Okt 2014 hastuPAUSE Nr. 56 0

Ein Löwe, der mit Sand wirft

Die gusseisernen Tiere vor dem Löwengebäude kennt jeder. Die afrikanischen Löwen im Bergzoo sind sicher auch bekannt. Aber es gibt noch weit mehr Löwen in Halle. Tausende von ihnen spüren Tag für Tag mit ihren feinen Sinnen unsere Schritte, wenn wir über den hallischen Boden gehen.

Die Rede ist vom Ameisenlöwen, den sicher nur die wenigsten kennen. Dabei gehört er zu Halle wie wir Studenten. Das relativ trockene Klima sagt ihm dabei sehr zu.
An regengeschützten Stellen mit möglichst feinem Sand finden wir überall in der Stadt die charakteristischen Trichter, die die Ameisenlöwen in den Boden graben:

Foto: Stefan.lefnaer (CC BY-SA 3.0) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fallen_Ameisenlöwe.jpg

Foto: Stefan.lefnaer (CC BY-SA 3.0)

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fallen_Ameisenlöwe.jpg


Diese Grube graben sich die Ameisenlöwen selbst, indem sie dafür ihre mächtigen Mundwerkzeuge nutzen. Im Trichter versteckt wartet der Ameisenlöwe nun regungslos auf ein Beutetier. Wie der Name schon sagt, gehören Ameisen zu seiner Lieblingsspeise. Da man aber als Lauerjäger mit festem Wohnsitz nicht allzu wählerisch sein sollte und der Ameisenlöwe seine eigene Bezeichnung vermutlich nicht kennt, bereichert er seinen Speiseplan auch mit allen anderen Krabbeltieren wie Spinnen, Insekten und Asseln. Mit seinen feinen Haaren, die auf seinem Körper verteilt sind, spürt er die mikrofeinen Erschütterungen, die die potenziellen Beutetiere mit ihren vielen kleinen Beinen erzeugen.

Nähert sich das Opfer weiter, bringt sich der Ameisenlöwe in Position und dreht dabei der Erschütterungsquelle den Rücken zu. Erst wenn die potenzielle Mahlzeit ganz nah am Trichterrand steht oder sogar schon in den Trichter hineingerutscht ist, beginnt der Ameisenlöwe damit, seinem Opfer Salven von Sand entgegenzuschleudern. Für diesen Zweck klappt er seine großen Mundwerkzeuge zusammen, nutzt sie wie eine Schippe und katapultiert den Sand durch ruckartiges Anheben des Kopfes über seinen Rücken der Beute entgegen.

Durch den wie in einer Sanduhr vom Rand nachrieselnden Sand und durch die irritierenden Sandwürfe auf das Beutetier landet Letzteres meist nach kurzer Zeit an der tiefsten Stelle des Trichters. Dort reagiert der Ameisenlöwe schnell und packt seine Beute mit seinen großen Zangen. Diese Zangen dienen nicht nur zum Festhalten, sie fungieren auch als Injektionsnadel. Durch die hohlen Enden werden gewebezersetzende Stoffe in das Opfer gespritzt. Die sich von innen verflüssigende Mahlzeit wird nun durch die hohlen Zangen ausgesaugt. Die leere Verpackung wird ebenso wie jeglicher Müll (kleine Pflanzenteile) einfach über den Rücken aus dem Trichter hinauskatapultiert.

Löwenfütterung

Wie erwähnt kann man Ameisenlöwen an vielen Plätzen unserer Studentenstadt antreffen. Wer dieses kleine Wunder live und in Farbe bestaunen möchte, kann einen Ausflug zum Hohen Weg machen. Dort befindet sich gleich links unter dem Schild »Saaleterrasse« vor der Gaststätte »Ludwig der Springer« unter der Überdachung eine ganze Gruppe von Trichtern, die die Ameisenlöwen gegraben haben. Einige Meter weiter links stehen auch schon kostenlose Ameisen zur Verfügung. Einfach eine Ameise fangen, in den Trichter fallen lassen und dem Löwen beim Sandwerfen zusehen.

Foto: Joseph Berger, Bugwood.org (CC-BY-3.0-US)

Foto: Joseph Berger, Bugwood.org (CC-BY-3.0-US)

via http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Myrmeleontidae_%28antlion%29_5370350.jpg

Ordnung ist das halbe Leben

Wenn man die Trichter von verschiedenen Ameisenlöwen betrachtet, dann fällt schnell auf, dass es auch hier ordentlichere und weniger ordnungsliebende Individuen gibt. Die weniger Ordentlichen, bei denen sich allerlei Essensreste und andere Materialien ansammeln, bekommen beim Beutefang oft Probleme. Dabei behindert alles, was nicht in den Trichter gehört, einen schwungvollen Sandwurf und verhilft zudem noch der so lang erwarteten Mahlzeit durch geeignete Klettermöglichkeiten oft zur Flucht.

Warten auf bessere Zeiten

Ein Ameisenlöwe wohnt immer nur in einem Trichter. Da kann es schnell passieren, dass einige Exemplare Wochen bis Monate warten müssen, bis endlich mal wieder ein Beutetier in erreichbare Nähe kommt. Ameisenlöwen überstehen solch lange Durststrecken meist gut, und Letztere verlängern deren Kindheit.

Foto: Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)  www.flickr.com/photos/sanmartin/9564014813

Foto: Gilles San Martin (CC BY-SA 2.0)

www.flickr.com/photos/sanmartin/9564014813


Nur ein Kind?

Genau genommen sind Ameisenlöwen durchweg Kinder. Um es wissenschaftlicher auszudrücken, stellen sie das Larvenstadium der Ameisenjungfer dar. Ähnlich wie bei der Entwicklung einer Raupe zum Schmetterling verbringt die Larve, hier der Ameisenlöwe, ihr gesamtes Dasein im Sand und damit zu lauern und zu fressen. Hat der Ameisenlöwe in seiner ein- bis dreijährigen Larvenphase genug Kleintiere verspeist, baut er sich in seinem Trichter einen kugelförmigen Kokon aus Sand und verpuppt sich dort.

Eine anmutige Nachtlibelle

In einer schönen Sommernacht entschlüpft aus dem sandigen Kokon die hinsichtlich ihrer Form und Größe libellenähnliche Ameisenjungfer. Im Gegensatz zu den echten Libellen ist sie jedoch ein Wesen der Nacht und wird deswegen im Volksmund auch als Nachtlibelle bezeichnet. Als Freundin aller Studenten, die laue Sommerabende gern auf der Peißnitz verbringen, ernährt sich die Ameisenjungfer hauptsächlich von Mücken, die sie elegant im Flug erbeutet. Nach einer deftigen Mückenmahlzeit verpaaren sich die Ameisenjungfern und suchen dann nach trockenen und feinsandigen Plätzen für die Eiablage. Die Eier werden dicht unter der Erdoberfläche abgelegt, und eine neue Generation Ameisenlöwen erblickt das Dunkel der Erde.

Foto: Joseph Berger, Bugwood.org (CC-BY-3.0-US)

Foto: Joseph Berger, Bugwood.org (CC-BY-3.0-US)

via http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Myrmeleontidae_%28antlion%29_1252003.jpg

Über Matthias Neumann

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Erstellt: 31.10. 2014 | Bearbeitet: 09.12. 2014 21:39