Mai 2014 hastuINTERESSE Nr. 54 0

Entscheidergeneration

Was passiert, wenn Angela Merkel eine Bildungsrepublik fordert. Gedanken über die fehlende Wertschätzung von Bildung und Jugend.

Illustration: Han Le

Illustration: Han Le

»Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden.« Diesen Satz sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2008. Einige Jahre später drohen in Halle Studienplätze in Informatik, Geo-, Sport-, Medien- und Kommunikationswissenschaften und Teile der Psychologie ganz oder teilweise wegzufallen. Die Komplettrasur, der die Medizin zum Opfer fallen sollte, wurde nach massiven Protesten abgewendet. In Leipzig trifft es Theaterwissenschaften, Pharmazie und Archäologie. Jena bietet massenhaft Stellenstreichungen der Lehrenden auf. Die Traditionsuniversitäten bluten. Doch nicht sie allein. Die Universität Magdeburg verliert laut Planungen ihre Humanwissenschaften. Was wohl die Namenspatrone Luther, Schiller oder Guericke von solchen Plänen hielten? Heute fragt man sich: Was ist dieser Gesellschaft ihre Bildung noch wert? Doch diese Frage lenkt ab vom eigentlichen Hintergrund.

Nicht der Wert der Bildung steht in Frage, sondern der der Jugend

Ersetzt man »Bildung« durch »Jugend«, nähert man sich eher der Wahrheit. Im Mai 2013 beklagte Piratin Katharina Nocun in einem vielbeachteten Gastbeitrag in der Zeit, ihre Generation habe keine Lobby. Wer aufmerksam zuhört, kann weitere Signale hören. Im November 2013 wurde der neue Koalitionsvertrag der Großen Koalition verabschiedet. Nicht weiter erstaunlich, dass weder Junge Union noch Jusos damit zufrieden waren, außerordentlich erstaunlich aber, dass sie es aus denselben Gründen nicht waren: Sie fühlten die Jugend, also ihre Mitglieder, zu wenig berücksichtigt. Tatsächlich ist auffällig, dass bisher keine der großen Debatten das Thema Generationengerechtigkeit behandelt hat, obwohl sie Teil fast jedes Problems sind, mit dem wir uns befassen. Der Passus im Koalitionsvertrag, der sich mit einer neuen Finanzierung der Universitäten beschäftigen sollte (seit kurzem gilt für die Länder die Schuldenbremse, sie müssen sparen, der Bund müsste einspringen), flog kurz vor Ende der Verhandlungen aus dem Schriftwerk. Dabei wäre hier eine Reform dringend nötig. Die Universitäten, die für Angela Merkels Bildungsrepublik bilden sollen, gehen auf dem Zahnfleisch, während die großen freien Institute, vom Bund finanziert, doch ohne Lehrauftrag, überdurchschnittlich ausgestattet sind.

Ignorante Große Koalitionen

Foto: Markus Kowalski

Foto: Markus Kowalski

Doch die alternde Bevölkerung erkennt solche Probleme nicht, und die Jugend streitet noch nicht laut genug. Dank des demographischen Wandels ist es für die Politik auch gar nicht nötig, auf die nächste Generation zu hören. Wahlen entscheiden die Jungen schon lange nicht mehr. Trotzdem sind sie es, die in Zukunft Geld für allerhand alte Fehler erwirtschaften müssen, sind sie es, die Deutschlands wirtschaftlichen Vorsprung halten sollen. Doch die Berliner Große Koalition diskutiert lieber über Renten.

Überhaupt scheinen große Koalitionen anfällig für Ignoranz gegenüber Jugend und Bildung zu sein. Auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt sind es große Koalitionen, die den Universitätskahlschlag einfordern. In Sachsen-Anhalt kann man den Bund in Miniatur betrachten. Sind bundesweit gut ausgebildete Fachkräfte das Kapital, um weltweit erfolgreich zu sein, sind es in Sachsen-Anhalt junge Menschen, die unabdingbar für die Zukunft des Landes sind. Diese aber kommen nur durch die Universitäten nennenswert nach Sachsen-Anhalt, wie auch der deutsche Vorsprung im Bereich der Bildung nur durch gute Universitäten gehalten werden kann.

Doch sowohl im Bund als auch in den Ländern interessieren sich augenscheinlich Bevölkerung oder Politik nicht für Probleme dieser Art. Es muss und soll gespart werden, und das tut man dort, wo der Widerspruch am leisesten ist: an der Zukunft. Was ist der Gesellschaft die Ausbildung der Jugend noch wert?

Was ist von der Gesellschaft zu halten, die so tut, als gehe sie all das nichts an?

Politik und Gesellschaft scheuen den Blick in die Zukunft, und noch mehr fürchten sie die zukünftigen Probleme. Möglich, dass alternde Bevölkerung und alternde Politiker diese Zukunft kaum noch verstehen und sich deshalb dem Jetzt zuwenden. Möglich aber auch, dass es schlicht nicht in ihrem Interesse liegt, für morgen zu handeln. Ob sich die junge Generation dauerhaft mit ihrer Lobbylosigkeit abfinden wird, muss man bezweifeln. Es rumort, und es bleibt eine spannende Frage, wie sich die heute Jungen gegenüber der heutigen alten Entscheidergeneration in Zukunft verhalten werden. Ob sie solidarischer als diese sein werden, wenn es um deren Probleme geht: Um Pflege, Altersarmut und Krankheit.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 28.05. 2014 | Bearbeitet: 01.11. 2014 19:26