Apr 2014 hastuPAUSE Nr. 53 0

Erasmus 2.14 à la française

Eine ordentliche Portion Social Media gehört heute zu einem Auslandssemester dazu, durfte hastuzeit-Auslandskorrespondentin Julia in Frankreich feststellen.

Foto: Julia Plagnetz

Foto: Julia Plagentz

Wenn ich etwas liebe, dann sind es gestellte Fotos. Wer erwägt, ein Erasmussemester zu absolvieren, sollte sich schon mal vorsichtshalber die Mundwinkel knapp unter die Augen tackern.

Dabei war mein erstes Wochenende im nordfranzösischen Caen Anfang Februar tatsächlich sehr angenehm. Warum nur mussten meine gerade kennengelernten Erasmuskumpanen alle fünf Minuten alles fotografisch festhalten und anschließend der Facebookgemeinde präsentieren? Wen interessiert das eigentlich? Nun, im Grunde sollte ich hier ganz still sein, schließlich habe ich nach meinem überkritischen Anti-Facebookartikel (hastuzeit 50) schrecklicherweise mein Profil sehr umständlich wieder reaktiviert, um mir das Leben etwas einfacher zu gestalten. Gewissensbisse inklusive. Allerdings hat mir dies einiges erleichtert, da so ziemlich alles über das soziale Netzwerk lief, über das ich so viel Böses und leider Wahres in die Welt gestreut hatte. An meiner Kritik hat sich allerdings grundsätzlich nichts geändert, ich bin nur eben schwach, ein bisschen faul und inkonsequent obendrein. Damit schließe ich mich dem Rest meiner Zeitgenossen an.

Mobil sind Studenten heute in jedem Fall. Je größer die Welt, in der wir uns bewegen, desto kleiner und unwichtiger erscheinen wir uns offenbar selbst. Unendliche Möglichkeiten sowie Reizüberflutung überall und immerzu überfordern den kleinen Menschen. Um sich nicht völlig zu verlieren, wird jeder Schritt, sei er noch so klein, digital dokumentiert. Wohl aus lauter Angst, man könne den Moment womöglich noch einfach nur genießen und als Souvenir dann nur eine popelige Erinnerung im Langzeitgedächtnis davontragen. Tatsächlich nämlich ist es nicht mehr der Moment selbst, der uns glücklich stimmt. Wir verschieben den Zauber des Augenblicks zeitlich nach hinten und räumlich von der erlebten in die virtuelle Realität. Somit laufen wir Gefahr, den Zauber des Augenblicks zu schmälern und uns selbst um diesen zu betrügen. Dass wir zu besagtem Zeitpunkt tatsächlich gerade hektisch nach unserer Kamera gewühlt und uns unauthentisch in Szene gesetzt haben, wird nämlich ausgeblendet. Mein trauriger Höhepunkt dieses Wahnsinns war, als eine Amerikanerin ein Häufchen Stroh in einer Glasvitrine in Nahaufnahme für die Ewigkeit festhielt. Auch nach längerem Suchen meinerseits konnte ich daran absolut nichts Besonderes feststellen.

Schlimmer als das pedantische, weil in der Tat unmögliche Konservieren von Glücksmomenten (nun, ob das Strohbild einen Glückmoment festhält, sei mal dahingestellt), ist die Tatsache, dass beim Hochladen solcher Bilder ins Netz immer der Blick der virtuellen Öffentlichkeit mitschwingt. Wir sind, was andere in uns sehen und damit entwerten wir uns selbst und machen uns zu einem Teil des oberflächlichen Einheitsbreis unserer Generation.

Ich habe mich mit meinem coolen Nicht-Smartphone zum Aufklappen, meinem Normandie-Reiseführer in Buchform und meinem Stadtplan schnell als rückständige Fortschrittsverweigerin geoutet. Diesen ganzen Quatsch braucht der moderne Austauschstudent nicht mehr, es gibt ja schließlich das Smartphone, das den ersten Teil seines Namens nicht wirklich verdient, wenn man sich einige seiner Nutzer mal genauer anschaut. Leider sind diese heute in der Überzahl und manche davon werden wohl auch mal unser Land regieren. Ich freu mich schon drauf.

Des Zwangslächelns müde, habe ich glücklicherweise noch ein paar liebe Leute meiner Gattung kennengelernt. Anfangs ist es wie am ersten Schultag: Man rottet sich gezwungenermaßen zusammen, betreibt oberflächlichen und recht belanglosen Smalltalk und im Laufe der nächsten Wochen kristallisiert sich heraus, mit wem man eine Wellenlänge teilt oder eben auch nicht. Und während wir nun den schönen Augenblick genießen, ertappe ich mich beizeiten dabei, wie ich selbst als Einzige den Fotoapparat aus der Tasche ziehe, aber mittlerweile stecke ich ihn dann doch meist grinsend wieder zurück.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 23.04. 2014 | Bearbeitet: 23.08. 2014 16:25