Mai 2014 hastuUNI Nr. 54 0

Euphorisch dagegen

Der Protest geht weiter: Ein Bericht über die letzte Kürzungs-Demo und die Hintergründe der Spardebatte

Foto: Markus Kowalski

Foto: Markus Kowalski

Lauter, schriller, direkter: Der »Bildungsstreik 2014« ist eröffnet. Auf der Großdemonstration am 29. April brachten viele Studierende ihren Ärger über die Sparpolitik der Landesregierung klar zum Ausdruck: »Schlagen Sie uns Studenten aus den vielen Ländern nicht die Tür vor der Nase zu«, rief Eric Salazar als Vertreter der internationalen Studierenden wütend ins Mikrofon. Wegen der geplanten Schließung des Studienkollegs waren die internationalen Studierenden mit Fähnchen ihrer Herkunftsländer und Transparenten zur Demo gekommen. Noch deutlicher wurde ein Redner auf der Kundgebung vor der Leopoldina, als Kultusminister Stephan Dorgerloh zuhörte: »Wer die Zukunft abwählt, wird selber abgewählt!« Die Menge johlte, als wollte sie den am Rande stehenden Minister gleich persönlich absetzen.

Nach Polizeiangaben waren 6300 Menschen zu der Großdemo gekommen. Die einzelnen Institute hatten ihre Studenten mobilisiert, Schilder gebastelt, T-Shirts bedruckt. Die Geowissenschaftler riefen im Sprechchor mit großer Euphorie »Geo bleibt!« Am Mikrofon wurde später von einer Rednerin der Soziologen Max Weber zitiert: »Politik bedeutet langsames Bohren von harten Brettern«. Die Antwort darauf lautete kämpferisch: »Die Bretter, die aus Magdeburg kommen, werden wir zerhacken!« Die Menge jubelte begeistert. Mit lauter Musik und fast schon in Partylaune zog die Protestmasse in Richtung Uniplatz. Während Rektor Udo Sträter im vergangenen Jahr noch selbst zum Mikrofon griff, blieb er dieses Mal der Demonstration fern – augenscheinlich fühlt er sich an die im »Bernburger Frieden« vereinbarten Kürzungen gebunden. Mit Seitenhieben auf das Rektorat hielten sich Demonstranten und Redner dennoch zurück.

Aber welche Studiengänge stehen jetzt genau auf der Streichliste?

Die Streichliste ist lang

Foto: Christian Schön

Foto: Christian Schön

Ende März hatte Sachsen-Anhalts Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) das neue Konzept der Landesregierung für die Hochschulen, den Hochschul­strukturplan, vorgestellt. Darin erläutert die Regierung, wie sie mit den Hochschulen im Land in den nächsten Jahren verfahren will. Dabei sollen vor allem Schwerpunkte an jedem Standort gesetzt werden. An der MLU will Möllring »die Profilierung in den Natur- und Geisteswissenschaften, bei der Lehrerbildung und in der Hochschulmedizin«. Diese Forschungsschwerpunkte haben aber zur Folge, dass jede Uni bestimmte Studiengänge verliert.

In Halle sollen konkret die Medien- und Kommunikationswissenschaften, der Bereich der Psychologie und die Informatik wegfallen. Ebenso steht der hallische Standort des Studienkollegs vor dem Aus, das die internationalen Studierenden auf ein Studium vorbereitet. Gleichzeitig sollen die Unis in Leipzig, Jena, Magdeburg und Halle stärker miteinander kooperieren. Die Idee dahinter ist, dass an der einen Uni Studiengänge geschlossen werden und diese Studenten dann an der anderen Uni weiterstudieren. Mit dieser Begründung sollen die Geo- und Sportwissenschaften in Halle geschlossen werden. Diese Studenten könnten nach Möllrings Vorstellung dann nach Leipzig wechseln.

Mit dieser Streichliste will die Landesregierung Geld einsparen. Die Vertreter des Stura bemängeln, dass es für die geplanten Schließungen keinerlei inhaltliche Begründungen gibt. Diese Willkür zeichne sich besonders bei den Medien- und Kommunikationswissenschaften (MuK) ab: Die Stadt Halle und die Staatskanzlei des Landes hatten Halle als Medienstandort vorgesehen, daher wurde auch das Multimediazentrum (MMZ) gebaut und gefördert. Fallen jetzt die MuKler weg, wäre auch die Idee vom Medienstandort Halle dahin.

Schon wieder Protest?

Nach der großen Protestwelle im letzten Jahr fragen einige Studenten, ob der weitere Protest überhaupt etwas bringt. Auf der Vollversammlung der Studierenden Mitte April im Audimax wurde dieses Thema heftig diskutiert. Sebastian Lüdecke, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, ermutigte aber zu weiterem Protest. »Die großen Demonstrationen letztes Jahr haben die Landesregierung beeindruckt. Der Ministerpräsident lenkte aus Angst vor weiteren Protesten ein und macht im ›Bernburger Frieden‹ Kompromisse«, sagte er.

Der Termin für den nächsten Protest ist schon festgelegt: Für den 20. Mai planen die Aktionsbündnisse verschiedener Universitäten einen bundesweiten Bildungsstreik. Schließlich betrifft die Kürzungspolitik nicht nur Sachsen-Anhalt, sondern zahlreiche Bundesländer, in denen ähnliche Einsparungen bevorstehen. Bei diesem Bildungsstreik sollen in allen betroffenen Universitätsstädten gleichzeitig Demos stattfinden und auf die allgemeine Problematik hinweisen.

Die zweite Protestwelle 2014 soll nicht nur ein quantitativer, sondern vor allem ein qualitativer Protest werden: »Wir wollen nicht nur sagen, dass wir gegen Kürzungen sind, sondern auch warum«, sagte Anne Geschonneck, hochschulpolitische Referentin im Stura, bei der Vollversammlung. Ob die Proteste gegen die Kürzungsvorhaben helfen werden, bleibt unklar.

Information in eigener Sache: In einer früheren Version dieses Artikel wurde bei einem Zitat Felix Knispel zitiert. Dieser hat diese Worte jedoch nicht gewählt. Entschuldigung für den Fauxpas.
28. Mai 2014

Über Markus Kowalski

studiert Politikwissenschaften und Germanistik, hält aber wenig von den alltäglichen Politik-Nachrichten. Meistens ist er mit einem coffee-to-go auf dem Uniplatz anzutreffen.

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Erstellt: 13.05. 2014 | Bearbeitet: 28.05. 2014 17:22