nur 15 Euro erhalten. Ein Bachelor-Absolvent erhält später als Berufsanfänger viel mehr, wenn er an eine Musikschule geht.« In Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater bekommen die Lehrbeauftragten 30 Euro und in Dresden sogar 41 Euro.

An den Universitäten sind schon früher Institute geschlossen wurden, dazu gehörte auch das Institut für Musik der Uni Magdeburg. Ab dem Wintersemester 2009/10 wurde das Fach an der MLU konzentriert. Durch die Zusammenlegung seien fünf Millionen eingespart worden, wie Prof. Jochen Köhler, Geschäftsführender Direktor der Abteilung Musik/Künstlerische Praxis in einer Stellungnahme vom 5. April 2014 an den Rektor der MLU schreibt. Von dem vielen Geld, das eingespart wurde, hat das Institut aber nicht sehr viel wiedergesehen. Im Januar 2013 gab es mehrere Gespräche zwischen dem damaligen Kanzler Dr. Hecht, Prorektor Weiser, Vertretern der Fakultät und des Institutes. Damals wurde festgelegt, dass die Musikpädagogik 175 000 Euro sowie Einnahmen aus den Studiengebühren und einen Ausgleich für die Erhöhung der Studierendenzahlen in der Grundschulpädagogik und das damit verbundene erhöhte Lernpensum erhalten soll. Die Studiengebühren erklären sich damit, dass mit der Zustimmung des Fachschaftsrats Musik, Sport und Medien seit dem Wintersemester 2013 Semestergebühren für das Konzertexamen eingeführt wurden. Am 13. Mai 2013 gab es dazu eine Stellungnahme vom Fachschaftsrat: Ab Oktober müssten die fünf Studenten 500 Euro pro Semester zahlen, schließlich sei dieses Konzertexamen eine Zusatzqualifikation nach dem Master und kein grundständiges Studium. Mit diesem Geld sollen die weiteren Kosten, die mit dem Studiengang entstehen, gedeckt werden. Die Einnahmen aus den Gebühren in Höhe von 2500 Euro sollten für das Institut verdoppelt vom Rektorat freigegeben werden. Außerdem waren 4950 Euro für die Ausbildung angehender Grundschullehrer nötig, die auf Kosten des Instituts für Musik unterrichtet werden, weil das Institut für Grundschulpädagogik diese Mittel nicht zur Verfügung hat.

Im Sommersemester 2013 gab es, nachträglich vom Rektorat festgelegt, nur 160 000 Euro für die Musikpädagogik. Mit der Reduzierung des Geldes vom Rektorat war das Institut gezwungen, mit zwei Sonderzuweisungen der Philosophischen Fakultät II und durch sparsames Wirtschaften einen ausgewogenen Haushalt 2013 zu erreichen, was den 40 Lehrbeauftragten nichts einbrachte, ihr Gehalt blieb bei 15 Euro für 45 Minuten. In einem weiteren Gespräch im Herbst 2013 mit Dr. Alexandra Denzel-Trensch, Abteilungsleiterin der Finanzen der MLU, Prof. Köhler und Dr. Matthias Buck, geschäftsführender Referent der Philosophischen Fakultät II, wurde der Haushaltsplan 2014 aufgestellt. Dieser Plan sei »die absolute Untergrenze des Realisierbaren«, schrieb Prof. Köhler im Nachhinein in einer Stellungnahme der Musikpädagogik. Er könne diesen Haushaltsplan von 2014 nicht länger verantworten, weil er damit den vorgegebenen Finanzrahmen drastisch überschreiten müsste und keine Lehrbeauftragten mehr genehmigen kann, denn hinzu kam noch eine Sachmittelkürzung von 30 Prozent.

Für den Ausfall der bisherigen 300 Stunden pro Woche war der Fachschaftsrat Musik, Sport und Medien auch schon beim Rechtsanwalt des Stura, um zu erfragen, wie gut die Chancen bei einer Klage gegen die Uni wären. Hierzu meinte Steffen Lange, erster Sprecher des FSR: »Laut seinen Worten verhält sich die Uni rechtswidrig, wenn sie nichts unternimmt in dem Fall, dass niemand zu dem Preis arbeiten will.«

Das Rektorat hatte die 30-prozentige Sachmittelkürzung am 23. April 2014 zurückgezogen, will aber, dass innerhalb der nächsten sechs Wochen ein Plan vorgelegt wird, um die Honorarsätze zu erhöhen, indem die Gesamtzahl der Honorarstunden reduziert wird. »Das würde zu Gruppenunterricht, weniger Studierenden und Wegfall von Studiengängen führen«, so Steffen Lange.

Am 29. April bezogen die Lehrbeauftragten in einem Schreiben an den Rektor, den Dekan der Phil. Fak. II Prof. Gerd Antos und den Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Musik Prof. Köhler Stellung. Die Lehrbeauftragten fühlen sich für ihre Studenten verantwortlich. Es reicht ihnen nicht, dass die Sachmittelkürzungen zurückgezogen wurden und sie wieder 15 Euro pro Stunde erhalten werden. Sie halten an 25 Euro pro Unterrichtsstunde fest. Rechtlich wollen sie das belegen durch die geltenden Richtlinien der Universität, wie sie schreiben: »Danach beträgt der Stundensatz für Lehrbeauftragte a) mit den Aufgaben einer Lehrkraft für besondere Aufgaben, die ein Studium an einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Hochschule abgeschlossen haben oder entsprechend qualifiziert sind, bis zu 21,40 Euro und b) die ein Studium an einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Hochschule abgeschlossen haben und Lehrangebote wie ProfessorInnen wahrnehmen, bis zu 36,69 Euro.«

Der Fachschaftsrat Musik, Sport und Medien steht hinter den Lehrbeauftragten, wie Steffen Lange erklärt. Mit einer Straßenmusikaktion am 30. April »Musik für die Welt. Gegen den Abbau der Musikpädagogik an der Uni Halle.« haben sie mit den anderen Studierenden auf die Thematik aufmerksam gemacht. Um 12 Uhr musizierten sie gleichzeitig am Musikinstitut, der Ökoase, Roter Horizont, N8, Kreuzung Händelhaus und am Neuen Theater.

Sie wollen die sofortige Wiederaufnahme des Unterrichts und eine bessere Bezahlung ihrer Lehrer.

Die Lehrbeauftragten sind inzwischen wieder bereit die Lehre aufzunehmen, allerdings ist dies aus arbeitsrechtlichen Grüden ohne Vertragsunterzeichnung nicht möglich. Für die Senatssitzung am 14. Mai haben Dr. Renate Federle, Vorsitzende des Personalrats, und der erste Stellvertreter Bertolt Marquardt beantragt, die Gehälter der Lehrbeauftragten in einem Tagesordnungspunkt zu besprechen.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 14.05. 2014 | Bearbeitet: 27.05. 2014 20:50