Dez 2014 hastuPAUSE Nr. 57 0

Gendern im Oman

Das Sultanat am Golf schreibt weder das Kopftuch vor wie der Iran, noch gibt es ein Fahrverbot für Frauen wie in Saudi-Arabien. Trotzdem ist das Bild an der Universität ein völlig anderes als hier.

Foto: Alexander Kückes

National Day auf dem Campus der SQU.

Foto: Alexander Kückes

Neben mir ertönt ein charakteristischer Pfiff. Am Anfang dachte ich, das müsse eine Art Kuckucksuhr sein. Aber nach kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt, dass wieder bloß irgendein Smartphone eine WhatsApp-Nachricht empfangen hat.

Es ist die Zeit nach einer Vorlesung, in der viele Studenten ihre Geräte aus der Tasche holen und anfangen zu tippen. Schnell habe ich begriffen, dass ein Großteil der Kommunikation unter den Kommilitonen über Sofortnachrichten auf dem Handy läuft. Für mich eine großartige Gelegenheit, Arabisch zu lernen, denn im Gegensatz zum gesprochenen Wort kann man sich die Unterhaltung auf dem Handy später noch einmal durchlesen und Vokabeln besser merken.

Oman gilt als eines der heißesten Länder der Erde. Das Land am östlichen Ende der arabischen Halbinsel ist fast so groß wie Deutschland, kommt aber über die Einwohnerzahl von Berlin kaum hinaus. Durch ein DAAD-Jahresstipendium hatte ich die Möglichkeit, in den vergangenen zwei Semestern an der Sultan-Qaboos-Universität (SQU) in Omans Hauptstadt Maskat zu studieren.

Karte: Central Intelligence Agency (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oman_1996_CIA_map.jpg)

Karte: Central Intelligence Agency (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oman_1996_CIA_map.jpg)

Der Sultan spielt eine zentrale Rolle im Leben der Omaner. Das Staatsoberhaupt, nach dem die Uni benannt ist, hat im Jahr 1970 – mit Einverständnis der Briten – in einer palast­internen Revolte seinen Vater abgesetzt. Seitdem hat das Land, nicht zuletzt aufgrund Qaboos« vorausschauender Politik, eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Das Sultanat ist zwar eine absolute Monarchie, das Staatsoberhaupt hat aber Reformen in Richtung einer konstitutionellen Monarchie angestoßen. Das Parlament mit beratender Funktion wird alle drei Jahre gewählt. Im Moment residiert Qaboos gesundheitsbedingt in Deutschland. Er gilt bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als moderater und weiser Herrscher, der seinem Volk zu Wohlstand verholfen habe. Außenpolitisch fungierte er oft als Vermittler in überregionalen Konflikten, wie während iranisch-amerikanischer Zerwürfnisse.

Farbcode und getrennte Sitzordnung

Auf seine Initiative hin wurde im Jahr 1986 die SQU gegründet, die bis heute die einzige staatliche Universität im Sultanat ist. Alle neun Fakultäten liegen auf einem gemeinsamen Campus und decken zusammen mit der Uni-Klinik alle wichtigen wissenschaftlichen Bereiche ab. Kosten für Unterkunft und Verpflegung (auch die Mensa) werden vom Staat übernommen.

Durch die landestypische Kleiderordnung gestaltet sich ein für Mitteleuropäer ungewohntes Bild: Studentinnen tragen den schwarzen Umhang, die Abaya, die für die Hauptstadt typisch ist. Das Kopftuch ist keine Pflicht, aber die meisten fühlen sich damit einfach wohler. Neben dem Smartphone macht eine schicke Handtasche das Bild komplett. Die Studenten setzen sich zur weißen Dishdasha eine Haube aufs schwarze Haar, die Kumma. Deren Farben passen elegant zur Tarbusha, einer Quaste, die wie ein Wimpel neben dem Halsverschluss der Dish­dasha baumelt. Omanische Professoren und Angestellte der Universitäten tragen über der Kumma noch den bunten, eng anliegenden Turban, den Massar.

Bei einer Talentshow sitzen Studentinnen und Studenten getrennt in der großen Aula. Foto: Alexander Kückes

Bei einer Talentshow sitzen Studentinnen und Studenten getrennt in der großen Aula.

Foto: Alexander Kückes

An der SQU wird streng darauf geachtet, dass der Kontakt zwischen Frauen und Männern möglichst gering gehalten wird: In den Vorlesungen sitzen Studenten vorne, Studentinnen hinten und weiter oben, während in den Seminarräumen die Frauen links und die Männer rechts sitzen. Es gibt extra Gänge und Aufenthaltsräume für Frauen. Auch in den Bibliotheken gibt es getrennte Bereiche, und im Mensa-Gebäude sind die Säle für Männer und Frauen jeweils auf verschiedenen Etagen. Während der gesamten Zeit an der SQU habe ich niemals beobachtet, dass sich ein Student während eines Seminars zu seiner Kommilitonin umblickt, wenn sie etwas zu einer Diskussion beiträgt. Das würde dem Anstand widersprechen. Sogar wenn ein Student einen Vortrag hält oder etwas präsentiert, blickt er nur seine männlichen Kommilitonen an – es sei denn, eine Studentin stellt eine Frage.

Bei einer Talentshow in der großen Aula war im Parkett und auf der linken Tribüne alles voller weißer Dishdasha-Gewänder der Männer, während auf den gegenüberliegenden Tribünen die schwarzen Abaya-Umhänge der Frauen dominierten.

Sonderstellung der Frauen – zwischen Moderne und Tradition

Aus omanischer Perspektive hat diese räumliche Trennung weniger mit Zwang zu tun, schon gar nicht mit Unterdrückung; vielmehr scheint es eine kollektive Einsicht zu sein, dass die jungen Frauen das kostbarste Gut der Gesellschaft seien. Die Studierenden kommen aus allen Teilen des Landes, und wenn Studentinnen während der Vorlesungszeit auf dem Campus leben, übernimmt die Universität gegenüber den weit entfernt wohnenden Eltern die Verantwortung für deren Töchter.

Damit erklärt sich auch der Umstand, dass nur Studentinnen in den Wohnheimen auf dem Campus zugelassen sind und sie sich frei auf dem Campus bewegen dürfen. Um weibliche Studierende nach Einbruch der Dunkelheit aus den Toren zu lassen, benötigt die Universität allerdings in vielen Fällen das Einverständnis der Eltern.

Das hört sich für deutsche Ohren zunächst fremd an, wird dort aber als selbstverständlich aufgefasst und trägt dazu bei, den Anspruch als Elite-Einrichtung des Landes aufrechtzuerhalten. Zur Zeit ihrer Gründung vor knapp 30 Jahren war es für die Region überaus fortschrittlich, Frauen überhaupt zum Studium zuzulassen. Die scheinbar übertriebene Fürsorge trug damals wesentlich dazu bei, dass Eltern sich dazu bereit erklärten, ihre Töchter für eine höhere Ausbildung »freizugeben«. Heute ist die Anzahl von Studentinnen und Studenten in den verschiedenen Fachrichtungen annähernd gleich, und es heißt, es gebe sogar eine Männerquote, um bei den Immatrikulationen eine gleiche Gewichtung zu gewährleisten.

Lockere Sitten an der GUtech

Ganz anders ist das Spannungsfeld an der GUtech, der 2007 gegründeten German University of Technology in Oman, die 2012 in ein neues, sehr modernes Gebäude am Stadtrand von Maskat gezogen ist. Sie ist die erste Hochschule auf der arabischen Halbinsel, die mit einer deutschen Bildungseinrichtung assoziiert ist. Ebenso steht sie in engem Austausch mit der renommierten Technischen Universität in Aachen und ist die erste private Universität im Sultanat, deren Studiengänge international akkreditiert wurden.

Hier fällt auf, dass sehr viel mehr Studentinnen als Studenten eingeschrieben sind. Das mag damit zusammenhängen, dass viele wohlhabende Eltern ihre Söhne für eine möglichst gute höhere Bildung ins Ausland schicken, während viele Töchter als Ausgleich die teuerste private Universität des Landes besuchen. Für Omaner kostet ein Semester an der GUtech umgerechnet knapp 6000 Euro, für Nicht-Omaner noch viel mehr.

Eine Gender-Trennung wie an der öffentlichen Sultan-Qaboos-Universität kann man hier kaum beobachten. Ich hatte mich an der SQU schon daran gewöhnt, den nötigen Abstand zu omanischen Studentinnen zu halten. Als ich für ein Praktikum an die GUtech kam, habe ich deshalb zuerst gezögert, mich in der Mensa ohne Weiteres neben eine verschleierte junge Frau zu setzen, aber der Umgang zwischen den Studentinnen und Studenten ist sehr viel offener und lockerer als in der 20 Minuten entfernten größeren Universität. Im modernen Innenhof oder draußen auf der Treppe sieht man auch mal, wie ein Student und eine Studentin sich ungezwungen näher kennenlernen oder angeregt diskutieren. Beiden gemeinsam ist allerdings die konservativ gehaltene Kleiderordnung.

Erst als ich wieder in Deutschland war, habe ich mich gefragt, warum Smartphones am Golf so viel verbreiteter sind als bei uns. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Gesellschaft nicht nur reich ist, sondern auch eher traditionell. Das macht WhatsApp zu einem willkommenen Instrument, um die Kommunikation zwischen jungen Omanerinnen und Omanern anzuregen.

  • Alexander studiert Nahoststudien und Geographie (Bachelor)

 

Über Alexander Kückes

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Erstellt: 25.12. 2014 | Bearbeitet: 10.05. 2015 02:00